Kultur

SRG entdeckt Beliebtheitstrick Wohltätigkeit

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 08.12.2009

In anderen Ländern haben sie Tradition: Die jährlichen Spenden-Aktionen der grossen Fernseh- und Medienanstalten. Beim Schweizer Fernsehen hielt man sich damit zurück. Bis jetzt.

1/8 Das Schweizer Fernsehen und Radio DRS veranstalten heuer zusammen mit der Glückskette die einwöchige Spenden-Aktion «Jeder Rappen zählt».

   

Jeder Rappen zählt

Das Spendenprojekt gegen Malaria vom 14. bis 19. Dezember 2009.

DRS 3 sendet live und rund um die Uhr vom Bundesplatz in Bern. SF zwei überträgt das Geschehen vom Bundesplatz täglich von ca. 22.45 bis am Folgetag um 17.00 Uhr und im Internet als Live-Stream 24 Stunden am Tag. Inhaltlich orientiert sich die TV-Übertragung am Radioprogramm aus der Glas-Box. Das Finale von «Jeder Rappen zählt» ist Teil der Sendung «Happy Day» am 19. Dezember ab 20.10 Uhr auf SF1.

Informationen zu allen Aktivitäten rund um «Jeder Rappen zählt»
www.jrz.ch

«Jeder Rappen zählt» heisst die heuer mit grosser Kelle angerührte Wohltätigkeitsveranstaltung des Schweizer Fernsehens in Zusammenarbeit mit Radio DRS und der Glückskette.

Ein Novum für unser Land. Noch 2008 hiess es bei SF: «Es ist unsere langjährige Politik, dass wir – mit Ausnahme der Glückskette, bei besonders schwerwiegenden Ereignissen – keine speziellen Sendungen für das Sammeln von Geld durchführen.» So die Aussage von SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Mit dieser Begründung lehnte es die SRG auch ab, die Krebsgala der Schweizer Krebsliga auszurichten. Diese wird seit Jahren von Ringier-TV produziert und erhält einen Sendeplatz der zweiten Wahl – auf SF2 wie Kurt Felix im «SonntagsBlick» kritisierte.

Getreu den zitierten Prinzipien sammelte das Schweizer Fernsehen mit Prominenten am Spende-Telefon in einzelnen Sendung Geld. Etwa in «Wir helfen Südasien - Die grosse Schweizer Sammelaktion» für die Opfer der Flutkatastrophe in Asien. Oder im Rahmen der Freitagabend-Sendung «Quer» für die Betroffenen des Schweizer Hochwassers 2005.

Blick über die Grenze tut Not

Ganz anders handhaben die grossen Sender anderer europäischer Länder das Thema Wohltätigkeit. Sie praktizieren eine alte Weisheit: Wer im Rampenlicht steht, kann sich mit Wohltätigkeit im Handumdrehen ein gutes Image verschaffen. Das wissen Superstars wie Angelina Jolie oder einst Lady Di genau. Aber auch die BBC in England profitiert seit 30 Jahren von dieser Art der Imagepflege. Bei den Spenden-Galas «Children in Need» und dem «Red Nose Day» kommen jährlich Rekordsummen für Bedürftige zusammen.

Deutsche Medien brauchen sich mit ihren Charity-Aktionen auch nicht zu verstecken. Ebenfalls seit 30 Jahren gibt es «Ein Herz für Kinder». Vom Springer-Verlag ins Leben gerufen und vom ZDF ausgestrahlt ist es die älteste Spenden-Gala des Landes.

