Kultur
Raucher – wie aus Königen Sonderlinge wurden
Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 03.04.2009 28 Kommentare
Film
«Eine letzte Zigarette – Aufstieg und Fall des blauen Dunstes», ein Film von Fritz Muri.
«Wie konnte es nur soweit kommen?», fragt sich manch ein Raucher, wenn er wieder einmal in einem rauchfreien Restaurant steht und sich ärgert, dass er nach dem Essen für die Zigarette ins Freie muss. Die meisten haben noch erlebt, wie an jedem Arbeitsplatz Aschenbecher standen, wie cool Musiker und Schauspieler wirkten mit einer Kippe im Mundwinkel, wie Proteste von Nichtrauchern gegen den allgegenwärtigen Qualm mit spöttischem Lächeln übergangen wurden. Es ist gar noch nicht lange her, da mussten sich die Nichtraucher einnebeln lassen – ob sie wollten oder nicht. Die Bevölkerung war ja auch zur Hälfte der Zigarette verfallen.
Heute bleibt den Rauchern das Lachen im Hals stecken. Und der Nikotin-Dunst je länger je mehr auch. Eine Entwicklung, die vor rund 40 Jahren ihren Anfang genommen hatte, scheint sich ihrem Höhepunkt zu nähern: Die Unterwerfung des Rauchers durch den Nichtraucher.
Als der Raucher König war
Wie es zu diesem krassen Paradigmenwechsel kommen konnte, zeichnete gestern abend der Schweizer Dokfilm «Eine letzte Zigarette – Aufstieg und Fall des blauen Dunstes» nach. Unter anderm am Beispiel des Volksmusikers Peter Zinsli. Der bekannte Bündner Handorgel-Spieler hat eine typische Raucher-Karriere hinter sich. «Alle rauchten», erinnert er sich, «wenn man rauchte, war man König.» Heute kann Zinsli keinen Schritt mehr ohne sein Sauerstoff-Gerät machen.
Die Frage, die der Filmemacher Fritz Muri in seinem Werk äusserst schlüssig beantwortete: Wie konnte es überhaupt zu einem weltweiten Siegeszug des Tabaks kommen? Warum war Rauchern überhaupt einst der Inbegriff der Coolness? Muri fragte den Schweizer Rauchexperten, Genussraucher und ehemaligen Parisienne-Man Beat Wyss. Der hat die Kulturgeschichte des Paffens gründlich studiert. «Alles, was früher fortschrittlich war, rauchte», erkläutert Wyss. Kamine, Dampflokomotiven, Fabriken – und eben auch erfolgreiche Menschen. Besonders bei Dichtern und Denkern war die Analogie «rauchende Köpfe – rauchende Stängel» beliebt. Ausserdem hätten Zigaretten dazu beigetragen, die Klassenschranken abzubauen, so Wyss. Dank dem um sich greifenden Wohlstand in den Jahren des Wirtschaftswunders, konnte sich jedermann und jedefrau das Rauchen leisten.
Marboro-Man und die Folgen
Warum ein Umdenken in diesem Ausmass stattfinden konnte, fasst Dokfilmer Muri gekonnt zusammen: In den 70er-Jahren, die Tabakindustrie war auf ihrem Höhepunkt, machten erste Warnungen vor dem blauen Dunst die Runde. Der Camel-Man Georg O. Herringer sagt zu Muri: «Wir hatten damals null Bewusstsein für die Gefährlichkeit des Tabaks.» Dem stellten US-Forscher ihre erschreckenden Ergebnisse entgegen. Sie schockten die Öffentlichkeit mit der Erkenntnis: Rauchen tötet. Der berühmte Marlboro-Man – er starb an Lungenkrebs.
Während sich die Tabak-Industrie zuerst noch gegen die Angriffe auf ihr lukratives Geschäft wehrte und den Studien gefälschte Eigenstudien entgegen hielt, die die Unbedenklichkeit des Glimmstängels beweisen sollten, errang die US-Gesundheitsbehörde 1977 einen ersten grossen Sieg: Die Warnaufschriften auf den Zigaretten-Päckchen wurde obligatorisch. Zehn Jahre später wurden sie auch in der Schweiz eingeführt.
Der letzte Todesstoss?
Einen weiteren entscheidenden Sieg über die Raucher und die Tabak-Lobby gelang den Gesundheitsbehörden durch die plötzlich auftauchende Haftpflichtfrage: Muss die Tabakindustrie für die kranken Raucher aufkommen? Angesichts der horrenden Summen, die sie in diesem Fall hätten bezahlen müssen, gestanden die Zigaretten-Bosse, was sie jahrzehntelang verleugnet hatten: Rauchen macht süchtig.
Den letzten, tödlichen Schlag erfuhr die Raucher-Zunft, als die Schädlichkeit des Passivrauchens belegt wurde. In einem heute absurd anmutenden Experiment zeigte der Dokfilm ein am Schweizer Fernsehen live durchgeführtes Experiment: Die Herztöne eines Ungeborenen werden schneller, wenn die Schwangere Frau eine Zigarette raucht.
Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, ist überzeugt: Die heutige Situation hat der Anti-Passivrauchen-Trend aus den USA ausgelöst. Die Nichtraucher wehren sich – und bekommen endlich Gehör. Heute sind Raucher Sonderlinge, immer mehr Verbote machen ihnen das Leben schwer, grenzen sie aus der Nichtraucher-Gesellschaft aus, sie wurden zur Minderheit, machen heute noch 29 Prozent der Bevölkerung aus. Heute beugen sich die Raucher den Entscheidungen der Nichtraucher. Und qualmen brav im Freien, auch bei Wind und Wetter.
Wie es soweit kommen konnte, dass eine ganze Gesellschaft ihre Einstellung änderte – das wurde anhand der Kulturgeschichte des Tabaks, die Fritz Muris Dokfilm aufzeigte, überdeutlich.
Die Geschichte wiederholt sich – auch die Geschichte des Rauchens
Ende gut alles gut? Natürlich nicht. Mit Afrika und Asien wächst für die Tabakindustrie ein gigantischer neuer Absatzmarkt heran. Die Zahl der Rauchenden steigt weltweit nach wie vor an, auch wenn wir das Gefühl haben, die Zeit der Raucher sei vorbei. In anderen Ländern steht sie erst noch bevor.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.04.2009, 16:01 Uhr
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28 Kommentare
Jeder, der sich das Rauchen abgewöhnte,wird ein fanatischer Antiraucher und will,das das Rauchen per Gesetz sofort verboten wird! Es gibt Raucher,die sind süchtig und haben es schwer vom Nikotin loszukommen,sind echte Raucher.Es gibt Raucher,die sind nicht süchtig und werden es nie sein,das sind die unechten Raucher.Ich möchte nur eines!Frei zu sein mir zu schaden oder nicht!!!!! Antworten
@ Ursula Jungo Furfaro: schön möchten Sie frei sein, aber nicht auf Kosten anderer! Die Freiheit jedes Einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit eines Anderen einschränkt. Und Nichtraucher mussten lange genug den scheusslichen Gestank von Rauchern erdulden. Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








