Ein Beinschlitz und Billag-Sparübungen

Während Sven Epiney bereits vom Sieg am Eurovision Song Contest träumt, kämpfen sechs Sängerinnen um das Schweizer Ticket nach Kiew.

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«Dritter Sieg am Eurovision Song Contest 2017 für die Schweiz!!!» jubelte es gleich zu Beginn. Es gab TV-Beiträge von «Schweiz aktuell» bis «Glanz und Gloria»; alle berichteten sie erfreut über den glorreichen Schweizer Erfolg am ESC, und Doris Leuthard hatte Tränen in den Augen vor lauter Glück, als sie über das historische Ereignis sprach. Endlich! Nach 29 Jahren Durststrecke! So lange ist Céline Dions Schweizer Sieg am ESC nämlich schon her.

Waren das etwa Fake-News oder alternative Fakten, die uns das Schweizer Fernsehen gestern Abend auftischte? Oder hatten wir etwas verpasst, als wir zu Beginn der Sendung kurz in die Chips-Packung griffen?

Nein, natürlich waren das keine Fake-News, die man uns da zu Beginn der Show auftischte, sondern «Sven Epineys ESC-Traum», ein Spässchen, das man sich extra für die ESC-Vorausscheidung ausgedacht hatte. Diverse Aushängeschilder von SRF, RTS und RSI wurden dazu eingespannt, unter anderem Kurt Aeschbacher, Roger Schawinski, Arthur Honegger und Nicole Berchtold, und alle standen sie gemeinsam und konvergent im Einsatz für den ESC.

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Sparen bei Epineys Rasur und Büssers Outfit

Hatte man damit etwa die Absicht, vorab alle jene zu besänftigen, die sich jeweils lauthals über den Billag-Gebühren-Verschwendungs-Skandal auslassen? Im Sinne von: «Schaut her! Wir sparen! Unsere Mitarbeitenden leisten einen kostenlosen Sondereinsatz für den ESC!» Immerhin ist der ESC mit über 200 Millionen Zuschauern eines der grössten TV-Ereignisse weltweit hinter Olympischen Spielen und der Fussball-WM. Da kann sogar die Superbowl mit knapp mehr als 111 Millionen Zuschauern einpacken.

Es war nicht die einzige Sparübung, die man in der Entscheidungsshow erkennen konnte. Die erste zeigte sich – und das war wohl DIE ESC-Überraschung der vergangenen Jahre – bei Sven Epineys Rasur. Denn der Moderator kam nicht wie gewohnt von den Augenbrauen abwärts blitzeblank enthaart daher, sondern hatte noch so etwas wie einen Flaum im Gesicht. Spar-Bemühung Nr. 2: das Outfit von Backstage-Reporter Stefan Büsser. Er moderierte in Werktagsklamotten mit blauen Jeans und blauem Hemd. Leider hatte seine grosse Klappe im Backstage-Bereich aber zu wenig Platz und konnte zu wenig auftrumpfen. Am Ende schauten nur zwei, drei bissige Sprüche heraus.

Spar-Bemühung Nr. 3: die zahlreichen alten ESC-Videobeiträge, die zwischen den sechs Live-Auftritten eingespielt wurden. Darunter –natürlich – der glorreiche Beitrag von Céline Dion und derjenige von Daniela Simmons, die 1986 nur wegen Beschiss (ein Kind, das mit dem Alter schummelte, hatte ihr den Sieg geklaut!) am Sieg vorbeigeschrammt war. Abba war gleich mehrfach in den alten Einspielern zu sehen, Paola Felix doppelt, genau wie die deutschen Fräulein-Wunder Lena und Nicole mit «Ein bisschen Frieden». Es wollte gar nicht mehr aufhören mit alten ESC-Konserven. Aber es gab ja auch nur sechs Kandidatinnen, die um den Einzug ins ESC-Halbfinale diesen Mai in Kiew kämpften, die Sendezeit musste also irgendwie gefüllt werden.

Rykkas Kniebeugen-Auftritt am ESC 2016. Quelle: Youtube

Ganz offensichtlich wollte man dieses Mal keine Experimente mehr eingehen wie mit der extravaganten Rykka und ihren Knieübungen im vergangenen Jahr (damals noch in der Bodensee-Arena, nicht im SRF-Studio 1). Zwei der sechs Sängerinnen waren schon bei «Die grössten Schweizer Talente» weit gekommen, eine hatte 2013 «The Voice Kids» in Deutschland gewonnen, eine war schon mal in der Vorband von Justin Bieber, und eine hatte bereits vor zwei Jahren am ESC teilgenommen.

Bestes Gesamtpaket und erste Plagiatsvorwürfe

Zusammenfassend könnte man sagen, dass diejenigen Sängerinnen mit den knappsten, weissesten Outfits zwar die spektakulärsten Shows boten, stimmlich jedoch nicht auftrumpfen konnten. Deutlich mehr überzeugten die Sängerinnen in den schwarzen Roben, vor allem Nadya, die ein wuchtiges «The Fire in the Sky» in den Saal schmetterte und damit Standing Ovations beim Publikum einheimsen konnte.

Am Ende fiel die Entscheidung aber sowieso nicht zwischen weiss und schwarz: Die rote Robe mit dem tiefen Ausschnitt und dem hohen Beinschlitz – Angelina Jolie hätte das Kleid ganz bestimmt gefallen – schwang klar obenaus. Sieg für die Berner Band Timebelle mit der Sängerin Miruna Manescu! Natürlich nicht nur wegen des Kleids.

Die Band bot das beste Paket aus Stimme, Anzahl getroffener Töne, Auftreten und Song mit dem gewissen Etwas. Zwar meldeten sich auf Twitter sogleich die ersten Plagiatsdetektoren:

Aber das könnte man auch als Kompliment auffassen. Mit Timebell mag vielleicht nicht der Sieg drinliegen, von dem Sven Epiney und die gesamte Belegschaft des Schweizer Fernsehens träumen, aber zumindest ins Finale könnten wir damit einziehen. Und das ist für Schweizer Verhältnisse ja fast schon wie bei einem Sieg. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2017, 10:07 Uhr

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