Kultur

«Ein Riese schaute auf mich runter und meinte: ‹Was machst du denn hier?›»

Interview: Christian Lüscher. Aktualisiert am 07.02.2012 36 Kommentare

Während Jahren berichtete André Marty mit seiner unverwechselbaren Art aus dem Nahen Osten. Nun verlässt der Vollblutjournalist das Fernsehen in Richtung Bund. Warum?

1/5 «Mein Wechsel zur Deza ist eine logische Konsequenz»: SRF-Moderator André Marty. (Bild: SRF)

   

Zur Person

André Marty ist 1965 in Gampel (VS) geboren und in Sursee (LU) aufgewachsen. Nach Matura und Ausbildung am Medienzentrum in Luzern arbeitete er als Journalist bei Schweizer Tageszeitungen und der «Sonntagszeitung».

Ab 1996 arbeitete er als Redaktor beim Schweizer Fernsehen, später als Italien- und Nahostkorrespondent. Im Sommer 2010 stiess der Journalist als Moderator und Redaktor zur «Tagesschau». Im vergangenen Jahr berichtete er als Sonderkorrespondent von den Revolten in Ägypten, Tunesien und Marokko.

André Marty wird das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)im Februar 2012 verlassen. Per April 2012 wird er Kommunikationsbeauftragter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

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Herr Marty, Sie verlassen SRF. Warum?
Das Fernsehbusiness ist sehr temporeich. Im Nachrichtenbereich geht es primär um News-Vermittlung, während das Einordnende und der Kontext weniger zentral sind. Just die Analyse reizt mich allerdings je länger je mehr.

Können Sie das genauer erklären?
Als ich mit Bloggen aus dem Nahen Osten begonnen habe, reagierten gestandene Journalisten teils irritiert, weil sie Social Media nicht als seriösen Journalismus ansahen. Das Bloggen war jedoch eine ideale Ergänzung, um die Ereignisse besser einzuordnen. Im Blog hatten mehr Alltagsgeschichten Platz, als das im Medium Fernsehen möglich ist. Mein Wechsel zur Deza ist also eine logische Konsequenz, um mich vertiefter mit gewissen Themen beschäftigen zu können.

Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis?
Der Wunsch nach Einordnung und Kontext ist schon vor Jahren deutlicher geworden, weshalb ich mit Weiterbildungen im humanitären Völkerrecht, also dem «Kriegsrecht», und der politischen Konfliktanalyse begonnen habe. Als ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz von einem Schwingfest berichtet habe, war ich schlicht überfordert: Ein Hüne von einem Schwinger schaute neben dem Sägemehl auf mich runter und meinte: «Was machst du denn hier, wir sind doch hier nicht im Krieg» – offensichtlich hat er mich so wenig verstanden, wie ich seinen Sport. Eines aber hat der Riese realisiert: Ich befand mich am falschen Ort.

Und das war für Sie ein Signal, den Job zu wechseln?
Natürlich haben mich andere Erlebnisse geprägt, und mein Wunsch nach einer neuen Herausforderung ist ein langer Prozess. Zum Beispiel ist es zunehmend frustrierend, über den sogenannten Friedensprozess im Nahen Osten zu reden – es gibt keinen Friedensprozess! Vielmehr sind wir Journalisten einer gewaltigen Propagandalawine der Konfliktparteien ausgesetzt, der wir uns kaum noch entziehen können. Aber das lässt sich leider im Fernsehen in der Kürze kaum erklären.

Sind Sie ein Opfer der Spezialisierung geworden?
Vielleicht. Natürlich ist das Moderieren der Mittags- und Nachttagesschau sehr, und ich betone, sehr interessant. Aber ich werde möglicherweise auch den Auslandvirus nie los. Da stellt sich dann die Frage nach den Perspektiven.

