«Ich sollte endlich mal aufhören, aufzuhören»

Beni Thurnheer ist eine der letzten grossen TV-Figuren – mit Kommentieren ist nach Olympia definitiv Schluss.

«Ich habe stets gesagt, dass ich nie sagen werde, dass früher alles besser war.» Auch nach über 40 Jahren im Fernseh-Business ist Beni Thurnheer immer noch nicht müde. Der Digitalisierung der Medien steht der 67-Jährige aber kritisch gegenüber.

«Ich habe stets gesagt, dass ich nie sagen werde, dass früher alles besser war.» Auch nach über 40 Jahren im Fernseh-Business ist Beni Thurnheer immer noch nicht müde. Der Digitalisierung der Medien steht der 67-Jährige aber kritisch gegenüber. Bild: Kostas Maros

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er komme gerne auf die Redaktion zu Besuch, sagt Bernard Thurnheer am Telefon. Mit dem 67-Jährigen aber einen geeigneten Termin zu finden, gestaltet sich um einiges schwieriger. Denn obwohl der Sportreporter und ehemalige Showmaster das Pensions- alter bereits erreicht hat, ist seine Agenda auch nach 41 Jahren beim Schweizer Fernsehen immer noch gut gefüllt. Vom einen auf den anderen Tag aufhören, dass wollte Thurnheer nie.

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wird er nun den nächsten Schritt in Richtung Voll-Pensionär machen und beim Kunstturnen sowie bei der Eröffnungs- und Schlussfeier zum letzten Mal als Kommentator im Einsatz stehen.

BaZ: Beni Thurnheer, wurden Sie erkannt, als Sie über den Aeschenplatz gelaufen sind?
Beni Thurnheer: Nein, ich wurde auch um kein Selfie gebeten, die Leute waren alle im Stress. Aber grundsätzlich werde ich in der Deutschschweiz überall erkannt, nur merke ich es fast nie.

Warum nicht?
Ich habe da offenbar eine Schutzschicht, die über all die Jahrzehnte gewachsen ist. Wenn ich in Begleitung durch die Stadt laufe, heisst es hinterher immer, es sei ja grausam, wie ich ständig angeschaut werde. Mir fällt das überhaupt nicht mehr auf. Das meine ich völlig ehrlich.

Sind es immer nette Begegnungen?
Ja, grundsätzlich schon. Es kann auch anstrengend sein, wenn ich mit allen pläuderlen soll. Deshalb achte ich darauf, dass ich ständig in Bewegung bin. Wenn die Leute eingeatmet haben, bin ich schon wieder weg. Heikel wird es beim Tanken oder an der Kasse im Supermarkt. Unangenehm ist es nur, wenn die Leute alkoholisiert sind.

Werden Sie geduzt oder gesiezt?
Ich bin der Beni und werde ausnahmslos geduzt. Ich habe diese Leute zwar noch nie in meinem Leben gesehen, aber das ist nicht schlimm. Das ist fast schon ein Kompliment. Auch wenn mir jemand «Schnurri der Nation» sagt, stört mich das nicht. Lieber eine Etikette als gar keine.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Prominenz?
(Überlegt). Dass ich in einem vollen Restaurant immer einen Tisch bekomme. Es gibt wie überall immer positive wie negative Seiten, aber die guten Dinge überwiegen. Prominent sein kann man sich sowieso nicht aussuchen. Erst recht nicht, wenn man einen solchen Job hat wie ich.

Wie erleben Sie es im Umfeld von Sportstadien: Schreien da Fans Ihren Namen?
Ja, es gibt tatsächlich dieses Biotop rund um Sportstätten. Das war auch mein erster Ort der Prominenz, als ich im Umfeld von Fussballstadien erkannt wurde und es auch schon mal überbordet ist. Wie bei einem Popkonzert schreien dann junge Mädchen «Oh my God» und wissen wohl nicht einmal, was es genau bedeutet.

