Kultur
TV-Kritik: Alle sind ein bisschen mörderisch
Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 24.10.2011 7 Kommentare
Kritik, Rating, Diskussion
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Dass Kommissar Stark seine müden Dackelaugen rollte, war ja nur zu verständlich. Vor ihm stand mit dem prollig-drolligen türkischstämmigen Türsteher Mesud schon wieder ein neuer Tatverdächtiger. «Anwalt kannte ich zwei Jahre», sagte der Muskelprotz in bestem Klischee-Türkendeutsch. «Und dass der jetzt krass tot... habe ich letzte Woche noch gegen ihm gefightet!» Staranwalt Herzog, der in der Nacht auf einer Weddinger Müllhalde erschossen worden war, war sein Box-Sparringpartner gewesen; mit ihm habe er nach den Kämpfen auch philosophiert («Sinn des Lebens und so»).
Der Boxer war nach wenigen Filmminuten schon der vierte Verdächtige – nach der rachsüchtigen Alten Sobotzik, dem bräsigen Schrotthändler Pollack und dem verwahrlosten Hilfsarbeiter Karl Vogt. «Wir sind alle schuldig, aber jeder in seiner Welt», zitierte Türsteher Mesud seinen verstorbenen Sparringpartner noch, bevor die Kommissare das Box-Zentrum wieder verliessen.
Zwei Handlungsstränge verwoben
Während andere «Tatorte» eine ganze Folge mit diesem Personal bestritten hätten, nahm «Mauerpark» nun erst richtig Fahrt auf. Der Kreis der Verdächtigten sollte in der Folge noch um Herzogs Geliebte Nadja Skrebber, die distinguierte Charity-Lady Ina Kilian («Jeder hat eine zweite Chance verdient») und deren treuen Gehilfen und Geliebten, den Ex-Knasti Gregor Müller, erweitert werden. Dieses illustre Figurenkabinett war jedoch nicht der einzige Grund, weshalb die beiden Kommissare Ritter und Stark bei ihrem 25. gemeinsamen Auftritt ungewöhnlich blass blieben.
So drängte der überambitionierte Plot die Profilierung der Ermittler in den Hintergrund. Die «Mauerpark»-Macher präsentierten in der ersten Viertelstunde ausführlich den ersten, eher simplen Handlungsstrang, jenen der verbitterten Alten Sobotzik. Sobotzik hasste Herzog, weil der als Verteidiger den Mörder ihres Kindes aus dem Gefängnis geholt hatte. Langsam und zäh wurde dieser Strang mit der ungleich komplizierteren Geschichte um das Entführungskomplott der Stiftungsverwalterin Ina Kilian verwoben. Es war bezeichnend für das passive Kommissaren-Duo, dass weder Ritter noch Stark die beiden Stränge verknüpfte, sondern der Stubenpolizist Lutz Weber. Eine Vielzahl komplexer Beziehungen musste nun erklärt werden: das familiäre Verhältnis zwischen Kilian und Vogt, die Komplizenschaft zwischen Pollack und Vogt, die vermeintlich inzestuöse Beziehung zwischen Vogt und Skrebber, die Affäre zwischen Skrebber und Herzog, die kriminelle Bande zwischen Herzog und Müller, die Liason zwischen Müller und Kilian.
Die zwei Berliner Kommissare ihrerseits wirkten angesichts dieser stofflichen Überfülle mehr als Getriebene denn als Treibende; sie stolperten hastig zwischen den malerisch inszenierten Spielorten hin und her, die vielen zu befragenden Tatverdächtigen drängten sich – schön der Reihe nach – geradezu auf. Für clevere Reflexion und scharfsinnige Kombinatorik blieb da kaum noch Zeit.
Grundsatzfragen verhallten unerwidert
Definitiv überfrachtet wurde die Folge durch das unverkennbare Bemühen von Regisseur und Drehbuchautor Heiko Schier («Kein Himmel über Afrika»), den Sonntagabend-Krimi philosophisch anzureichern, sich auf den schwierigen Themenkomplex «Schuld und Sühne» einzulassen. «Was halten Sie für eine angemessene Strafe für einen wie mich, Herr Kommissar?», so die Frage des als Kindermörder verurteilten Bach (einer weiteren Nebenfigur) an Ermittler Stark. «Wie kann es sein, dass einer ein Mörder ist, und nach ein paar Jahren wieder da draussen rumläuft?», fragte die verzweifelte Sobotzik, die zu verstehen gab, dass sie allein deswegen nicht Suizid begangen habe, weil sie den Tod des krebskranken Bach als Sühne für die Ermordung ihres Sohnes noch habe erleben wollen. Die plakativ montierten philosophischen Grundsatzfragen verhallten jedoch unerwidert; Schier legte seinem gehetzten Kommissar bloss ein paar Floskeln in den Mund («Auch du wärst wütend»).
Mit dem zweiten Mord gegen Filmende verstrickte sich Schier und seine Figuren vollends in einem Wirrwarr aus fragwürdigen moralischen Appellen (so forderte die Kindesentführerin Kilian pikanterweise eine zweite Chance «auch für mich»), juristisch relevanten Straftaten, Schuldzuweisungen, Teilgeständnissen und Manipulationen. Indem Vogt Gregor Müller (der sich später als sein Vater erweisen sollte) mittels einer präparierten Kassette zum Mord an seiner Tante Ina Kilian anstiftete, wurde selbst er – der ausgestossene, zerquälte Junge – noch mitschuldig. Fast vergessen ging ob der Turbulenzen der eigentlich zentrale Umstand, dass Müller beide Morde begangen hatte.
Wie sagte der philosophierende Türsteher doch: «Wir sind alle schuldig, aber jeder in seiner Welt.» Und genau jener Satz war die so versöhnliche wie skurrile Quintessenz dieses verzettelten «Tatorts».
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Erstellt: 24.10.2011, 09:20 Uhr
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7 Kommentare
Trotzt zweier sonst guten und glaubwürdiger Kommissare war dieser Tatort für mich ein Flop. Zu überfrachtet, zuviele möglich eTäter, zu viele Verwicklungen, zuviele unnachvollziehbare Handlungen und leider ein Täter der hauptsächlich Opfer war. ! Nein solch ein Tatort brauche ich nicht noch einmal - Schade um die Zeit, der Wahlkrimi war/wäre unterhaltsamer gewesen. Antworten
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