Gibt es beim SRF keine Karriereplanung für profilierte Journalisten wie Sie?
Die Regelung des Hauses sieht vor, dass man nach zwei Positionen im Ausland wieder zurückkehrt. Meine Familie und ich wären gern im Ausland weitergezogen, weshalb ich mich für den Posten als Nahost-Korrespondent von Radio DRS bewarb. Der Wechsel kam aber leider nicht zustande.

Es gibt doch noch viele andere interessante Jobs.
Ein Auslands-Magazin wäre sehr reizvoll, aber das gehört vorderhand nicht zu den absoluten Prioritäten bei SRF. Solch ein Magazin wäre eine gute Möglichkeit, Auslandsthemen zu vertiefen.

Wenn man Ihre Karriere verfolgt hat, hatte man immer etwas den Eindruck, da schwimmt einer gegen den Strom. Reden wir zuerst über Ihren Blog. Wie oft wurden Sie in die Chefetage zitiert?
Nie! Klar, der Blog war ein Thema, und anfänglich gabs einige Skepsis. Aber als Blogger habe ich mich einerseits an meinen eigenen, im Blog aufgeführten Spielregeln orientiert, andererseits an den publizistischen Leitlinien von SRF. Die anfängliche Skepsis der damaligen Chefredaktion bezog sich primär auf die Tatsache, dass ein im Einzelarbeitsvertrag angestellter Korrespondent ausserhalb von SRF auftritt; das haben wir im internen Gespräch abschliessend geklärt. Einschränkungen durch SRF gab es keine. Zu meiner grossen Freude bloggen heute mehrere Auslandskorrespondenten auf der SRF-Page.

Dann war da die Sache mit dem berühmten Arafat-Halstuch.
Ich muss Sie korrigieren, es war ein Designer-Schal (lacht). Es war vor drei Jahren während des Gaza-Krieges ein Fehler von mir, darüber zu bloggen; wir haben uns intern ausgesprochen. Ich trage im Übrigen oft Halstücher, da ich mir beim Snowboarden zwei Halswirbel verletzt hatte; seither wickle ich mich gerne warm ein.

Und last but not least sorgte Ihre Frisur immer mal wieder für Schlagzeilen.
Stimmt, die Schlagzeile «Struwwelpeter in der Tagesschau» war kein journalistisches Highlight. Es kann doch nicht sein, dass der Inhalt völlig hinter der Form verschwindet.

Nun gehen Sie zum Bund und werden Kommunikationsbeauftragter der Deza. Das ist doch eine Talentverschwendung? Als Journalist haben Sie unverwechselbare Akzente gesetzt.
Danke für die Blumen; aber reden wir bitte nicht über uns selber, sondern über die Themen und Menschen, die Betroffenen. Um die geht es, aber doch nicht um uns Journalisten. Bei der Deza erwarten mich sehr herausfordernde Aufgaben und Kontexte, vor denen ich einen gesunden Respekt habe. Und inhaltlich werde ich mich sicherlich ebenso wenig wie im Journalismus verdrehen müssen.

Haben Sie mit dem Journalismus abgeschlossen?
Die Medienbranche ist in einem interessanten Umbruch. Vielleicht wird in dieser vernetzten Medienwelt die Einordnung wieder wichtiger werden – und wir wissen ja alle: Sag niemals nie. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2012, 09:44 Uhr

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36 Kommentare

Rita Quindega

07.02.2012, 07:29 Uhr
Melden 93 Empfehlung

Auf alle Fälle hat er für mich eine gute Arbeit geleistet. Ich hörte gerne seine Berichte. Sein Struwwelpeter-Kopf störte mich überhaupt nicht, im Gegenteil, ich fand ihn originell. Alles Gute, Befriedigung und Erfolg für die Arbeit beim DEZA wünsche ich Herrn André Marty. Antworten


Günter Bruttel

07.02.2012, 12:15 Uhr
Melden 38 Empfehlung

werde André Marty am Fernsehen vermissen! Alles Gute bei der DEZA! Antworten




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