1975 kamen Sie zum Schweizer Fernsehen und haben eine grosse Karriere hingelegt. Hätten Sie sich das je erträumt?
Nein, ich habe nie geglaubt, dass ich nur die geringste Chance hätte. Heute haben alle Jungen das Gefühl, sie seien der geborene Reporter. Bei mir war das überhaupt nicht der Fall.

Doch dann nahmen Sie an einem Wettbewerb teil und wurden aus 1600 Bewerbern ausgewählt.
Ja, das war etwa so, wie wenn ich ein Euro-Millions-Los kaufe und hoffe, zu gewinnen. Es gibt etwa zehn Personen, die behaupten, mich entdeckt zu haben. Tatsächlich war es Sepp Renggli, der mir danach eine Stelle angeboten hat, obwohl ich ein völlig unbeschriebenes Blatt war.

Demnach hatten Sie nie eine Karriereplanung?
Nein, ich musste immer nur Ja sagen.

Dass Sie nebst dem Sport auch in der Unterhaltung tätig waren, wurde also einfach an Sie herangetragen?
Wenn dich jemand fragt, ob du die neue Samstagabendkiste moderieren willst, dann überlegst du dir das nicht zweimal. Das ist wie bei einem Rennfahrer, der in der Formel 1 antreten kann. Natürlich will er das! Zudem dachte ich, dass die Samstagabendshow das Sahnehäubchen ist, das vielleicht so zwei Jahre andauert. Der Sport blieb deshalb immer meine Basis, die Unterhaltung kam erst später dazu. Das war auch mit ein Grund, weshalb ich beim Fernsehen bis heute nie fest angestellt war und auch nie ein eigenes Büro hatte. Auf alle Fälle dauerte dann «Tell-Star» zwölf und «Benissimo» 21 Jahre (lacht).

Haben Sie auch mal Nein gesagt?
Das hat es auch gegeben, zum Beispiel beim «Samschtigjass». Kliby und Caroline waren dann aber die bessere Lösung. Es gab auch Themen, die ich prinzipiell ausgeschlossen habe, Mode oder Kochen zum Beispiel. Zudem habe ich diesen Beruf nie ausgeübt, um möglichst viel Geld zu verdienen oder prominent zu werden. Sondern ganz einfach deshalb, weil ich es gerne gemacht habe. Ich bin immer so geblieben, wie ich bin.

Bekommen Sie noch viele Angebote?
Der Rekord liegt bei den Anfragen für die 1.-August-Reden. In diesem Jahr hätte ich an acht Orten auftreten können, für nächstes Jahr habe ich bereits eine Absage erteilt. Mir ist der kleinere Rahmen lieber.

Welches war Ihre schwierigste Phase in der beruflichen Karriere?
Lange profitierte ich vom Jugend- bonus und war auch nach fünfzehn Jahren noch der Senkrechtstarter. Aber irgendwann hat es gekippt, dann war ich plötzlich der Alte, der den Jungen Platz machen sollte. Das war auch die Zeit des Kampagnen-Journalismus. Einmal verwechselte ich an einem Fussballspiel in Amsterdam Ajax mit Xamax, die Reaktionen darauf waren extrem. Da habe ich mich gefragt, wem ich etwas zuleide getan habe. Aber dagegen kannst du nichts machen. Es ist wie bei einem Landregen: Drunter stehen und warten, bis er wieder aufhört. Und nichts dazu sagen.

An die Substanz ging es Ihnen nie?
Gesundheitlich nicht, aber der Lustfaktor bei der Arbeit wird natürlich kleiner.

Wenn Sie Fehler machen, wird nun zwangsläufig auch Ihr Alter thematisiert.
Das finde ich eine fiese Sache. Es gibt keine jungen und alten Journalisten, sondern nur gute und schlechte. Also müsste es dann heissen, ich sei nicht alt, sondern schlecht.

