Kultur

Schawinski über die SRG, die den Superdirektor sucht

Von Roger Schawinski. Aktualisiert am 11.03.2009 11 Kommentare

Eine Person soll Radio DRS und das Schweizer Fernsehen führen, so der SRG-Generaldirektor. Doch bringt das mehr Effizienz? Unklar. Sicher wäre ein Einzelner überfordert.

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Der Gründer von Radio 24, TeleZüri und Radio 1: Roger Schawinski. Von 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer des privaten deutschen Fernsehsenders Sat 1.

Der Gründer von Radio 24, TeleZüri und Radio 1: Roger Schawinski. Von 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer des privaten deutschen Fernsehsenders Sat 1. (Bild: Keystone)

Eine umstrittene Zusammenlegung

Armin Walpen, Generaldirektor der Schweizeri­schen Radio- und Fernsehgesell­schaft, macht sich daran, die Struk­turen seiner SRG radikal umzu­krempeln: Er will Schweizer Fern­sehen (SF) und Radio DRS unter eine gemeinsame Füh­rung stellen. Als Kandidatin schwebt ihm SF-Direktorin Ingrid Deltenre vor. Doch mittlerweile formiert sich, vor allem aus Radiokreisen, Widerstand – sowohl prinzi­pieller Natur als auch ganz konkret gegen die Person Deltenre.

Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass das Bewer­bungsverfahren langsamer verlau­fen wird und auch andere Personen geprüft werden sollen. Das ganze Vor­haben läuft unter dem Begriff «Konver­genz »: Man verspricht sich von der or­ganisatorischen Fusion wirksamere und kostengünstigere Abläufe.

Es sind nur Bruchstücke und Gerüchte, die an die Öffentlichkeit dringen, obwohl es um eine epochale Neuausrichtung der Organisation gehen soll. Doch es handelt sich nicht um eine mittelalterliche Geheimloge, wenn auch das Vorgehen genau an solche sagenumwobenen Vereinigungen erinnert. Es geht um die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), ein quasi-staatliches Unternehmen, das wir Jahr für Jahr mit mehr als einer Milliarde Franken subventionieren. Um den mächtigsten Medienkonzern des Landes, der das faktische Inlandmonopol für nationales Fernsehen und Radio besitzt und der diese neuzeitliche Anomalie ohne Scheu mit dem Slogan «Meine Schweiz - Mein Fernsehen» bewirbt.

Die geheimnisvollen Aktivitäten sollen zum Vermächtnis des Armin Walpen werden, der im fernen Jahr 1996 zum Generaldirektor gewählt wurde und sich damit nach Jahren der persönlichen Irrungen und Wirrungen einen der wichtigsten, mit Bestimmtheit aber den sichersten Job im Lande angelte.

Geniestreich «Konvergenz»

Denn ein SRG-Chef bleibt, einmal gewählt, bis zur Pensionierung im Amt. Im Gegensatz zu Bundesräten oder Bankenchefs gibt es keine periodischen Wiederwahlen. Sogar bei ARD und ZDF müssen sich die Intendanten und selbst Chefredaktoren nach einer Anzahl von Jahren nochmals einer Wahl stellen. Nicht so bei der SRG. Deshalb prallt hier auch Kritik immer wieder ab, und Skandale bleiben folgenlos. So verletzt die SRG seit Jahren in beinahe systematischer Weise die Sponsoring-Richtlinien und wird dafür immer wieder vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom) gebüsst. Die SRG verhält sich als Gebührenmonopolist viel kommerzieller als alle Privatsender.

Und die personellen oder organisatorischen Konsequenzen? Nada! Die Verfehlungen schweissen offenbar das Führungsteam zusammen, weil irgendwann alle Topleute durch eigenes Fehlverhalten angeschlagen sind, vom Chefredaktor über die TV-Direktorin bis hinauf zum Generaldirektor.

