Kultur
«Heinrich Kieber wird zurückkehren»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 12.11.2010 35 Kommentare
Sigvard Wohlwend (rechts) ist freier Journalist und Inhaber eine Büros für Kommunikation in Liechtenstein. Zusammen mit Sebastian Frommelt (links) hat er den Film «Heinrich Kieber - Datendieb» gedreht.
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Ihr Film lief in der ersten Jahreshälfte sehr erfolgreich in einem Liechtensteiner Kino. Wie waren die Reaktionen?
Vor dem Kinostart gab es eine Polemik über die 65'000 Franken, die wir von der Kulturstiftung Liechtenstein erhalten hatten. Einige Politiker fanden, es gehe nicht an, dass ein Landesverräter in einem solchen Film verewigt wird. Nachdem der Film angelaufen war, sind diese Stimmen verstummt. 5000 Personen gingen ins Kino, das ist ein Siebtel der Liechtensteiner Bevölkerung, ein riesen Erfolg. Man konnte nirgends hingehen, ohne dass über den Film gesprochen wurde.
Sprengkraft hat vor allem die Schilderung, wie sich der Fürst von Kieber erpressen liess. Gemäss dem Film sorgte der Fürst dafür, dass Kieber mit einer lächerlichen Strafe davonkam, nachdem Kieber ihm versprochen hatte, in einem solchen Fall die geklauten Daten zurückzugeben. Ein happiger Vorwurf.
Richtig. Das hat sich aber so zugetragen, das ist belegt, nur getraut sich niemand, darüber zu sprechen. Denn hier geht es um das Allerheiligste vom Allerheiligen in diesem kleinen Land: den Fürst.
Und dies wurde einfach totgeschwiegen?
Es war gar nie ein Thema. Wie denn auch? Das ganze Land hängt vom Fürst ab, das Parlament, die Regierung, die Justiz: Er kann das Parlament auflösen, der Regierung die Befugnis zur Amtsführung entziehen, die Richter werden von einem Gremium ernannt, bei dem der Fürst den Vorsitz und das Vetorecht innehat. Faktisch hat der Fürst Durchgriff auf alle Instanzen. In der Praxis ist es so, dass er von dieser Machtfülle nie Gebrauch machen muss, weil alle in vorauseilendem Gehorsam den Wünschen des Fürsten nachkommen. In jedem normalen Land würden die Politiker nach einem Fall Kieber aufspringen und eine parlamentarische Untersuchungskommission fordern. Hier nicht.
Zurück zu Heinrich Kieber. Der Film ist seit April abgedreht, haben Sie seither noch etwas von ihm erfahren?
Viele Leute sind auf uns zugekommen und wollten uns noch über ein Erlebnis mit Kieber erzählen...
Aber von ihm direkt? Im Sommer gab er ja dem «Stern» noch ein Interview.
Mit einer gewissen Vorsicht kann ich sagen: Er hat sich einmal bei uns gemeldet. Das Schreiben war zwar anonym, doch alles deutet darauf hin, dass die Botschaft von ihm stammt.
Was stand darin?
Ich muss noch etwas vorwegnehmen. Wir, die den Film gemacht haben, und auch Bekannte Kiebers waren uns schon während den Dreharbeiten einig: In fünf Jahren steht Kieber wieder in Liechtenstein. Der hat Heimweh. Er wird uns erzählen, dass er vom CIA oder wem auch immer gezwungen wurde, diese Tat zu begehen, und dass es ihm wahnsinnig leid tue. Im August kam dann das anonyme Schreiben, in dem behauptet wird, unsere Recherche sei naiv. Zudem wird uns darin der Tipp gegeben, worum es in Wirklichkeit gehe: «The name of the game is the ‹Manchurian Candidate›.» «Manchurian Candidate» ist ein Verschwörungsfilm, der von einem geheimen Programm der CIA handelt, das Agenten zu Robotern machen kann, die dann willenlos Befehle ausführen. Interessant: Irgendjemand gibt uns den Hinweis, wo wir nach der angeblichen Wahrheit suchen müssen.