Wie hoch ist der Preis, den Sie für Ihre Karriere bezahlt haben?
Rückblickend war er hoch, aber das habe ich lange nicht begriffen. Nach 28 Jahren haben sich meine Frau und ich scheiden lassen. Der Grund hing letztlich auch mit meiner Arbeit zusammen. Denn ich war und bin immer noch mit Leib und Seele Journalist, 24 Stunden am Tag. Das hatte immer Priorität, die Familie kam an zweiter Stelle. Meine Frau und die Kinder hatten sogar Verständnis dafür, das ist ja noch schlimmer. Deshalb kam ich nie an eine Grenze.

Gab es überhaupt ein Sozialleben? Denn immer wenn Sie gearbeitet haben, hatten am Wochenende alle anderen frei.
Mein Sozialleben fand einfach nicht am Sonntag statt. Das habe ich immer geschätzt. Unter der Woche waren die Läden geöffnet und die Schlangen am Skilift nicht so lang. Am Sonntag war es mir tendenziell immer ein bisschen langweilig, von dem her war ich froh, dass ich arbeiten konnte. Das ist bis heute so. Ich praktiziere die Eintageswoche und habe immer am Sonntag einen Einsatz.

Hatten Sie zu Ihren Kolleginnen und Kollegen immer ein gutes Verhältnis?
Ja, immer. Ein gewisses Konkurrenzdenken ist normal, aber nicht so, dass man dem anderen Gift geben würde. Früher war einfach alles familiärer. In meiner Anfangszeit gingen wir jeweils nach den Sendungen zusammen in die Beiz und liessen alles Revue passieren. Heute macht es rumps und alle sind weg.

Gibt es eine Sportart, über die Sie nie berichtet haben?
Formel 1. Ich habe keine Ahnung von einem Motor. Wenn mir jemand sagt, dieses Auto habe drei Zylinder, dann sage ich schön, ich habe auch zwei Smokings zu Hause. Ich halte es da mit Sir Peter Ustinov, der einst sagte, erfolgreiche Leute seien deshalb erfolgreich, weil sie wussten, was sie nicht können.

Wie haben Sie die Sportler im Laufe der Jahrzehnte erlebt?
Das hat sich stark verändert und ist künstlich geworden, da sie immer mehr mit nicht-sportlichen Pflichten überhäuft werden. Bereits Stéphane Chapuisat wollte nur Fussball ­spielen und musste trotzdem Interviews geben. Heute habe ich das Gefühl, dass den Fussballern alles eingetrichtert wird, was sie sagen sollen. Es kommt mir vor, als würden sie die Antworten auswendig lernen. Hat zum Beispiel einer alle fünf Tore geschossen, sagt er nach dem Spiel mit Bestimmtheit: «Wichtig ist nicht, wer die Tore schiesst, wichtig ist nur, dass die Mannschaft gewonnen hat.»

Gab es in all diesen Jahren einen Sportler, der Ihnen ans Herz gewachsen ist?
Eigentlich nicht. Beim Schweizer Fernsehen trifft man die Fussballer immer wieder, aber doch nicht allzu häufig. Man lernt alle nur so ein bisschen kennen. Bei mir waren es dann eher die Co-Kommentatoren wie Sascha Heyer im Beachvolleyball oder Luzia Ebnöther im Curling, mit denen ich mehr Kontakt hatte.

Ausser der Formel 1 gibt es also nichts, worüber Sie als Sport-Generalist nicht berichten können.
Das Generalistentum gibt es nicht mehr. Früher hiess die Ansage «Liebe Sportsfreunde» und die galt für alle Zuschauer. Heute gibt es die Fussball-Freunde oder die Formel-1-Freunde. Aber es gibt nicht mal mehr die Eishockey-Freunde, sondern die Bern-, Davos- oder ZSC-Freunde. Scheidet der SCB in den Playoffs aus, schaut kein einziger Berner mehr die Playoff-Übertragung. Die Zuschauer von heute wollen, dass du das Spezialwissen bringst und dich nicht in Allgemeinheiten verlierst.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es nur noch das Spezialistentum gibt?
Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Heute sind wir technisch so weit, dass wir uns alles aussuchen können. Das ist gefährlich, besonders in der Politik. Am Ende wird kein Mensch mehr mit dem konfrontiert, das nicht seine Meinung abbildet. Er konsumiert nur noch das, was seine Ansichten bestätigt und denkt dann, alle denken so wie er.

