Kultur

Der fast gute Nazi

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 31.10.2012 33 Kommentare

Ein neuer Fernsehfilm über Erwin Rommel will Hitlers Lieblingsgeneral entmystifizieren. Die Rommel-Erben erhoben gegen den Film Einspruch, den Medien ist er dennoch zu positiv.

1/4 Ein menschlicher Offizier – Ulrich Tukur (r.) als Erwin Rommel.

   

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«Rommel» wird am Donnerstag, 20.15, auf ARD ausgestrahlt.

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Legenden ranken sich um den Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel, Hitlers Lieblingsgeneral, der die übermächtige britische Armee nach Ägypten zurücktreibt und sich so den Titel «Wüstenfuchs» erwirbt. Dessen Fähigkeiten als Feldherr nicht nur Hitler, sondern auch Churchill Bewunderung abverlangen. Kalt, kühn und hocheffizient agiert er, immer an vorderster Front, dabei aber auch fair und sauber – Rommel gelang es schon zu Lebzeiten, den Respekt von Freund und Feind zu erringen. Ein tragischer Held – wenn er nur nicht Hitlers Vertrauter und Teil des Naziregimes gewesen wäre. Oder vielleicht gerade deswegen?

Täter oder Opfer?

Kann es so was geben – einen guten Nazi? Was die Faktizität anbelangt, sind das eher Fragen für Historiker. Journalisten hingegen interessieren sich für die Erzählungen, welche die historische Figur in der Nachbearbeitung immer wieder hervorbringt. War Rommel eher Täter, oder war er schliesslich auch Opfer der Nazis? Und wenn er beides war, welches waren die Wendepunkte im Schicksal? Und sind diese vielleicht auch symbolisch für das Geschick der Deutschen im Zweiten Weltkrieg insgesamt?

Ein Held, der keiner sein kann – diese Dynamik prägt auch heute noch die Populärgeschichtsschreibung zu Rommel, die zwischen Faszination und Entmystifizierung oszilliert – und in den letzten Jahren auch zahlreiche Bücher und Filme hervorgebracht hat. Guido Knopp legte 1998 den Film «Rommel – das Idol» vor, 2005 versuchte die ARD, dem Phänomen mit dem Dreiteiler «Mythos Rommel» auf die Spur zu kommen, auch das ZDF hatte mit «Rommels Krieg» (2007) und «Rommel. Mythos und Wahrheit» (2011) zwei Filme im Rennen.

Im Dienst eines Wahnsinnigen

Morgen Abend nun ist wieder die ARD dran mit dem Film «Rommel» vom «Tatort»-Regisseur Niki Stein. Die ehrgeizige 6-Millionen-Produktion von Nico Hoffmann ist für die deutschen Medien ein Anlass, sich nochmals zu fragen, wie viel Rommel von der Judenvernichtung gewusst haben mag und bis zu welchem Grad er sich zu Ende von Hitler abwandte, bevor er von diesem gezwungen wurde, eine Kapsel Zyankali zu schlucken.

Regisseur Stein verzichtet fast gänzlich auf eine Glorifizierung des Helden, indem er Rommels Zeit in Afrika, als er seine grössten Triumphe erfocht, ganz auslässt. Die Erzählung setzt stattdessen ein, als der Feldherr der Wehrmacht im Hauptquartier an der französischen Westfront sitzt und sich fragt, wie die Invasion der Alliierten noch zu stoppen ist. Als die deutsche Moral längst morsch ist und die meisten begriffen haben, dass Deutschland verloren ist. Und Rommel selbst, der von Hitler damit betraut worden war, die Küstenverteidigung von der Bretagne bis nach Holland zu organisieren, muss begriffen haben, dass er im Dienst eines Wahnsinnigen stand. So konzentriert sich der Film denn auch auf Rommels Zweifel, sein Grübeln, sein zögerliches Sichabwenden, das er dann doch nicht durchzog. Mit dem Attentat auf Hitler wollte der General nichts zu tun haben.

Einspruch der Familie

Schon während der Dreharbeiten des Films letzten Herbst erhoben Rommels Erben Einspruch gegen die ihrer Meinung nach zu kritische Darstellung Rommels. Ihr Grossvater sei kein «führertreuer Betonkopf» gewesen, so schrieb Rommel-Enkelin Catherine an den Verantwortlichen Boudgoust. Er habe in den letzten Jahren politische Einsicht gezeigt. Immerhin habe sich Rommel schon vorher Hitlers «Sieg oder Tod»-Befehl widersetzt und sich gegen dessen Befehl aus El Alamein zurückgezogen. Die Macher trafen sich daraufhin mit der Familie zu klärenden Gesprächen.

Im Gegensatz zu Rommels Familie sehen die meisten deutschen Medien im jetzt fertiggestellten Film kaum eine Entmystifizierung – zumal Rommels Vorgeschichte nicht zum Thema gemacht wird. Dramaturgisch aber ist Nikki Steins Kniff, beim Niedergang einzusetzen, gelungen, weil es ihm erlaubt, in Rommels Ambivalenz das Symbol für die Agonie einer ganzen Nation zu sehen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2012, 15:41 Uhr

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33 Kommentare

Wolfgang Fischer

31.10.2012, 17:18 Uhr
Melden 66 Empfehlung 13

"wie viel Rommel von der Judenvernichtung gewusst haben mag".
Gute Frage, aber es ist sehr zu betonen, dass es auch noch sehr viele weitere Opfer der Nazis gab! Diese werden leider nur selten erwaehnt, und auch in diesem Artikel wieder einmal ignoriert.
Ferner hat Rommel auf jeden Fall gewusst, dass Deutschland einen Angriffskrieg fuehrte, wieso also diese absurde Bewunderung?
Antworten


Albert Fiechter

31.10.2012, 17:38 Uhr
Melden 56 Empfehlung 8

Rommel hat, wie auch Leute des Widerstandes wie etwa Graf Stauffenberg, an den Wahn Hitlers mit all seinen schrecklichen Konsequenzen geglaubt. Dass sie diesen etwas frueher als sein Schoepfer als solchen erkannten, macht sie nicht zu Helden. Antworten



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