Kultur
Shitstorm über der ARD
Aktualisiert am 26.09.2012 74 Kommentare
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Der Shitstorm – wenn man die gestrige Aufregung so nennen will – begann um etwa 19 Uhr. Ein Zuschauer bemerkt auf Facebook, (FB 18.04 3.09%) dass die «Tagesschau» nichts zu den Demonstrationen in Spanien gebracht hat. Denn in Madrid waren Tausende wütende Spanier auf den Strassen, um gegen den Sparkurs der konservativen Regierung zu protestieren. Dabei war die Situation eskaliert. Die Demonstranten warfen Steine, die Polizei antwortete mit Gummigeschossen.
Das wäre eine Meldung wert, doch weder bei der «Tagesschau», noch bei den anschliessenden «Tagesthemen» noch in den Nachrichten beim ZDF wurde die Eskalation auf Spaniens Strassen thematisch aufgegriffen. Das war für die Zuschauer zu viel. Innert Stunden wurde die Facebook-Seite der «Tagesschau» mit Kommentaren eingedeckt. «Kein Wort zu Spanien. Die ‹Tagesschau› verschweigt die Realität und verfälscht die Geschichte», schrieb ein User. Kommentare wie «Chinesische Methoden bei unserer ‹Tagesschau›. Na Klasse» oder «Hört auf, uns zu belügen und für dumm zu verkaufen, werdet eurem Auftrag gerecht und berichtet» stehen stellvertretend für den Grundtenor der Zuschauerreaktionen.
«Wir bitten darum, den Shitstorm zu beenden»
Um Mitternacht waren weit über 1500 Kommentare auf Facebook eingegangen. Die Verantwortlichen der «Tagesschau» sahen sich schliesslich zur Reaktion gezwungen: «Liebe Fans der Facebook-Seite der ‹Tagesschau›, in Madrid finden zurzeit Proteste gegen die Sparpolitik der Regierung statt. Ein ARD-Team ist vor Ort, auch Tagesschau.de wird darüber in Kürze berichten. Wer bereits zuvor schon seine Meinung dazu loswerden möchte, kann dies hier tun, wir bitten darum, den Shitstorm unter den anderen Threads zu beenden, vielen Dank!»
Auch Chefredaktor Thomas Hinrichs hat sich in die Debatte auf Facebook eingeschaltet. Er schreibt: «Shitstorms gehören zum Geschäft. Wichtig für alle ist, zu wissen, dass wir uns davon in unserer journalistischen Beurteilung nicht beeinflussen lassen können. Wir sind unabhängig, sowohl von politischen als auch wirtschaftlichen Interessen. Nun kommen die Engagierten dazu. Engagement in der Sache ist gut und zu begrüssen, aber auch die bei einem Thema besonders Engagierten können Berichterstattung nicht erzwingen. Parteien können das nicht, Konzerne können das nicht, Shitstorms können das nicht.»
Auch Konkurrenz berichtete nicht aus Spanien
Dass die Proteste in Spanien nicht in den Nachrichten aufgenommen wurden, begründet Hinrichs mit der fehlenden Relevanz. «Bei der Nachrichtenauswahl einer zeitlich begrenzten Nachrichtensendung fällt eine Demonstration mit geschätzten 5000 Demonstranten und zunächst vereinzelten Ausschreitungen in ein Relevanzraster. In den verkürzten «Tagesthemen» von gestern Abend war das Thema nicht vorne. Dieses Raster wird permanent überprüft. Am sehr späten Abend, nach den «Tagesthemen», verschärfte sich die Gewalt. Heute um zwölf Uhr haben wir in der «Tagesschau» darüber berichtet. Immer handelt es sich dabei um eine sachliche, nüchterne Abwägung von Themen, wobei wir die ganze Welt im Blick haben müssen.»
Tatsächlich darf man der «Tagesschau» keine Vorwürfe machen. Ein Blick in die Berichterstattung anderer Medien zeigt, dass die Ausschreitungen gestern Abend praktisch kaum aufgegriffen wurden. Zwar hatten «Spiegel online», die führende Nachrichtenseite Deutschlands, und Angebote wie Heute.de oder «Focus online» eine kurze Meldung zu den Vorgängen in Spanien. «RTL aktuell», Sueddeutsche.de und «Zeit online» berichteten mit keiner Zeile über die Proteste. Warum die Zuschauer ausgerechnet bei der ARD derart sensibel auf die fehlende Berichterstattung reagierten, ist rätselhaft. Für die TV-Macher dürfte die Angelegenheit aber noch nicht vom Tisch sein. Verärgerte Zuschauer sollen dem Vernehmen nach zu einer Spontandemonstration vor dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin aufgerufen haben. (lü)
Erstellt: 26.09.2012, 15:32 Uhr
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74 Kommentare
Das ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte. In Spanien wird schon lange demonstriert und die Medien, auch in der Schweiz, berichten kaum oder nur am Rande darüber. Zum Glück gibt es Facebook. So ist wenigstens sichergestellt, dass ich unabhängig von den herkömmlichen Medien informiert bin. Nur der Glaubwürdigkeit der Presse tut das nicht gerade gut! Antworten
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