Kultur
Er schafft das, woran Schawinski und Tamedia scheiterten
Von Edgar Schuler. Aktualisiert am 17.08.2009 6 Kommentare
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Der Erfolgssender aus Schlieren
Dominik Kaiser ging 2006 mit 3+ auf Sendung – und erntete vor allem Spott. Zwei Jahre später landete er mit der Kuppler-Show «Bauer, ledig, sucht...» einen Quotenknüller. Einzelne Folgen wurden von über 100 000 Zuschauern gesehen – mehr als das Schweizer Fernsehen zur selben Sendezeit ausweist. Momentan läuft die dritte Staffel der Reality-Soap. Trotzdem ist das Ziel, dieses Jahr schwarze Zahlen zu schreiben, ungewiss. Die Finanzkrise macht sich auch bei 3+ bemerkbar. Kaiser betreibt seinen Sender von Schlieren aus. Er hat 30 Mitarbeitende. Der Sender gehört zu fast 90 Prozent ihm. Im Verwaltungsrat sitzt Helmuth Thoma, der legendäre Programmdirektor von RTL. Finanziell beteiligt ist Thomas Matter, der ehemalige «Swissfirst»-Bankier. (ese)
Herr Kaiser, schon letztes Jahr hat Sie der «Blick» zum «Quotenkönig» erklärt.
Die positiven Meldungen freuen uns natürlich, man muss da aber auch ein bisschen vorsichtig sein, die jubeln einen hoch, damit sie einen dann an anderer Stelle wieder kritisieren können.
Seither steigen die Zuschauerzahlen von 3+ munter weiter. Ausserdem haben Sie dieses Jahr den Swiss Economic Award gewonnen. So viel Erfolg heisst doch, dass es nur noch abwärts gehen kann.
Ich hoffe nicht. Aber unsere grösste Aufgabe ist jetzt tatsächlich, dass wir am Boden bleiben. Zum Glück hat vieles, was wir gemacht haben, gut geklappt, und die Misserfolge waren weniger zahlreich als die Erfolge. Wie bisher müssen wir uns vorsichtig und Schritt für Schritt weiterentwickeln.
Das tönt furchtbar langweilig.
Ein Manager eines grossen Schweizer Medienhauses, bei dem ich vor dem Start des Senders auf Geldsuche war, hat mir gesagt, ich sei der konservativste und langweiligste junge Schweizer, der ihm je begegnet sei (lacht).
Eben.
Wenn man in der Schweiz Fernsehen machen will, geht es nicht anders. Im Ausland könnte man vielleicht mit viel Risiko und mit noch mehr Geld sehr schnell grosse Reichweiten erreichen. Aber hierzulande ist das nicht möglich.
Ihr Erfolgsrezept ist also Bescheidenheit?
In der Unterhaltungsbranche sind schon oft diejenigen gescheitert, die grössenwahnsinnig mit viel Geld gross angerichtet haben und meinten, dass man den Zuschauererfolg allein mit Geld kaufen kann.
Gescheitert sind vor Ihnen Roger Schawinski mit Tele 24 und Tamedia (die Mediengruppe, zu der auch der «Tages-Anzeiger» gehört) mit TV3. Was haben die falsch gemacht?
Sowohl Roger Schawinski als auch TV3 haben vieles durchaus gut gemacht. Die News-Sendungen von Tele 24 waren hervorragend, und TV3 hat mit «Big Brother» einen Marktanteil von bis zu 31 Prozent erreicht – mehr als die Hälfte mehr als wir mit «Bauer, ledig, sucht...».
Was waren denn die Fehler?
Tele 24 hat versucht, ein nationaler Newssender zu sein. Und das ist gegen die Konkurrenz des Schweizer Fernsehens einfach sehr schwierig. Auch in anderen Ländern hat es zehn Jahre gedauert, bis private Sender sich mit nationalen News gegen etablierte öffentlich-rechtliche Sender durchsetzen konnten.
Und TV3?
TV3 wollte zu viel und zu schnell. Sie haben viele eigene Unterhaltungssendungen gemacht, eigene News, eigene Konsumentensendung, eigene Talkshow am Nachmittag und wollten dazu noch die besten Spielfilme einkaufen. Zu viel aufs Mal verwirrt die Zuschauer. Fernsehen braucht Zeit. Sehgewohnheiten bauen sich langsam auf. Zudem war diese Strategie sehr, sehr teuer.
Was heisst «Schritt für Schritt» vorgehen?
Ich will immer zuerst sehr genau wissen und verstehen, in welchem Umfeld ich mich bewege. Wir investieren sehr viel Zeit, um herauszufinden, wie etwas funktioniert, wie genau Kosten entstehen, womit genau Geld verdient wird. Details sind oft entscheidend.
Zum Beispiel?
