Kiffen im «Club»

Mit legalem Cannabis gegen den Schwarzmarkt und schlechte Drogen. So will es ein Pilotprojekt in Genf. Der gestrige «Club» fragte nun: Kann die kontrollierte Cannabis-Abgabe funktionieren?

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In Uruguay darf man es. In Colorado darf man. Barack Obama tat es. Genfer, Zürcher, Winterthurer und Basler sollen es bald legal tun dürfen: kiffen. 2008 lehnte das Schweizer Stimmvolk die Liberalisierung des Cannabis-Konsums an der Urne ab. Aber seit Anfang Jahr wird wieder diskutiert über die Legalisierung von Cannabis.

Der Bericht, den die Nationale Arbeitsgemeinschaft Suchtpolitik (NAS) im April 2014 veröffentlichte, klang ernüchternd. Die repressive Drogenpolitik in der Schweiz sei gescheitert. Der Konsum von Cannabis halte sich auf hohem Niveau. Die Abdrängung des Kiffens in die Illegalität habe lediglich kriminellen Organisationen nette Umsätze beschert, die Qualität des gehandelten Stoffes sei teilweise miserabel. Die grossen Schweizer Städte machen nun Druck. In Pilotprojekten soll Cannabis kontrolliert abgegeben werden. Damit will man die Konsumenten schützen und den Schwarzmarkt zerstören.

«Schäden lassen sich nicht wegdiskutieren»

Am weitesten ausgearbeitet ist derzeit ein Projekt in Genf. Konsumenten sollen ihren Stoff künftig in pro Monat begrenzten Mengen in Cannabis-Vereinen beziehen können. Das Genfer Modell stand dann auch im Zentrum des gestrigen «Clubs». Unter dem Losungswort «Kiffen im Verein» liess Moderatorin Karin Frei Gegner und Befürworter der kontrollierten Cannabis-Abgabe gegeneinander antreten.

Einigkeit herrschte in der Runde in zwei Punkten: So, wie es jetzt ist, ist es nicht gut. Und die Jugendprävention ist vernachlässigt worden. Darüber hinaus taten sich bald die üblichen ideologischen Gräben auf. Einstiegsdroge, ja oder nein? Langzeitschäden, erwiesen, nicht erwiesen? Für SVP-Nationalrätin Verena Herzog war klar, der Cannabis-Konsum wird bagatellisiert. «Die Gesundheitsschäden lassen sich nicht wegdiskutieren.» Ruth Dreifuss, Alt-Bundesrätin und Mitglied der Weltkommission für Drogenpolitik, hielt dagegen. Das Gros der Cannabis-Konsumenten steige ohne Problem wieder aus. «Es ist nicht harmlos, aber Alkohol und Tabak sind es auch nicht.»

Auf diesen drohenden Grabenkrieg über Wirkung, Gefahr und Folgen des Cannabis-Konsums war Moderatorin Karin Frei vorbereitet. Die Diskussion lenkte sie von Allgemeinplätzen und schwammigen Statistiken weg. Im richtigen Moment liess sie den Pharmakopsychologen Boris Quednow per Einspieler zu Wort kommen. Dieser legte unaufgeregt den Forschungsstand dar: Langzeitwirkungen des Cannabis-Konsums sind bei Erwachsenen und Jugendlichen verschieden. Ob das Kiffen tatsächlich zu Psychosen führen kann, hängt von der Vulnerabilität des Individuums ab und diese ist genetisch vorbestimmt.

«Können nicht beeinflussen, was mit dem Stoff geschieht»

Spannend wurde der gestrige «Club» vor allem, als es um die konkrete Umsetzung des Genfer Pilotprojektes ging. Strafrechtsprofessor Martin Kilias etwa befürchtete eine Zunahme der Kiffer durch die legale Abgabe, räumte gleichzeitig aber ein: «Wenn Genf es schafft, mit den Clubs die Konsumentenzahl zu verkleinern, ändere ich meine Position.»

Die Befürworter zeigten sich derweil selbstkritisch. So räumte Sandro Cattacin, Soziologieprofessor und Präsident der Projektgruppe Genf, ein, dass auch die kontrollierte Abgabe nicht verhindern könne, dass Junge an Cannabis kämen. «Wenn das Produkt draussen ist, können wir nicht beeinflussen, was damit geschieht.» Doch die Menschen, die in den Verein kommen, sollen gut beraten und von Fachleuten über die gesundheitlichen Gefahren aufgeklärt werden.

Drogen sind Teil der Gesellschaft

Alles in allem wirkten die Befürworter souveräner; sie machten deutlich, dass eine emotionalisierte Diskussion nicht zielführend ist. Franziska Teuscher etwa, Bildungs- und Sozialdirektorin des Kantons Bern, betonte, es gehe den Liberalisierungsbefürwortern nicht um die Glorifizierung des Kiffens. Auf den Vorwurf von Verena Herzog, die kontrollierte Abgabe setze gegenüber Jungen ein falsches Zeichen, entgegnete Teuscher: «Ich will mir nicht unterstellen lassen, dass ich den Cannabis-Konsum fördere.»

Tatsache sei, dass Drogen ein Teil unserer Gesellschaft seien. Deshalb sei es aber umso wichtiger, die jungen Leute objektiv über Gefahren aufzuklären. «Das Kiffen darf weder verharmlost noch verteufelt werden.» Mit der Drogenpolitik stecke die Schweiz in einer Sackgasse, so Teuscher weiter. «Jetzt probieren wir doch einfach mal etwas anderes. Wenn die Konsumentenzahlen zurückgehen, dann ist gut. Ansonsten denken wir weiter.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2014, 11:23 Uhr

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