Kultur
Gala im Stall zu Aiderbichl
Von Simone Meier. Aktualisiert am 23.12.2009
Moderieren und singen für arme Tiere: Francine Jordi und Marc Pircher feiern «Weihnachten auf Gut Aiderbichl» im Salzkammergut.
Vollwaise Olaf hat «ein grosses Problem», es heisst Haarausfall. Jetzt ist Olaf ganz nackt, und das ist für ein Füchslein fatal. Deshalb wird er hingebungsvoll mit neuen Produkten vom Spezialdermatologen gepflegt. «Handicaps gehören zur Natur», sagt eine sanfte Männerstimme, «und wenn wir es vergessen, erinnern uns die Tiere daran.» Auch die blinde Hündin Tilly, die Ziegendame Bini mit dem schiefen Hals und der kleinwüchsige Ochse Liliput erinnern uns daran. Und Francine Jordi. Nicht dass Francine Jordi irgendwie handicapiert wäre. Im Gegenteil, sie ist ja wahrscheinlich das Vorteilhafteste, was der Herrgott im Himmel an heiler Volkstümlichkeit jemals geschaffen hat.
Tiere, Lieder, Kerzenlicht
Francine Jordi präsentiert mit quotensicherem Strahlen die stummen Tiere und einige singende Menschen dazu. Die Menschen leihen den Tieren gewissermassen ihre holden Stimmen totaler Dankbarkeit. Die Tiere, die Gesänge, eine im Kerzenlicht erstrahlende Heiligkeit, die Francine und ihr Ko-Moderator Marc Pircher mit Hund Baby: All das nennt sich «Weihnachten auf Gut Aiderbichl». Das Gut im salzburgerischen Henndorf wurde im Jahr 2000 vom österreichischen Tierschutz-Guru Michael Aufhauser zum Luxus-Gnadenhof für ausgestossene, misshandelte, verwaiste oder alte Tiere gemacht. Seit 2003 gibt es die Eurovisions-Galasendung «Weihnachten auf Gut Aiderbichl», seit 2004 mit unserer Francine, seit 2005 läuft sie neben ARD und ORF auch auf SF, und zwar am Heiligabend. Die Quoten sind fantastisch, der Marktanteil in der Schweiz beträgt bis zu 28 Prozent, die Zahl der hiesigen Zuschauer bis zu 340'000.
Sendung sei Dank, geniesst das Unternehmen Aiderbichl stetig wachsende Popularität, 15 Aussenhöfe in Österreich und Deutschland sind inzwischen dabei, und gerade lässt eine reiche Schweizerin ihr Gut in der Auvergne zur ersten Aiderbichl-Aussenstation in Frankreich umbauen. Rund 1500 Tieren wird da insgesamt Gutes getan, darunter etwa 400 Pferden, 300 Rindern, vielen glücklichen Hühnern, herzigen Häsli, Füchsen, Frettchen, Hunden, Schöfli und Büsis. Wer «Weihnachten auf Gut Aiderbichl» nicht kennt, der hat ein gewichtiges Stück Reality-Wohltäter-TV verpennt.
Manchmal auch dramatisiert
Das Konzept ist genial: Wahre Geschichten – auch immer wieder «wahre Märchen» oder «moderne Märchen» genannt – von armen und überaus unschuldigen Tierli werden dokumentiert, nachgestellt, manchmal auch ein bisschen dramatisiert. Und immer, immer finden sie zu einem Happy End auf Aiderbichl. Es ist quasi die Weihnachtsgeschichte, aus der Sicht von Ochs und Esel erzählt – am Ende findet jede Kreatur einen warmen Stall und etwas zu fressen, und die Menschen, mit denen man es dann zu tun hat, sind besinnungslos vor Besinnlichkeit und Nächstenliebe.
Dass Menschlichkeit nicht beim Menschen enden darf, ist das Credo von Michael Aufhauser, einem stattlichen Mann, dessen Gesichtszüge vor Rührung über die grause Brutalität des Schicksals und die wundersamen Heilkünste seines Personals regelmässig zerfliessen wie buttriger Guetsliteig auf einem Kachelofen. Darum gibt es auf dem hofeigenen Aiderbichler Weihnachtsmarkt auch essbare Hundeknochen, die man an den Tannenbaum hängen kann, und darum reist Francine Jordi auch schon mal mit «Pferdedecken aus der Schweiz» an.
Wildschwein Basti
Wären da nur die Tiergeschichten, in alle Ewigkeit und zurück könnte es weihnachten auf Gut Aiderbichl. «Die Geschichte des kleinen Wildschweins Basti, des Helden unseres wahren Märchens, beginnt in einem Wasserschloss im romantischen Waldviertel in Österreich» heisst es da, dazu räkelt sich ein Wildferkel auf einer Wiese, allerliebst. Aber ach, das arme Ding hat Eltern und Geschwister an einen grausamen Jäger verloren, jetzt ist es allein auf der Welt. Doch der «Baron und seine treue Haushälterin» übergeben es an Aiderbichl, alles wird gut. Auch für die armen Rinder des Bauern Leopold im Dirndltal, dem die Mutter starb, als er erst 56 Jahre alt war. Da «schlichen sich in sein Leben die Symptome der Überforderung», erklärt Michael Aufhauser verständnisvoll – und die Fernsehzuschauer sehen die armen Rinder bereits in Dreck und Verwahrlosung versinken. Aber den Aiderbichlern sei Dank, wird Leopolds Hof nun geputzt und renoviert, die Rinder werden geimpft und gestriegelt, am Ende geht es sogar dem Leopold wieder gut, denn schliesslich soll ja auch die Tierliebe nicht beim Tier enden.
Doch zwischen den Erzählungen wird leider auch volkstümlich geschlagert, da wimmelt es nur so von erfüllten Träumen, glücklicher Liebe, vollen Kirchen und erhabenen Bergen. Eine Simone aus Wien jubiliert: «Weihnachten leheheheebt!», die feschen Klostertaler schmettern: «Jetzt gehts übern Hüüügel,/ so als kriegn mar Flüüügel!/ Überm Tal die Sonne,/ ey das is a Wonne!», und Marc Pircher singt eine Hymne an den «Bauern aus Leidenschaft». Und man wird den Verdacht nicht los, dass dies gewissermassen die hohe, heile Zeit einer SVP-Herzenskultur sein müsse. Komisch nur, dass all die männlichen Interpreten, all die Helmut Lottis und Semino Rossis, so latent schwul aussehen.
Ein Weihnachtskalb ist geboren
Auch für morgen Abend sind wieder grossartig herzerwärmende Künstler angekündigt, darunter auch unsere Integrations-Ikone Sarah Jane, der Brite Paul Potts und wieder einmal die Wiener Sängerknaben. Einer der Höhepunkte wird die Rettung von 40 HIV-infizierten Ex-Laborschimpansen sein. Das klingt schon fast zu spektakulär, um wahr zu sein. Ah ja, letztes Jahr wurde auf Aiderbichl übrigens während der Sendung ein «Weihnachtskalb» geboren. Natürlich nicht wirklich live, sondern um die Zeit, als die Sendung aufgezeichnet wurde. Ein süsser Effekt war es trotzdem. Und sein Name erst! Es heisst: Francine.
Weihnachten auf Gut Aiderbichl: 24. Dezember, ARD 18.15 Uhr; ORF 2 19.55 Uhr; SF 1 20.05 Uhr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2009, 07:09 Uhr
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