Kultur
TV-Kritik: Das Grauen im Kopf
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 12.12.2011 57 Kommentare
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Es kommt selten gut, wenn der «Tatort» unbedingt ganz nahe an der Realität sein will. Man denke an die Folge, die in der alevitischen Glaubensgemeinschaft spielte und die zur Wiederholung verboten wurde - die alevitische Glaubensgemeinschaft sah sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Oder damals, als man einen Mordfall um einen schwulen Profifussballer konstruierte und dabei so ziemlich alle Klischees bemühte, die ein solcher Stoff hergibt. Gestern aber klappte die Verbindung zwischen «Tagesschau» und Fiktion, obwohl man sich eines schwierigen Themas angenommen hatte: Kindsentführung, respektive der Fall Natascha Kampusch.
Eher zufällig als gewollt begannen Kommissarin Lindolms Ermittlungen. Nachdem sie in einem gottverlassenen Kaff einen Unfall gebaut hatte, explodierte hinter ihr eine Garage. Dabei kam Werner Kästner ums Leben. Offenbar fiel der nette, unauffällige Mann einem Anschlag zum Opfer. Lindholm fand jedoch schnell heraus, dass der kinderlose Kästner nicht war, was er schien: Der Mann hatte ein Doppelleben geführt. Er besass etwa ein Wochenendhaus am Waldrand, wovon seine Frau nichts wusste – und wo sich seltsamerweise Kinderspielsachen fanden.
Gewagte Parallelgeschichte
Von Beginn an dominierte eine schwermütige Stimmung den Film. Und spätestens als Lindholm hinter dem Ofen im Häuslein auf ein bunkerartiges Verlies stiess, erfüllten sich die düsteren Vorahnungen: Es war keine Zweitfamilie, die Käster vor seiner Frau geheim hielt, sondern entführte Mädchen. Jahrelang hielt er seine Opfer mit Handschellen ans Bett gekettet im Loch gefangen.
Daraus hätte man ein bleiernes Drama machen können. Oder eine atemlose Jagd nach dem Täter. Die Drehbuchautorin verzichtete mutigerweise auf beides und kombinierte die gespentische Geschichte, deren Grauenhaftigkeit nicht plakativ gezeigt wurde, sondern sich im Kopf des Zuschauers abspielte, mit einer komplett unerwarteten Parallelstory: Lindholms Beziehung zum Journalisten Jan Liebermann, in den sie sich im letzten «Tatort» aus Niedersachsen verliebt hatte. In der gestrigen Folge versuchte sie nun Nägel mit Köpfen zu machen. Doch Liebermann schlief zwar mit ihr, wich der Polizistin danach aber offenkundig aus.
Am Schluss siegt das Pflichtbewusstsein
Warum der Mann nicht zu fassen war und sie belog, liess das Drehbuch offen. Jedenfalls hatte sein Verhalten zur Folge, dass die ansonsten fast schon arrogant souveräne Lindholm sich wie ein Teenager benahm – was eine Art Comic Relief zum todtraurigen Fall war und gleichzeitig eine Premiere: Zum ersten Mal bröckelte die Fassade Lindholms, die ja eine der moralischsten und kühlsten aller «Tatort»-Ermittler ist.
Mit dieser Tatsache spielte auch der Schluss, wo Lindholm den Mörder Kästers überführte: Christine Klar, eines von Kästners Opfer, dem allerdings vor Jahren die Flucht gelungen war. Als das Mädchen Kommissarin Lindholm anbettelte, sie nicht ins Gefängnis zu stecken, dachte und hoffte man für einen Moment, die Kommissarin komme dem Wunsch nach. Doch dann legte sie dem Mädchen, das jahrelang in einem Loch angekettet war, pflichtbewusst Handschellen an und liess sie abführen. Es war der hochemotionale Schluss eines «Tatorts», der ohne Blut und Action auskam, aber deshalb alles andere als harmlos war – bedenkt man, dass Männer wie Kästner unter uns leben und sie vielleicht gerade in diesem Augenblick die Tür hinter einem gefangenen Kind ins Schloss werfen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.12.2011, 09:47 Uhr
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57 Kommentare
Einer der besten Tatorte. Er schaffte es, ohne aufdringliche Bilder die Geschichte im Kopf des Zuschauers zu erzeugen. Die düstere, melancholische und ruhige Stimmung und die gut gespielten Rollen waren sehr eindrücklich. Alles war sehr schlicht und wurde deshalb dem schweren Thema gerecht. Antworten
Ein unglaublich guter Tatort, der nachhing. Schwermütige ruhige Bilder, Spannung ohne grossen Worte/Geschehnisse. War überdurchschnittlich mit vielen Denk-Ebenen, so wie z.b. die Verhaftung am Schluss. Dass der eigentliche Täter eine Art Gespenst blieb, weil er bereits zu Beginn starb und so nur eine einzige Situation mit ihm in Erinnerung blieb, war meisterhaft gemacht. Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




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