Kultur

«Leuenbergers Kritik ist nur bedingt berechtigt»

Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 09.12.2009

Erstmals äussert sich der neue Chefredaktor des Schweizer Fernsehen öffentlich. Im Interview mit baz.ch/Newsnet sagt Hansruedi Schoch, wie er das Programm ausbauen will und äussert sich über die Fehlprognosen zur Minarett-Abstimmung.

«Das Fernsehen wird nicht besser, nur weil der Chefredaktor ein bunter Hund ist»: Hansruedi Schoch, der neue Info-Chef beim SF.

«Das Fernsehen wird nicht besser, nur weil der Chefredaktor ein bunter Hund ist»: Hansruedi Schoch, der neue Info-Chef beim SF.
Bild: SF

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Zur Person

Hansruedi Schoch hat im Sommer die Nachfolge Ueli Haldimann als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens angetreten. Der 43-jährige kam vor 16 Jahren an den Leutschenbach: Er war unter anderem Produzent bei der «Tagesschau» und «10 vor 10», Redaktionsleiter des inzwischen eingestellten «Mittags-Magazins» seit Herbst 2002 stellvertretender Chefredaktor und Programmentwickler in der Informationsabteilung. Vor seiner Karriere bei SF arbeitete er für Radio DRS («Regionaljournal») und für die SDA. Schoch ist Vater von fünf Kindern.

«Wer ist Hansruedi Schoch?» fragte die NZZ nach Ihrer Ernennung. Woran liegt es, dass Sie ausserhalb des Leutschenbach ein «Noname» sind?
Ich bin seit 25 Jahren im Journalismus tätig, bei Zeitungen, beim Radio und beim Fernsehen. Ich habe aber früh angefangen, hinter den Kulissen zu arbeiten. Da hatte ich keinen Anlass, mich in den Vordergrund zu drängen. Ich bin ein Teamplayer; und es muss nicht sein, dass mein Name überall steht.

Trotzdem, als Chefredaktor müssen Sie das Schweizer Fernsehen auch gegen aussen repräsentieren.
Natürlich muss die Öffentlichkeit wissen, wo der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens publizistisch steht. Trotzdem glaube ich nicht daran, dass das Fernsehen besser wird, nur weil der Chefredaktor ein bunter Hund ist. TV ist ein Medium mit vielen Stars, da muss der Chefredaktor nicht immer im Rampenlicht stehen.

Ihre Vorgänger – Ueli Haldimann, Filippo Leutenegger, Peter Studer und Erich Gysling – waren allesamt schon bekannte öffentliche Persönlichkeiten. Ist das kein Handicap für Sie?
Das glaube ich nicht. Leutenegger und Gysling waren bekannt, weil Sie vor der Kamera standen. Das ist nicht meine Stärke. Ich sehe das auch als eine Chance: Es ist – gerade im Bildmedium Fernsehen – hilfreich, wenn die Protagonisten aus der Politik und Wirtschaft kein fixes Bild von einem haben. Es erlaubt einen viel offeneren Austausch.

Sie haben als Chefredaktor einen befristeten Vertrag bis Ende 2010. Wo wollen Sie Pflöcke einschlagen?
Wir haben in den letzten Jahren bereits viele Pflöcke eingeschlagen. Ich muss darum nicht alles auf den Kopf stellen. Wir befinden uns vielmehr in einer Phase, in der wir uns auf die bestehende Arbeit besinnen. Ich habe deshalb bei meinem Amtsantritt eine Offensive gestartet, um die Qualität der Sendungen zu verbessern.

Das klingt nach eher bescheidenen Visionen...
SF braucht keinen «Bigbang». Wichtig ist derzeit, laufend Verbesserungen an einigen Sendungen vorzunehmen. Eine optische Auffrischung brauchen etwa die Sendungen «Rundschau» und «Horizonte». Wir wollen dabei den Moderatoren auch inhaltlich mehr Spielraum geben.

