Kultur

«Schmidt ist der übelste Zyniker, den ich jemals getroffen habe»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 29.03.2012 102 Kommentare

Roger Schawinski über Harald Schmidt und das abrupte Ende von dessen Show.

«Late Night ist schwer, da muss man alles geben, auch gegenüber dem Sender:» Roger Schawinski, Harald Schmidt.

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Da hatten sie beide noch gut lachen: Thomas Gottschalk bei Harald Schmidt.

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Herr Schawinski, Harald Schmidt hat mit seiner Sendung bei Sat 1 nie die erhofften Zuschauerzahlen erreicht. Was lief schief?
Schon bei der ARD lief seine Sendung unter den Erwartungen, auch zusammen mit Pocher, bei Sat1 war alles noch viel verheerender. Schmidt hat vor zehn Jahren mit seiner Sendung Kultstatus erreicht und dann unter einem Vorwand in letzter Minute den Vertrag gekündigt. Der Vorwand war bekanntlich ich - obwohl er mich nicht kannte. Später hat er einmal zu mir gesagt, dass ich eine Gelegenheit darstellte, abzuhauen, weil er ausgepowert war. Wie Harald Schmidt die Sender später ausgenommen hat, war deshalb schlicht parasitär und unverfroren.

Hatte er zuletzt auch beim Publikum die Sympathien verspielt?
Seine Sendungen waren zwar besser als die Quoten besagten, aber wenn das Publikum mal weg ist, ist es extrem schwierig, es wiederzugewinnen. Harald Schmidt ist ein grosses, einmaliges Talent, er ist mutig, hat unglaubliche Fähigkeiten im Ausdruck und in der Formulierung. Was man darob leicht vergisst: Es brauchte fast vier Jahre, bis er Kult wurde bei Sat 1 und die Quote stimmte. Man kann nicht ein Jahr Pause machen, zu einem anderen Sender gehen und nahtlos ansetzen wollen. Fernsehen – und eine Late-Night-Show im Speziellen – braucht vor allem Kontinuität. Schauen Sie sich Jay Leno oder Johnny Carson an, die sind oder waren 30 Jahre lang im Dienst. Apropos Leno: Als er bei NBC von 23 auf 22 Uhr den Sendeplatz wechselte, verlor er mit der gleichen Sendung massiv an Publikum.

Das müssten eigentlich auch die Sendeverantwortlichen wissen.
Ich traute meinen Augen nicht, als Sat 1 Schmidt zurückholte. Zumal er den Sender ja als Unterschichtenfernsehen bezeichnet hatte. Da braucht es schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit, zurückzukehren und nochmals im grossen Stil abzukassieren. Aber bei Sat 1 wollte man offenbar einfach einen grossen Namen. Das war ein Fehler, früher punktete man dort mit Eigenproduktionen, in den letzten Jahren versuchte man es mit grossen, teuren Namen. Doch Kerner, Pocher, Schmidt scheiterten allesamt. Late Night ist schwer, da muss man alles geben, auch gegenüber dem Sender. Schmidt zelebrierte aber schon bei der ARD seine Unlust, er sagte ja: «Ich arbeite auf die Untergrenze von einer Million Zuschauer hin.» Heute wäre er überglücklich, wenn er auf die Hälfte käme. Schmidt ist der übelste Zyniker, den ich jemals getroffen habe. Ich erinnere mich an einen Satz, den er zu mir sagte: «Weisst Du Roger, der schönste Moment war, als ich alle meine Leute entlassen konnte.» Dann ist er also sehr bald wieder sehr froh.

Gottschalks Quote ist auch im Keller. Haben die alten Talker ausgedient? Steht ein Generationenwechsel bevor?
Gottschalk und Schmidt haben beide eine geniale Seite, aber sie überschätzen sich und gehen deshalb Risiken ein, die man nicht eingehen darf – schon gar nicht in Deutschland, wo das Erfolgsrezept Durchschnittlichkeit heisst, was ja Angela Merkel oder Günther Jauch so schön vorexerzieren. Was andere Moderatoren angeht: Paradoxerweise gibts ausgerechnet beim Rentnersender ZDF Konkurrenz; die «heute-show» mit Oliver Welke, die ist sehr politisch, sehr rüde, aber perfekt gemacht – und die Quote steigt.

Sie kennen Harald Schmidt persönlich. Wie nimmt er die Absetzung seiner Show auf?
Ich glaube, der hat das einkalkuliert. Und sich wahrscheinlich gewundert, wie lange man noch zuschaut. Interessanterweise hat er ja noch öffentlich Gottschalk abgeschrieben wegen dessen schlechten Quoten. Jetzt hats ihn noch vor ihm getroffen. Das wird weh tun. Denn da ist durchaus Ehrgeiz vorhanden, wer besser ist. Und vor allem: Wer mehr Geld macht. Die sind ziemlich geldgeil.Wobei sowieso Jauch in allen Disziplinen die Nase vorne hat.

Was passiert mit Schmidt jetzt?
Als Schmidt 2003 aufhörte, meinte man, Goethe und Schiller seien gleichzeitig gestorben, sogar eine Demo in München gab es. Ich habe beinahe auch daran teilgenommen, obwohl ich ja der Schuldige an seinem Abgang sein sollte. Heute werden die Nachrufe weniger euphorisch ausfallen. Er sagte ja, er mache Late Night bis an sein Lebensende. Dumm gelaufen. Ich wüsste nicht, wo der noch hin kann – oder wer ihm noch eine Sendung gibt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2012, 16:45 Uhr

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102 Kommentare

Alain Burky

28.03.2012, 17:00 Uhr
Melden 394 Empfehlung 0

Wenn ich zwischen dem "Zyniker" Schawinski und dem "Zyniker" Schmidt waehlen muesste;
fiele mir die Wahl nicht schwer. Klar fuer Harald Schmidt.
Antworten


Jürg Bühler

28.03.2012, 16:58 Uhr
Melden 204 Empfehlung 0

Schön für Schawinski, dann kann er nun anstreben der aktuell grösste Zyniker zu sein. Antworten



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