In der SRG ist es deshalb allein die Altersguillotine, die dem Leben auf dem Olymp ein Ende macht. Dabei gilt generell ein Pensionierungsalter von 62 Jahren, das konsequent durchgezogen wird. Ausnahmen bewilligt der Generaldirektor keine, vielleicht mit einer einzigen: seiner eigenen, wie man vernimmt. Die ihm im Alter von 61 Jahren kurze sicher noch verbleibende Zeit will er nun nutzen, um die Weichen bis weit in die Zukunft und in die Amtszeit seiner Nachfolger zu stellen. Sein jüngster Geniestreich, der ihm erstaunlicherweise bereits 13 (!) Jahre nach Amtsantritt eingefallen ist, heisst «Konvergenz» von Radio und Fernsehen. Das heisst im Klartext: Eine einzige Person soll für alle sprachnationalen Fernseh- und Radioprogramme in einem der angeblich basisdemokratischsten Staaten dieser Welt verantwortlich sein. Und da Radiodirektor Walter Rüegg kommoderweise kurz vor der Pension steht, soll dieses Amt der 48-jährigen Ingrid Deltenre zufallen, die Walpen vor fünf Jahren zur Verblüffung vieler Beobachter von der SRG-Werbevermarktungsfirma direkt auf den TV-Chefsessel hievte.

Versuch 1 gescheitert

Die Idee eines einzigen Radio- und Fernsehdirektors ist nicht neu. Der damalige Berater-Guru Nicolas Hayek hatte sie bereits Mitte der Siebzigerjahre lanciert. So wurde der damalige Radiochef Otmar Hersche zum Chef aller Chefs gewählt. Aber die von Hayek angekündigten Effizienzeffekte traten nie ein, weshalb man diese für die SRG völlig unpraktische Reorganisation schon bald reorganisieren musste, um wieder beim Ausgangsmodell zu landen.

Seither hat die SRG unter politischem Flankenschutz und dank immer höheren Gebühreneinnahmen eine bemerkenswerte Expansionsstrategie betrieben: von einem Fernsehkanal pro Sprachregion auf drei, von zwei Radioprogrammen auf sechs. Dies hat nicht allein zu einer noch stärker dominierenden Stellung in der Schweizer Medienlandschaft geführt, sondern auch die Komplexität der internen Führung exponentiell erhöht. Es ist für Kenner der Materie schlicht nicht vorstellbar, wie eine einzige Person die Programmverantwortung für einen solchen unübersehbar grossen täglichen Output auf seriöse Weise übernehmen kann. Doch genau dies will Armin Walpen nun mit allen Mitteln durchboxen.

Als Geschäftsführer von Sat 1 war ich recht gut ausgelastet, ein einziges Fernsehprogramm zu leiten. Ich musste neue Sendekonzepte begutachten, mit Produzenten verhandeln, selbst produzierte Filme und Serien abnehmen, die Konkurrenz beobachten und Filme und Serien in den USA einkaufen. Zudem wollte ich meinen Redaktionen regelmässig Feedback geben, die Programmplanung bestimmen, Leute einstellen, Werbekampagnen anregen und absegnen, mit den Landesmedienanstalten verhandeln, die eigenen Stars pflegen, Werbekunden besuchen und vieles, vieles mehr. Bereits die Verantwortung für ein zweites TV-Programm hätte mich überfordert. Niemals hätte ich mir vorstellen können, zusätzlich noch eine Vielzahl von Radioprogrammen mit Hunderten von Programmmitarbeitern und einer Unzahl von Sendeplätzen professionell zu verantworten.

Aber genau dies sind die Aufgaben, die es gemäss dem Walpen-Plan abzudecken gilt. Alles andere ist zu wenig. Nun weiss ich aus vielen Gesprächen mit Mitarbeitern von SF, dass Ingrid Deltenre in vielen dieser Bereiche nicht präsent ist. Da werkeln Redaktionen jahrelang vor sich hin, ohne je ein Feedback der Chefin zu erhalten. In den meisten Redaktionen hat man sie noch nie persönlich gesehen. Das ist weder professionell noch motivierend oder leistungsfördernd, wobei als Grundlage für ein ernst zu nehmendes Feedback detaillierte Kenntnisse über den Herstellungsprozess und die Wirkungsmechanismen des Mediums nötig wären.

