TV-Kritik: Das Leben nach der Gewalt

Von Fabian Kern. Aktualisiert am 27.01.2012 12 Kommentare

Die Basler Ultras der 90er-Jahre sind zu nachdenklichen Zeitgenossen geworden. Der SF-Dokumentarfilm «Narben der Gewalt» zeigt eindrücklich, dass die Zeit nicht immer alle Wunden heilt.

Jimmy hat noch immer keinen Weg gefunden, mit seinem Kindertrauma gewaltfrei fertigzuwerden.

Jimmy hat noch immer keinen Weg gefunden, mit seinem Kindertrauma gewaltfrei fertigzuwerden.
Bild: SRF

Bildstrecke

Die ehemaligen Ultras

Die ehemaligen Ultras
Frosch, Jimmy, Gök und Nevio – vier ehemalige FCB-Ultras blicken im SF-Dok «Narben der Gewalt» auf ihr Leben zurück.

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Sie waren einst die personifizierte Fangewalt. «Wir sind das Zentrum der Macht», hatte Frosch dem Fernsehpublikum der 1990er-Jahre grossmäulig verkündet. 20 Jahre später sagt er: «Es ist schnell vorbeigegangen. Wie ein alter König, der abtreten muss. Das ist wie im wahren Leben.» Das ist wohl das Stichwort. Im wahren Leben waren und sind Frosch, Jimmy, Gök und Nevio keine grossen Figuren. Deshalb erschufen sie sich eine Ersatzrealität als gewalttätige Herrscher in der damals berüchtigten Muttenzerkurve.

Dokumentarfilmer Alain Godet hat die Gewaltmenschen von damals wieder getroffen. Nachdenkliche Menschen zeigen ihre von Tattoos und Kampfnarben übersäten Körper, mit denen sie sich durchs Leben schleppen. Die einen besser, die anderen schlechter. Jener, der sein Leben am besten im Griff hat, ist Nevio. Dem italienischen Secondo wurde in seiner Blütezeit als Ultra des FC Basel von seiner damaligen jamaikanischen Freundin ein Sohn geschenkt: Dwayne – benannt nach dem früheren Wrestling-Star und heutigen Schauspieler Dwayne «The Rock» Johnson. «Ich musste mich entscheiden. Ich habe mich für meine Familie entschieden. Ich wollte nicht, dass mein Sohn einen Vater hat, der im Gefängnis sitzt», erklärt Nevio, der bei der Stadt angestellt ist und zusammen mit seinem Sohn auf Sandsäcke anstatt Menschen einprügelt. «Er geht nicht ‹schlägern». Ich kenne ihn», sagt er über Dwayne.

Unbewältigtes Kindheitstrauma

Nevio ist der Lichtblick des Quartetts, das Godet schonungslos, aber mit viel Empathie darstellt. Am anderen Ende der Skala steht Jimmy, der ein schweres Kindheitstrauma zu bewältigen hat. Als der kleine Ernst, wie er bürgerlich heisst, in der Schule eine Klasse wiederholen musste, wurde er von seinem Vater verprügelt und musst danach mit ansehen, wie dieser seine Hündin und drei Welpen erschoss. «Wenn ich daran denke, muss ich etwas machen. Dreinschlagen, etwas kaputtmachen», sagt Jimmy mit Tränen in den Augen. Hühnerhaut. Letztes Jahr wurde der Mittvierziger wegen schwerer Körperverletzung erneut zu einem Jahr unbedingter Haft verurteilt: «Er hat mich beelendet, da habe ich ihn verprügelt.»

Den aktuellen Interviews und Reportagen stellt Godet immer wieder Rückblicke auf seinen ersten Dokumentarfilm über die vier Hooligans gegenüber. Dieser Gegensatz spricht Bände. Egal welches Schicksal der vier ehemaligen Ultras Godet beleuchtet, man sieht Menschen. Manche sind gescheitert, alle vom Leben mit einer schweren Kindheit gezeichnet, keiner lässt einen kalt – auch nicht den Regisseur, der gesteht: «Sie sind mir ans Herz gewachsen.» Obwohl keiner der vier wirklich bereut, was er damals getan hat. Die Kurve hat ihnen Halt gegeben. Wenn auch nur vorübergehend.

«Narben der Gewalt» kann auf dem Videoportal des Schweizer Fernsehens angesehen werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2012, 10:07 Uhr

12

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

12 Kommentare

Mike Meyer

27.01.2012, 11:09 Uhr
Melden 51 Empfehlung

Wo ist hier die Kritik?Das ist doch nur eine kurze Zusammenfassung der DOK.Ich fand den Film sehr schwach,habe deutlich mehr davon erwartet.Die Täter werden durchgehend zu Opfern gemacht, kein Wort der Reue und auch kein Statement eines Opfers!Klar haben diese Jungs eine schwere Kindheit gehabt und mussten sich immer wieder durchsetzen aber WER musste das nicht?Ist das ein Grund so zu prügeln? Antworten


hans scholl

27.01.2012, 11:34 Uhr
Melden 48 Empfehlung

tja, ich wiederhole mich: diese armen opfer ... ach nein, es sind ja "arme" täter. sorry, aber mir liegen die wahren opfer von damals deutlich mehr am herz, als die rücksichtslosen schläger von damals. eine eigene traurige kindheit - so bedauerlich sie ist - ist nie eine entschuldigung oder rechfertigung für eigene gewalt dritten gegenüber. und echt traurig: keiner bereut sein damaliges verhalten! Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Kultur

 

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

bluebanana.ch

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

3308 Stimmen