Kultur
TV-Kritik: Die Berge sind nicht genug
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 20.07.2011 30 Kommentare
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Wer die Alpen kennt, weiss, dass sie nicht nur ein faszinierendes Naturschauspiel sind, sondern vor allem ein Magnet für allerlei Touristen. Und so stehen sich in den Alpen heute nicht mehr nur die Bergsteiger am Matterhorn auf den Zehen herum, sondern auch Interessenvertreter aller Art. Tourismusvetreter, die den gesamten Alpenraum für Otto Normalverbraucher am liebsten noch rollstuhlgängig erschliessen möchten, auf der einen Seite; Naturschützer und Bergsteiger, die finden, dass der Alpenraum als Rückzugsgebiet für Natur und erholungswillige Menschen geschützt werden müsse, auf der anderen Seite.
Kulturkampf
Diese beiden Lager kreuzten gestern im «Club» die Klingen. Konkret ging es um drei von Naturschutzorganisationen bekämpfte Bauprojekte in den Alpen: ein 100-Meter-Turm auf dem kleinen Matterhorn, eine Aussichtsplattform auf dem Stockhorn – beide in Planung – und die realisierte Hängebrücke auf dem Hochstuckli. Gegen alle Projekte hatten die Naturschützer Einwand erhoben, und so sassen sich gestern ziemlich unversöhnliche Fronten gegenüber.
Zunächst war interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die beiden Kulturen sind, die sich da begegnen. Auf der einen Seite die CEO von den Bergbahnen, aalglatte Typen im Anzug, sichtlich geschult in öffentlichen Auftritten, die die Fingerspitzen beim Sprechen aneinander drücken und den Zuhörern darlegen, dass es um Visionen gehe, um Produkte, die man dem Gast verkaufen müsse. Auf der anderen Seite sitzen die Naturschützer, alles andere als eine homogene Einheit. Ihr Problem ist, dass sie nicht grundsätzlich gegen die Erschliessung argumentieren können, da sie ja den Alpenraum auch für sich selbst beanspruchen. Nur eben sanfter und weniger auf die Masse ausgerichtet.
Angreifbare Argumente
Hier zeigt sich allerdings auch, dass ihre Argumente durchaus angreifbar sind: Brücken seien ja schon ok, aber nur als Wegstücke. Wenn es um den reinen Kitzel gehe, in die Tiefe zu schauen, dann sei das verwerflich. Und so wirken die Vertreter von Mountain Wilderness, Pro Natura und dem SAC wie Vertreter einer Art Stadtbildkommission der Alpen, die ziemlich willkürlich darüber entscheidet, welches Silhouetten bewahrenswert sind und welche nicht.
Diese Haltung findet Alfred Scharz, CEO der Stockhornbahn, elitär: «99,5 Prozent der Bevölkerung sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft einen Berg zu ersteigen - aber auch diese haben ein Recht, sich schützenswerte Landschaften anzusehen.» Warum das auch für die Natur am Ende von Bedeutung ist, weiss Rudolf Marty, Verwaltungsrat der Sattel-Hochstuckli-AG: «Wenn man die Natur schützen will, dann müssen die Leute ja auch irgendwo erfahren können, welche Natur da überhaupt geschützt werden soll.» Genau dies sei der Sinn und Zweck solcher Projekte wie seiner Hängebrücke - und dann geht die Begeisterung mit ihm durch: Beinahe bankrott seien sie gewesen, bis sie ihre Hängebrücke gebaut hätten. Jetzt hätten sie 70 Angestellte, als Besucher Familien mit Kinderwagen, Schulklassen, Behinderte, Betagte und wer das Glück in deren Augen sehe, wenn die über die Brücke spazierten...
Bergfanatiker gegen Bergler
Moderator Röbi Koller muss ihn schliesslich bremsen, um zum Punkt zu kommen: Wie ist das Bedürfnis zivilisationsmüder Bergfanatiker aus dem Mittelland aufzuwerten gegen das vitale Interessen der Bergregionen, wirtschaftlich zu überleben? «Die Berggebiete können nicht als Kompensationsfläche fürs Mittelland dienen», meint etwa Markus Hasler, CEO der Zermatt Bergbahnen. Elsbeth Flüeler von Mountain Wilderness hält dagegen, es gelte die Solidarität von Stadt und Land zu bewahren und einen Konsens zu finden, wie viel Tourismus zu viel Tourismus sei.
Am überzeugendsten wirkt letztlich Frank-Urs Müller. Vielleicht, weil er als Zentralpräsident des SAC Schweiz eine Organisation vertritt, die den Alpenraum als erstes erschlossen und in diesem Prozess immer schon verschiedene Bedürfnisse gegeneinander abwägen musste – nämlich die des Menschen auf der Suche nach Wildnis und die der Wildnis gegenüber dem Menschen. «In den Alpen hat es Leute, die die Berge als Lebensgrundlage haben. Aber es gibt auch immer mehr Leute, die Ruhe, Erholung und Freizeit wollen. Wenn es aber nur noch um Fun und Nervenkitzel geht, ist diese Entwicklung falsch.» Der Grat zwischen Erschliessung und Nichterschliessung ist schmal, so das Fazit der Runde. Und allgemeine Regeln gibt es nicht – die Erschliessung der Alpen wird also bis auf weiteres umstritten bleiben. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.07.2011, 10:00 Uhr
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30 Kommentare
Auch diese Diskussion zeigte es einmal wieder, wie die Landschaft in der Schweiz übernutzt und übervölkert ist. In diesem Land haben natürliche Landschaftsbilder, Biodiversität und letztlich eine natürliche Lebenseinstellung keinen Platz mehr. Die Schweiz ist ein vom Wohlstand zerfressenes und verschandeltes Land. Antworten
"99,5 Prozent der Bevölkerung sind nicht in der Lage ... einen Berg zu ersteigen - auch diese haben ein Recht, sich ... Landschaften anzusehen." Ach ja? Jederzeit und überall? Dann will ich eine Bahn auf den Everest, ich habe ja das Recht dazu! Blödsinn, wer nicht bergsteigen kann/will, soll es halt lassen, oder eine der vorhandenen Bahnen benützen, gibt ja genug. Man kann nicht immer alles haben! Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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