Beim Fernsehprogramm ist das auch so. Heute kann man sich aussuchen, was man wann schauen möchte, früher schaltete man den Apparat ein oder aus.
Das ist so. Mein Erfolg beruht ja auch darauf, dass ich zwangskonsumiert worden bin (lacht). Zumindest war das in den Anfangszeiten der Fall. Thomas Gottschalk profitierte auch von diesem Phänomen. Das erzieherisch Wertvolle geht heute verloren, weil man wegzappen kann. Dann kannst du dem Fussballfan nicht mehr der Beitrag vom Schwimmer zeigen, der sich stundenlang im Becken abmüht.

So gesehen wird der Zuschauer nur noch dümmer.
Ja, das ist leider so. Ein Rezept dagegen habe ich allerdings nicht.

Wie stehen Sie der Digitalisierung der Medien gegenüber?
Am Anfang war es doch so: Niemand wusste, ob es gut oder schlecht ist. Mit der Zeit hat sich bei den Medienhäusern die Meinung durchgesetzt, dass man mitmachen muss, sonst ist man out. Das brachte viele Investionen mit sich. Nun glauben alle, dass es eine gute Sache ist.

Finden Sie das auch?
Nein, ich bin immer noch nicht sicher, ob es so ist.

Warum nicht?
Ich erzähle Ihnen dazu ein Beispiel. Auf einer Reise mit dem FC Basel erzählten sich die Journalisten, dass Alex Frei an der Fasnacht auf dem Tisch getanzt habe. Es herrschte eine grosse Aufruhr. Ich fragte dann, wo das erschienen sei? Die Antwort war: «Online», auf der Homepage der Basler Zeitung. Aha, nur online, dachte ich, dann kann es so schlimm nicht gewesen sein. Was ich damit sagen will, dass der Wert viel höher ist, wenn etwas auf Papier gedruckt ist. Der Journalismus besteht doch nicht nur aus all diesen Klicks.

Nutzen Sie die sozialen Medien?
Nein, ich bin weder auf Facebook noch auf Twitter oder sonst irgendwo dabei. Ich liebe aber Google und Wikipedia. Das finde ich faszinierend. Kürzlich habe ich so den Zusammenhang zwischen Torf und dem Dreissigjährigen Krieg herausgefunden. Unglaublich!

Wie halten Sie es mit Online-Kommentaren – lesen Sie das überhaupt?
Nein, da schütze ich mich rigoros dagegen. Ich lese bis heute auch keine anonymen Briefe. Ob man will oder nicht, es belastet einen. Das gleiche Verhalten rate ich auch meinen jüngeren Berufskollegen. Aber für sie ist es nicht so einfach. Sie sind ja mit dem Internet aufgewachsen.

Dann war früher alles besser.
Nein, anders (lacht). Ich habe stets gesagt, dass ich nie sagen werde, dass früher alles besser war.

Haben Sie selbst schon einmal ein Selfie gemacht mit einem Prominenten?
Wenn es an der Weltmeisterschaft 1982 bereits Handys mit Kameras gegeben hätte, vielleicht schon. Ich war damals im gleichen Hotel wie die Argentinier und habe Maradona einmal in der Lobby gesehen. Das ist etwas, das heute besser ist als früher.

Inwiefern?
Dank der digitalen Entwicklung wollen die Leute oft keine Unterschrift mehr, sondern ein Selfie. Das macht Klick und nach fünf Sekunden ist der Fan abgefertigt und zufrieden. Das Handy ist auch sonst eine tolle Erfindung. Um bei der WM in Argentinien zu bleiben: Da fuhr ich einmal in der Woche auf das Hauptpostamt in Buenos Aires, um in die Schweiz zu telefonieren. Ich musste das Gespräch vorgängig sogar anmelden. Wenn ich heute im Ausland bin, habe ich gar nicht mehr das Gefühl, weg zu sein, mit dem Handy bin ich überall erreichbar. Es stimmt also definitiv nicht, dass früher alles besser war.

