Kultur

Mit welchen Tricks TV-Serien süchtig machen

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 26.04.2010 23 Kommentare

TV-Serienexperte Robert Blanchet über die Überlegenheit von US-Produktionen, den Schluss von «Lost» und die Serien-Politik vom Schweizer Fernsehen.

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Serien, die süchtig machen: Zum Beispiel «True Blood», wo Vampire unter Menschen leben - ihr Blutdurst hat man mit einem Kunstblut stillgelegt. Komplikationen gibts freilich trotzdem. Die Serie basiert auf den «Sookie Stackhouse»-Büchern.

   

Serienexperte Robert Blanchet.

Zur Person

Robert Blanchet ist Doktorand am Filmwissenschaftlichen Institut der Uni Zürich. Am 4. Juni findet dort eine Tagung über serielle Formen statt. Dabei wird der noch wenig erforschte Trend der Quality Television Series zum Anlass genommen, um sich dem Phänomen des Seriellen auf einer breiten Basis zu nähern.

Herr Blanchet, was ist Ihre Lieblingsserie?
Die Mysteryserie «Lost». Weil sie alles hat, was eine moderne Serie ausmacht: Komplexität, eine professionelle Produktion und interessante Charaktere. Ausserdem schafft sie es, auch einen gewieften Zuschauer zu überraschen. Dasselbe könnte man von «The Sopranos» sagen – dort kommen sogar noch Humor und grossartige Dialoge hinzu.

Ihre Favoriten bei Schweizer Serien?
Offen gestanden schaue ich keine Schweizer Serien. Uns fehlen einfach die guten Schauspieler. Auch der Schreibstil und die Dramaturgie hinken hinter US-Serien her. Übrigens auch in Deutschland. Ausser «KDD – Kriminaldauerdienst» läuft dort für mich kaum etwas Nennenswertes.

Wo liegt das Problem?
In Amerika wird mehr Wert auf Konzept und Drehbuch gelegt, ganze Autoren-Teams arbeiten über Jahre hinweg an einer Produktion. Geleitet wird das ganze von einem sogenannten Show Runner oder Writer-Producer, der es in vielen Fällen schafft der Serie seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, ähnlich wie beim Autorenkino. Ausserdem entstehen viele US-Serien nicht auf den grossen frei zugänglichen Privatsendern, sondern bei Pay-TV-Sendern wie HBO oder Showtime. Das hat den Vorteil, dass sich die Macher nicht an Richtlinien halten müssen – was zu mehr Experimentierfreude und weniger Political Correctness führt. Das Fernsehen geniesst in den Staaten zudem einen guten Ruf. In Europa hingegen schauen sich kulturinteressierte Menschen eher einen Arthousefilm an, als eine Serie.

Sind moderne Serien denn tatsächlich innovativer als Filme?
Man hat halt einfach mehr Zeit, um Figuren zu entwickeln. Zudem sind die Autoren in der Lage, weitaus mehr Handlungsstränge zu erzählen - ein bisschen wie bei einem Roman. Dank des Fortsetzungsformats moderner Serien kann der Zuschauer richtig in die Handlung abtauchen. Das Kino hat das übrigens auch gemerkt: «Lord of the Rings» etwa wurde in einem seriellen Format umgesetzt.

Das Fortsetzungsformat wird bisweilen aber auch überstrapaziert. Bei der neusten «Lost»-Staffel haben selbst eingefleischte Fans den Überblick verloren.
Das ist die Kehrseite der Medaille. Zwar machen Fortsetzungsserien richtiggehend süchtig. Doch wer zu spät einsteigt – oder im Fall von «Lost» – nicht 100 Prozent up to date ist, verliert den Anschluss. Andererseits kann man sich im Internet mit anderen Zuschauern über die Serie austauschen – was wiederum Bestandteil der Komplexität moderner Serien ist.

Wissen die Macher von Anfang an, wie eine Serie ausgeht?
Das ist von Fall zu Fall verschieden. Bei «Akte X» zum Beispiel hat man des Rätsels Lösung so lange hinausgezögert, dass die Zuschauer sich zunehmend genervt haben. Und am Ende der Serie gelang es nicht, die losen Ende der verschiedenen Handlungsstränge zusammenzubringen. Bei «Lost» droht ähnliches Ungemach. Allerdings betonen die Erschaffer nach wie vor, dass sie die Lage im Griff haben.

Täuscht der Eindruck oder macht das Schweizer Fernsehen um schräge US-Serien einen Bogen?
Bisweilen habe ich diesen Eindruck auch. Doch der kostspielige Einkauf einer Serie muss sich natürlich auch für einen öffentlich rechtlichen Sender lohnen. Und notabene müssen Serien, die in Amerika gut laufen, hier nicht zwingend erfolgreich sein - das hat sich unter anderem bei den «Sopranos» gezeigt und auch «Lost» erzielt hierzulande schwache Quoten.

Warum?
Das hat auch damit zu tun, dass diejenigen Leute, die von solchen Serien angesprochen werden, sich die neuesten Staffeln und Folgen über andere Kanäle besorgen: via DVD und natürlich auch über das Internet. Zudem will das europäische Publikum wissen, was es bei einer Serie erwartet. Doch gerade die am meisten gefeierten US-Serien vermischen Genres wie Drama, Komödie oder Thriller. Dafür ist die breite Masse hier vielleicht noch nicht bereit.

Welche Serien muss man ihrer Meinung nach im Auge behalten oder in seiner Sammlung haben?
Für diejenigen, die es gern phantastisch und mysteriös mögen, empfehle ich «Carnivale», «True Blood» und «Battlestar Galactica», wobei sich all diese Serien dadurch auszeichnen, dass sie eben auch als Drama viel zu bieten haben. Für diejenigen, die realistische Unterhaltung bevorzugen, sind meine Tipps: «The Wire», «Mad Men», «Big Love» und «Huff». «Californication» sehe ich auch gern und von «Breaking Bad», die gerade im Schweizer Fernsehen angelaufen ist, habe ich zumindest schon viel Gutes gehört. Leider schafft man es auch als Serienfan kaum, sich alles anzusehen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2010, 16:42 Uhr

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23 Kommentare

Michael Trümmer

04.06.2009, 16:19 Uhr
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Verstehe Leute nicht, die sich die fiktiven Leben von erfundenen Charakteren anschauen, statt selber Geschichte machen zu wollen. Antworten


Chuck Bass

04.06.2009, 14:57 Uhr
Melden

Kann dem Gesagten nur beipflichten. US Serien geben mehr her, als unsere nationalen "Versuche". Schade finde ich, dass SF gewisse Serien (z.B. 24 oder Prison Break) unter der Woche erst gegen Mitternacht ausstrahlt. Kein Wunder ist die Resonnanz gering. Lieber mal gute Serien anstelle von lahmen Quizshows. Was ich gut finde, ist, dass bei SF meistens auch in Originalsprache geschaut werden kann. Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.