Neues aus Deutschland

Neue Massstäbe in diesem Bereich setzte 1996 RTL mit seinem jährlichen Spendenmarathon «Wir helfen Kindern». Anstelle einer einzelnen Sendung setzt der Privatkanal auf Vielfalt und das während mehreren Tagen: Vom eigens für den Spendenmarathon komponierten Song über die Versteigerung von Aktivitäten mit Prominenten bis zu Sammelaktionen in Geschäften und Firmen – alles Geld fliesst am Ende zusammen und wird via «Wir helfen Kindern» hilfsbedürftigen Kindern gestiftet. Selbstredend, dass die RTL-Stars auf dem Sender jetzt wieder, kurz vor Weihnachten, omnipräsent für den Spendenmarathon werben und in praktisch jeder Sendung ein Beitrag zum Spendenmarathon und den vielen Aktionen rundherum gezeigt wird. Zusammen mit dem vielen Prominenten, die jeweils mithelfen, ergibt das alles einen wunderbaren Präsentierteller für RTL.

Die Schweiz zieht nach

«Jeder Rappen zählt» ist ein Projekt nach dem Vorbild des niederländische Formats «Serious Request». Dieses führt der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Niederlande NPO seit längerem mit Erfolg durch. Jedes Jahr wird für einen anderen guten Zweck Geld gesammelt. Mittlerweile beteiligen sich mehrere europäische Länder am Projekt «Serious Request». Heuer erstmals auch die Schweiz. «Jeder Rappen zählt» kommt vom bisherigen «Prominente sammeln Geld am Telefon»-Konzept weg. Wie beim RTL-Spendenmarathon dauert «Jeder Rappen zählt» mehrere Tage und bietet verschiedene Spende-Möglichkeiten: direkte Spenden auf das Konto der Glückskette, Online-Auktionen aber auch durch das Publikum selber initiierte Sammelaktivitäten. Vereine, Institutionen oder Firmen können Spenden sammeln. Die originellsten und besten Aktionen werden von DRS 3 und SF begleitet.

Die drei Radio-DRS-Moderatoren Mario Torriani, Nik Hartmann und Judith Wernli begleiten die «Jeder Rappen zählt»-Woche in der Schweiz und berichten live aus einem eigens auf dem Bundesplatz aufgestellten Glashaus für SF und Radio DRS. Auch die SRG-Sender bietet die hiesige Prominenz auf, um der Aktion besonderen Glanz zu verleihen, der wiederum auf SF und Radio DRS zurückfällt.

Bricht damit ein neues Spenden-Zeitalter bei der SRG an?

Die diesjährigen Einnahmen von «Jeder Rappen zählt» gehen an die Opfer von Malaria. Eigentlich kein einzelnes, «besonders schwerwiegenden Ereignis» nach Armin Walpens Definition. SF-Sprecher Marco Meroni begründet gegenüber baz.ch/Newsnet: «Malaria ist eine Tragödie, die sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt. Für solche Spendenziele zu sammeln, ist normalerweise sehr schwierig. Gerade deshalb wollen SF und SR DRS für eine Woche das Hauptaugenmerk auf ein Thema richten, das normalerweise nicht in den Schlagzeilen ist.»

Dazu muss aber auch gesagt werden, dass der Spendenzweck jedes Jahr im April durch die Veranstalter und Länder, die am Projekt «Serious Request» teilnehmen, festgelegt wird. Das Schweizer Fernsehen und Schweizer Radio DRS waren in diese Entscheidungsfindung nicht involviert, da die Durchführung von «Jeder Rappen zählt» im April noch nicht feststand. «SF und SF DRS stehen aber 100 Prozent hinter der getroffenen Entscheidung», so Meroni.

Eine Teilnahme an einem solchen länderübergreifenden Projekt dürfte sicherlich kein Einzel-Event sein. SF will sich hier aber noch nicht zu weit in die Karten schauen lassen: «Wie es mit «Jeder Rappen zählt» in der Schweiz weitergeht, wird erst nach der diesjährigen Durchführung entschieden», sagt Meroni.

Dass die SRG den Image-Polierer Charity neu für sich entdeckt hat, steht beim Vergleich der bisherigen Spenden-Sendungen mit «Jeder Rappen zählt» ausser Frage. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2009, 15:55 Uhr


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.