Das Handy werden Sie auch in den nächsten Wochen oft brauchen, wenn Sie an den Olympischen Spielen sind. Mit was für Gefühlen reisen Sie nach Rio de Janeiro?
Ich freue mich, dass ich nochmals bei Olympischen Spielen kommentieren darf. Aber deswegen bin ich nicht emotionaler als früher.

Gar keine Wehmut?
Nein, überhaupt nicht. Ich wusste, dass die Pensionierung ein einschneidendes Erlebnis wird und deshalb bereite ich mich seit zehn Jahren darauf vor. Bis jetzt läuft alles so, wie ich es mir vorstelle, es fehlt mir nichts. Es ist sozusagen eine gleitende Pensionierung.

Machen Sie sich wegen dem Zika-Virus Sorgen?
Nein, es verhält sich in Rio wie bei jedem anderen Grossanlass auch. Zuerst heisst es, die Sicherheit sei ein Problem, dann werden die Bauten nicht fertig, es wird ein Verkehrschaos geben und es wird gestreikt. Durchgezogen wird der Anlass trotzdem, komme, was wolle. Er findet immer statt.

Glauben Sie denn auch, dass Ihnen am Tag X, wenn Sie ganz aufhören werden, gar nichts fehlen wird?
Ja, das glaube ich. Für mich war der einzige spürbare Einschnitt derjenige, als ich als Fussballkommentator der Schweizer Nationalmannschaft aufhörte.

Wie sieht heute Ihr Alltag aus?
Da ich immer noch im Business bin, investiere ich immer noch jeden Morgen eine Stunde in die Zeitungslektüre. Danach erledige ich Büroarbeiten und mach wann immer möglich noch eine Stunde Sport. Oft bin ich mit dem Mountainbike unterwegs. Am Nachmittag habe ich meist Termine. All die Essen mit Freunden und Bekannten hole ich jetzt nach, das Sozialleben erlebt einen Aufschwung. Ich bin also immer noch viel unterwegs, werde allerdings nicht mehr dafür bezahlt.

Haben Sie sich von alten Arbeitsmitteln verabschiedet?
Meine Kartei mit Fussballspielern existiert noch. Allerdings nehme ich keine neuen Spieler mehr darin auf, sondern aktualisiere gegebenenfalls noch die älteren Semester wie zum Beispiel Gianluigi Buffon.

Haben Sie noch ein grosses Ziel?
Auf Weltreise war ich schon vier Mal, möchte aber nochmals mit meiner Partnerin gehen. Vielleicht schreibe ich irgendwann ein viertes Buch.

Über welches Thema?
Es ist alles noch in der Schwebe. Aber ich habe das Gefühl, dass ich die goldenen Jahre des Fernsehens erlebt habe. Ein Titel wäre also zum Beispiel «Aufstieg und Fall des Fernseh-Imperiums».

Was denken Sie, wohin entwickelt sich das Medium Fernsehen in Zukunft?
Der Bildschirm wird bleiben, aber das Fernsehen wird mit dem Computer verschmelzen. Die Programme werden also in Zukunft auf dem Computerbildschirm gezeigt.

Und von den Formaten her?
Das ist ein gesellschaftliches Pro-blem. Rein wirtschaftlich gesehen, braucht man eine möglichst hohe Einschaltquote, wenn man erfolgreich sein will. Blöderweise ist es nun so, dass je tiefer das Niveau, desto höher die Einschaltquote ist. Rein wirtschaftlich gesehen muss man also puren Schrott senden, um den höchsten Gewinn zu erzielen. Das ist irgendwo ein Widerspruch. Kommt hinzu, dass man dem Zuschauer immer noch verrücktere Sachen präsentieren muss. Im nächsten Dschungelcamp laufen sie dann nackt herum und sind auf Drogen. Das würde wohl ziemlich erfolgreich sein (lacht).