Wo hat das Schweizer Fernsehen heute programmliche Defizite?
Erstens in der Auslandberichterstattung. Ihr versuchen wir derzeit in den bestehenden tages- und wochenaktuellen Sendungen Rechnung zu tragen. Das reicht aber nicht. Uns würde deshalb ein Auslandsmagazin sehr gut anstehen. Im Moment etwa könnte es den Blick des Auslands auf die Schweiz nach dem Minarettverbot beleuchten.

Wie könnte die neue Sendung konkret aussehen?
Ähnlich wie «Eco» müsste das Magazin Zusammenhänge aufzeigen. Es könnte dabei relativ schlank daherkommen. Mit den heutigen, modernen Kommunikationsmitteln, namentlich mit dem Videotransfer, wäre das möglich. Wir müssten bloss eine kleine Stammredaktion in Zürich aufbauen. Zugleich könnte man das Korrespondentennetz leicht ausbauen.

Auch bei Talksendungen ist das Schweizer Fernsehen – gerade etwa im Vergleich mit den öffentlich-rechtlichen Sendungen Deutschlands im Hintertreffen.
In der Tat: Uns fehlt eine weitere tages- oder wochenaktuelle Talksendung. Der «Club» macht das sehr gut, deckt aber nur ein bestimmtes Segment ab. Es gäbe durchaus Raum, den Zuschauern diesbezüglich mehr zu bieten. Etwa, indem am Sonntagabend die Themen der letzten Woche diskutiert würden. Oder aber auch ein täglicher Talk wäre denkbar. Allerdings fehlt uns hier der Sendeplatz.

Sie spielen also mit dem Gedanken, «TalkTäglich» von TeleZüri zu kopieren?
Ein tagesaktueller Talk ist ein tagesaktueller Talk. Im Gegensatz zu TeleZüri würden wir aber die Gespräche sehr gerne nicht in einem Studio, sondern draussen vor einem zufälligen Publikum durchführen. Auf diese Weise könnten wir den Dialog mit den Leuten suchen. Das allerdings ist sehr kostenintensiv.

Plant das Schweizer Fernsehen sonst noch neue Sendungen?
Seit dem Jahr 2002 haben wir kein kreatives Nachwuchsgefäss, wo junge Reporter und Moderatoren neue Formen ausprobieren und sich weiterentwickeln können. Hier sind wir sehr schlecht bestückt. Es ist sehr schwierig für die jungen Leute, gleich im Hauptabend Fuss zu fassen. Ich bin sehr optimistisch, dass wir in den nächsten ein, zwei Jahren ein neues Format auf die Beine stellen können.

Ist die Sendung «Arena» Ihrer Ansicht nach noch zeitgemäss?
Absolut, ja. Die Sendung ist nach dem Relaunch eine Erfolgsgeschichte. Die Einschaltquoten haben massiv zugelegt. Europaweit werden Sie keine andere politische Talksendung finden, die ähnliche Zahlen bringt. Das zeigt, dass wir eine Form gefunden haben, die wieder eine viel direktere Diskussion zulässt. Kurzum: Für die «Arena» stimmt das Sprichwort «Totgesagte leben länger».

Was sagen Sie zur Kritik, «Tagesschau» und «10vor10» hätten die ungenauen Umfrageprognosen vor der Minarett-Abstimmung ohne die nötige Distanz verkauft?
Wir müssen Umfragen künftig tatsächlich stärker als das betrachten, was sie sind: nämlich Momentaufnahmen in einem politischen Prozess. Was zehn Tage später ist, ist eine ganz andere Sache. Alle Journalisten, auch die von SF, müssen sich hier an der Nase nehmen, damit die TV-Zuschauer die Zahlen besser einordnen können.

Medienminister Moritz Leuenberger stört sich an der Rolle von Claude Longchamp: Ihm verschaffe SF ein «doppeltes Monopol», denn es erlaube ihm, seine falschen Prognosen als SF-Politkommentator gleich auch noch schönzureden.
Diese Kritik ist nur bedingt berechtigt. Auch wenn ein Politiker eine falsche Aussage macht, verlangen die Journalisten nach Erklärungen. Das ist so üblich und im Falle von Longchamp nicht anders. Ich sehe darin nichts Ehrenrühriges, solange Longchamp die ungenauen Umfrageresultate erklären kann. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.12.2009, 08:59 Uhr


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