Wenn wir eine Serie – etwa CSI – einkaufen, läuft das normalerweise so: Wir bezahlen eine Lizenzgebühr dafür, dass wir eine Staffel während drei Jahren dreimal zeigen dürfen. Normalerweise kommen zu diesem Betrag pro Folge noch die Kosten für das Kopieren der Sendung, die Kosten für das Tape und die Kurierkosten dazu. Das sind ein paar Hundert Franken pro Folge. Das summiert sich schnell einmal auf ein paar Hunderttausend Franken jährlich. Wir hatten rasch erkannt, dass es viele der Serien schon als DVD im Verleih gibt und dass die Bildqualität einer DVD leicht höher ist als das TV-Signal und damit genug gut für uns. Wir mieteten uns die DVD für 4.50 Fr. oder kauften sie für 20 Franken, statt dass wir für viel Geld ein Band kopieren und quer durch Europa kurieren liessen. So haben wir vor allem zum Sendestart sehr viel Geld gespart. Unterdessen geht dieser Trick immer weniger, da wir nun ganz neue Folgen zeigen, immer mehr auch in Erstausstrahlung, welche es auf DVD noch gar nicht gibt.
Mit Sparen allein macht man aber noch keinen erfolgreichen Sender.
Klar. Für uns war es sehr wichtig, dass wir von Anfang an erfolgreiche Serien und Spielfilme im Programm hatten. Das ist die Grundlage für den Zuschauererfolg.
Sie haben erfolgreiche Serien im Programm. Aber manche laufen auch auf anderen Kanälen. CSI zum Beispiel kann man genauso gut auf RTL sehen.
Wir zeigen die Folgen an einem anderen Wochentag und zu einer anderen Zeit. CSI lief auf RTL am Donnerstag, wir haben dieselbe Folge dann am Freitag gezeigt. Denn nicht alle, die CSI sehen wollen, können das donnerstags tun. So waren wir viel schneller erfolgreich, als wenn wir Serien gezeigt hätten, die in der Schweiz noch niemand kennt und vielleicht auch niemand kennen will. Auch hier hat sich gezeigt: Man muss das Umfeld, in das man einsteigt, nicht nur oberflächlich kennen, sondern genau verstehen. Wenn man im Fernsehgeschäft die Grundlagen nicht kennt und etwas intuitiv macht, macht man es oft genau verkehrt.
Macht Ihnen die dauernde Fokussierung auf Quote nicht manchmal Mühe?
Nein, überhaupt nicht, das ist spannend, eine Denksportaufgabe und macht sehr viel Spass!
Dabei heisst es, dass sie schon als Kind viele Bücher gelesen haben und immer noch viel lesen. Wie geht das zusammen: Der Bücherwurm und der Quotenfetischist?
Ich gebe zu, dass das ein Widerspruch sein könnte – so wie mein Weg vom Fernseh-Elektriker zum Fernseh-Macher lang und verschlungen war.
Was lesen Sie denn zurzeit?
Ich interessiere mich gerade für Evolutionsbiologie und beschäftige mich mit Richard Dawkins.
Möchten Sie auf 3+ nicht auch Sendungen zeigen, die Sie persönlich interessieren?
Ein Vortrag von Richard Dawkins ist für ein Massenpublikum nicht geeignet. Mein Job ist es, 3+ als Schweizer Sender erfolgreich zu etablieren, und ich bin sicher, Unterhaltung ist der richtige Weg. Ich persönlich mag neben den intelligenten Büchern auch unsere Serien sehr, und die Bauern sind alle Helden für mich.
Da zeigen Sie also lieber «Bauer, ledig, sucht...», eine seichte Doku-Soap.
Ich bin die ersten paar Jahre auf dem Land aufgewachsen und habe trotzdem aus der Sendung viel gelernt. Da ziehen zwei Bauern dieselbe Tierart auf, aber ihre Tierhaltung ist total verschieden.
«Bauer, ledig, sucht...» macht Ihre Zuschauer gescheiter?
Die Menschheit wird jedes Jahr intelligenter, und der durchschnittliche Intelligenzquotient steigt langsam an. Das ist ein Trend seit vielen Jahren. Der Wissenschaftsautor Steven Johnson schreibt, dass ein Grund dafür unter anderem die immer komplexer werdenden Fernsehsendungen sind. Die Serien mit ihren oft vielen parallelen Handlungssträngen sind heute wesentlich komplexer und schwieriger zu verstehen als noch vor 10 oder 20 Jahren. Laut Johnson motiviert uns die komplexer werdende Unterhaltung auf spielerische Art, dass wir freiwillig lernen, mit einer komplexer werdenden Welt Schritt zu halten.
3+ macht die Menschheit intelligenter?
Ich würde jetzt nicht sagen, dass «Bauer, ledig, sucht...» die Menschheit als Ganzes intelligenter macht. Aber informativ ist das Format schon: Es regt die Zuschauer an, sich Gedanken über eine Welt zu machen, über die sie sonst nicht viel nachdenken würden.
Mit Dominik Kaiser sprach Edgar Schuler (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.08.2009, 08:21 Uhr
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6 Kommentare
'Bauer ledig sucht' wirkt wie schlechtes Bauerntheater. Es sollte spontan sein, doch ich bin mir sicher, dass die Texte vorher gelernt wurden. Die Gespräche der Mitwirkenden wirken total unecht und deshalb ist für mich diese Kuppelshow eine Schmierenkomödie. Antworten
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