Ihre Interpretation der Botschaft lautet also: Kieber will uns mitteilen, dass er von der CIA mit unlauteren Mitteln und gegen seinen Willen instrumentalisiert worden ist.
Ja, damit wird auch unsere Hypothese bestätigt, wie er sich dereinst herausreden wird. Es gibt noch andere Botschaften, bei denen wir vermuten, sie könnten von Kieber stammen: Immer wieder sind Interviews mit uns auf Online-Portalen erschienen. Da gab es regelmässig verdächtige Leser-Kommentare: Zum Beispiel, wir Filmemacher seien vom Fürst gesteuert, um seine Reputation zu schädigen etc. Ich glaube, Kieber verfolgt sehr genau, was da läuft.
Was macht Sie so sicher, dass er das ist?
Es bleibt eine Vermutung. Aber wer sonst kennt sich so genau aus und kann sich an dem Thema dermassen echauffieren?
Machen wir doch gleich einen Aufruf: Herr Kieber, die Kommentarspalten unten sind offen, legen Sie Ihre Sicht der Dinge dar!
Ja, Ihr Standpunkt würde uns sehr interessieren. Eben gab es ja einen Bundesgerichtsentscheid, dass Medien die Urheberschaft von Kommentatoren nicht herausrücken müssen, von dem her kann er das nun gut machen...
Bisher haben einige Zehntausend Leute den Film im Kino gesehen, jetzt, nach der TV-Ausstrahlung, kommen mehrere Hunderttausend hinzu. Wird dies dem Fall eine neue Wendung geben?
Es ist gut möglich, dass sich nun noch mehr Leute bei uns melden, die sagen, sie hätten ihn in Brasilien gesehen, mit ihm irgendwo in einem Flugzeug gesessen oder was auch immer. Er hat zwar eine neue Identität erhalten, sein Gesicht bleibt aber dasselbe. Vielleicht kann man dann rekonstruieren, wo Kieber sich in letzter Zeit überall aufgehalten hat. Eine neue Wendung ist aber nicht zu erwarten.
Im Film wird das Thema Frauen angedeutet, aber nichts direkt angesprochen. Ist Kieber ein Frauenheld?
Er ist nicht schwul, das ist sicher, obwohl ihm dies immer mal wieder unterstellt wird. Ein Frauenheld ist er auch nicht, er hat aber gerne schöne Frauen. Er wollte immer eine Freundin haben, es klappte jedoch nicht, darunter litt er.
Die im Film erwähnte Swissair-Mitarbeiterin war nicht seine Freundin?
Nein. Er schaffte es mit seiner Art, alle Frauen in die Flucht zu schlagen. Wir haben nur eine Frau gefunden, mit der er einmal zusammen war, die wollte aber partout nicht im Film mitmachen. Das war eine sehr spannende Geschichte, über die ich aber nicht mehr erzählen kann.
Heinrich Kieber ist wohl der bekannteste Liechtensteiner nach dem Fürst. Wird er irgendwann in ferner Zukunft als Liechtensteiner Volksheld verehrt werden?
Er ist international wahrscheinlich sogar viel bekannter als der Fürst! Für einen Helden hat er aber nicht das Format. Er handelte aus rein eigennützigen Motiven, das taugt nicht für eine Heldengeschichte. Was aber sicher ist: Kieber ist nicht nur der bekannteste, sondern auch der wichtigste Liechtensteiner. Niemand in dem Land hat politisch so viel bewirkt wie er – und erst noch mit einer einzigen Aktion. Ob das gut oder schlecht ist, will ich nicht beurteilen. Aber die Geschichtsbücher in 50 oder 60 Jahren werden sich in mehreren Kapiteln damit beschäftigen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.11.2010, 09:12 Uhr
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35 Kommentare
@peter keller, sehr schön formuliert! es gibt nur eines, abzockerinitiative und steuerinitiative annehmen!! stoppen wir das aufgehen der lohnschere auf absurde weite, leute die 100 prozent arbeiten und doch fast nicht über die runden kommen!! verteilen wir das geld gerechter!! Antworten
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