Das schafft seriös keiner

Und jetzt soll Deltenre also noch für Radio DRS diese Funktionen übernehmen, für alle sechs Programme. Das ist nicht auf seriöse Weise zu schaffen, weder von ihr noch von sonst jemandem. Dieses Argument ist entscheidender für die Ablehnung des letzten Walpen-Coups als die Furcht der Radiomitarbeiter, dass sie nun von der ungeliebten TV-Chefin dominiert würden, die keinerlei Radioerfahrung einbringen kann. Nein, diese Form von programmlicher Zentralisierung ist schlichter Unfug. Selbst die grossen Zeitungsverlage wie Springer oder Tamedia sind weitgehend dezentral aufgestellt, und dies aus gutem Grund. Da es bei ihnen nicht um öffentliches, sondern um privates Geld geht, wählt man Strukturen, die sinnvoll sind. Weshalb sollte es die von uns alimentierte SRG anders halten?

Die Details dieser letzten grossen Walpen-Aktion sickern nur auf klandestinen Wegen und tröpfchenweise an die Öffentlichkeit. Denn die SRG, von der Rechtsform her ein Verein, ist organisatorisch eine «Blackbox», deren verästelte Konstruktion von aussen kaum erkennbar ist. Und selbst die Entscheidungsmechanismen für eine solche grundlegende Neuausrichtung sind nicht evident, auch wenn aufgrund öffentlicher Kritik nun doch eine öffentliche Ausschreibung für den Job erfolgen soll, dessen Einführung damit wohl beschlossene Sache ist. Der begnadete Lobbyist Walpen will alles versuchen, um Fakten zu schaffen, bevor die Menschen in diesem Land begreifen, worum es geht. Eine Diskussion im Vorfeld soll tunlichst vermieden werden, wie das für obskurante Zirkel eben üblich ist.

Das Mindeste wäre deshalb eine Information - und zwar, bevor und nicht nachdem alle Weichen durch die intransparenten SRG-Gremien gestellt sind. Dafür gibt es eine geeignete Plattform. Natürlich steht sie wie fast alles in diesem Land direkt unter der Kontrolle der SRG. Sie heisst «Arena» und gibt sich Mühe, Woche für Woche alle brisanten Themen des Landes mit den jeweils wichtigsten Akteuren zu behandeln. Das heisst, alle ausser einem. Und man braucht sich nicht zu wundern, weshalb das so ist.

Armin Walpen nimmt den eigenen Werbeslogan «Meine Schweiz - Mein Fernsehen» absolut persönlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2009, 09:40 Uhr

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11 Kommentare

Martin Andreas Spaelty

17.03.2009, 16:11 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Man kann über Roger Schawinski denken wie man will, an Medienkompetenz fehlt es ihm bestimmt nicht. Sein Leistungsausweis kann sich im Gegensatz zu dessen von Frau Deltenre und Herr Walpen durchaus sehen lassen. Ich denke sein Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf. Aus meiner Sicht erfüllt die SRG ihren Leistungsauftrag längst nicht mehr, das hängt nicht nur von strukturellen Schwächen ab. Antworten


Lukas Meier

11.03.2009, 11:16 Uhr
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Wann wird die Politik endlich aktiv und schiebt diesem Treiben einen Riegel vor? Da werden Millionen von Franken für sinnlose Formate verpulvert, ein privates Unternehmen könnte sich sowas nie leisten. Ok, staatliches TV hat auch seine Vorteile, aber sollte nicht wenigstens eine private Konkurrenz TV machen dürfen? Der Schweizer Staat sagt im Prinzip NEIN! Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.