Die Lacher, die wir verdienen

Viktor Giacobbo und Mike Müller haben genug. Richtiger Entscheid: Es war lange Zeit lustig, aber jetzt bitte etwas Neues.

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Satire darf alles, bloss eines nicht: die Schnauze halten. Genau das tun die beiden SRF-Satiriker Viktor Giacobbo und Mike Müller bald. Auf Ende Jahr beenden sie die Sendung «Giacobbo/Müller». «Seit ich erfahren habe, dass Bundespräsident Schneider-Ammann unsere Sendung nicht schaut, macht das alles für mich keinen Sinn mehr», witzelte Giacobbo in der Erklärung zum Rücktritt. Zumindest den zweiten Halbsatz kann man durchaus ernst auffassen. Die Sendung am Sonntagabend läuft seit 2008, das Konzept wirkt heute etwas gemächlich: Presseschau, Sprüche, Gastauftritt, und zum Abschluss ein Gespräch mit einem Prominenten.

Am besten ist die Sendung sowieso immer dann, wenn vorproduzierte Einspielungen zum Zug kommen, Kunstfiguren wie der gmögige Kosovo-Albaner Mergim Muzzafer oder Imitationen von bekannten Persönlichkeiten. Hier kann die Sendung auf die clownesken Fähigkeiten und die Popularität der beiden sympathischen Moderatoren setzen. Doch solche Parodien sind auf die Dauer vorhersehbar und schaffen kaum satirischen Erkenntnisgewinn.

Persönliche Wut oder Begeisterung

Das Konzept von «Giacobbo/Müller» sei systemerhaltend, monierte einst die Basler Kabarettistin Sibylle Birkenmeier. Die Auswahl der eingeladenen Politiker etwa sei eingemittet: Nach links kommt rechts, nach Frau kommt Mann. Das mag so sein, aber zum einen ist es eine lobenswerte Stärke der Sendung, dass sie unideologisch ist, zum anderen ist eine solche Konkordanz nicht das eigentliche Problem. Irritierend ist vielmehr, dass Themen und Gäste meistens brav abgehandelt werden. Nun erreicht bitterböse Politsatire kein grosses Publikum, und schon gar keinen anständigen Sendeplatz. Das sozialdemokratisch genehmigte Politkabarett der 70er-Jahre wünscht sich kaum jemand zurück. Doch wenn das Publikum in einem «satirischen Wochenrückblick» am lautesten über Witze zu Mike Müllers Gewicht lacht, hat man ein Problem.

Zumal: Die politischen und gesellschaftlichen Brandherde im In- und Ausland bedeuten eigentlich gute Zeiten für Satiriker – auch für klassische Late-Night-Shows, wie «Giacobbo/Müller» eine ist. Statt zur späten Stunde eine Pointe auf die neusten Nachrichten abzufeuern, übernehmen solche Gefässe zunehmend die Aufgaben von Nachrichtenformaten: Hintergründe aufzeigen, Zusammenhänge verdeutlichen, Personen kenntlich machen. Im Idealfall zeigen die Moderatoren persönliche Wut oder Begeisterung, statt sich hinter einer Bühnenfigur zu verstecken.

Politischer Druck

Gute Satiriker sind heute mindestens so relevant wie Leitartikelschreiber – wie etwa die amerikanische Show «Last Week Tonight» nach den Anschlägen in Paris verdeutlichte. Deren Moderator John Oliver setzte zu einer Tirade gegen die Terroristen an, die so wahr wie witzig war. Darauf liess er eine emotionale Erklärung folgen, warum Frankreich nicht unterzukriegen sei. Ob sich das Schweizer TV-Publikum von Satire moralische Autorität wünscht, ist natürlich eine andere Frage. Man bekommt die Lacher, die man verdient – die Einschaltquoten von «Giacobbo/Müller» sind entsprechend gut. Das SRF bedauert denn auch die Entscheidung der beiden Moderatoren und bedankte sich für «die ausserordentlichen Leistungen».

Dem kann man sich nur anschliessen: Danke, es war lange Zeit lustig, aber jetzt bitte etwas Neues. Bloss was? Es wird spannend, zu sehen, wie das Schweizer Fernsehen die Lücke, die «Giacobbo/Müller» hinterlässt, stopfen will. Hat man den Mut, auf ein unbekanntes Gesicht zu setzen? Wie bissig darf Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein? Will man überhaupt weiter Satire im Programm haben? Der politische Druck auf SRF ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Das Schweizer Fernsehen erweckte in letzter Zeit selbst in den Kultur- und Unterhaltungsformaten wiederholt den Eindruck, möglichst keine ideologische Angriffsfläche preisgeben zu wollen – eine Strategie, die einer zeitgemässen, meinungsstarken Satiresendung zuwiderläuft. Es würde nicht erstaunen, wenn demnächst definitiv die Schnauze gehalten wird.

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(baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.01.2016, 17:06 Uhr)

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