Schauen Sie sich solche Schrott-Sendungen an?
Nein, das halte ich nicht aus. Schon rein aus beruflichen Gründen nicht, denn ich weiss ja, dass in solchen Sendungen jeder Satz abgesprochen ist. Das sind alles unglaublich schlechte Schauspieler. Da gehe ich lieber an den Schul-Silvester meiner Enkel, da ist das Niveau etwa gleich. Aber offenbar wollen das die Leute.

Was stört Sie als TV-Konsument?
Bei der Fussball-Europameisterschaft in Frankreich waren es die Werbebanden in den Stadien, die ja eigentlich gar keine solchen mehr waren, sondern eher aufgestellte Bildschirme. Das war viel zu unruhig. Im Tennis ist das besser, da ist die Werbung gediegen und ruhig.

Bedauern Sie, dass es grosse Figuren – wie zum Beispiel Rudi Carrell früher einer war – heute nicht mehr wirklich gibt?
Das ist der Lauf der Zeit. Denn wie gesagt, heute wird man nicht mehr zwangskonsumiert. Vielleicht waren all die grossen Namen nur deshalb so erfolgreich, weil die Konkurrenz früher noch nicht so gross war. Heute gibt es viele verschiedene Figuren am TV, der einzelne Kommentator wird da fast bedeutungslos. Das sagt aber nichts über die Qualität aus.

Machen Sie ein Fest zum Abschluss, wenn Sie aus Rio zurück sind?
Nein, denn ich höre ja zum gefühlt siebten Mal auf. Ich glaube, das geht den Leuten langsam auf den Wecker. Deshalb sollte ich endlich mal aufhören, aufzuhören (lacht).

Die Schlussfeier in Rio wird Ihr letzter Einsatz als Kommentator sein. Wissen Sie bereits, was Sie dann sagen werden?
Es ist ja bezeichnend, dass ich mit einer Schlussfeier aufhöre, zuerst viel Licht und Glamour und am Schluss wird es dunkel. Dann kann man mich auch gleich begraben. Aber nein, im Ernst, ich habe mir nichts überlegt. Das wäre künstlich. Emotionen sind gerade nicht rational, deshalb weiss ich jetzt noch nicht, wie ich mich dann fühlen werde. Für das Archiv rede ich nicht. Zudem bin ich ein bisschen abgeschreckt von Hans Jucker. Er hat sich bei seinem letzten Einsatz als Kommentator auf eine Art verabschiedet, bei der ich den Eindruck hatte, er sagt Adieu, wie wenn er für immer gehen würde. Und einen Monat nach seiner Pensionierung war er tot.

Wann ist der «Schnurri der Nation» eigentlich ganz ruhig?
Nie!

Nie?
Wahrscheinlich nur, wenn ich wirklich fassungslos bin und irgendein Terrorist unschuldige Leute in die Luft sprengt. Da weiss dann selbst ich nicht mehr, was ich sagen soll.

Und privat?
Ja, gut, wenn ich alleine bin manchmal schon (lacht). Aber wenn ich irgendwo etwas Lustiges sehe, muss ich das jemandem mitteilen. Bei mir stand «schwatzhaft» schon im Zeugnis. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.08.2016, 07:45 Uhr

Artikel zum Thema

Beni, eine Verneigung

Als einer der wenigen Kommentatoren konnte Bernard Thurnheer Fussballspiele ins Leben einordnen – und nicht nur in eine Meisterschaft. Mehr...

«Annie Lennox hat mir geholfen»

Am Samstag moderiert Beni Thurnheer zum letzten Mal «Benissimo». Thurnheer über das Fernsehen von heute, seine spezielle Beziehung zu Robbie Williams und die Kritik an seinen Fussballmoderationen. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...