Kultur
TV-Kritik: Die Grenzen der Grosszügigkeit
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 14.12.2009 48 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
Stichworte
Der Bundespräsident persönlich war heute Morgen im Glascontainer auf dem Bundesplatz zu Gast und eröffnete die SRG-Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» (JRZ). Die selbst deklarierten «JRZ-Helden» Judith Wernli, Mario Torriani und Nik Hartmann werden eine Woche lang im Container leben und rund um die Uhr moderieren, auf SF 2 und auf Radio DRS kann man das Geschehen live verfolgen. Doch was wird da tagein, tagaus gesendet?
Punkt 10 Uhr schalten wir das TV-Gerät ein, der Moderator kündigt die Nachrichten an, die kommen aber nicht, stattdessen Werbeeinblendungen. Gleichzeitig Radio und Fernsehen zu machen, ist offenbar nicht ganz einfach. Zurück im Container, erinnert das Ganze an die einfache Webcam, die heutzutage in fast jedem Radiostudio angebracht ist und über die man die Radiomoderatoren bei ihrer Arbeit beobachten kann. Der Unterschied: In diesem Radiostudio herrscht ein fröhliches Tohuwabohu, unzählige Leute gehen ein und aus, spielen mit dem Töggelikasten, stehen irgendwo wichtig herum. So eine «Big Brother»-Situation könnte durchaus ihren Reiz haben. Doch hier läuft wie beim Radio üblich während 95 Prozent der Sendezeit Musik, was die Leute nebst den Moderationen schwatzen, hört man nicht, auch keine anderen Umgebungsgeräusche. So müssen sich Gehörlose beim Fernsehschauen fühlen.
«Jg grüesse mi Ex Ma»
Weil das alles etwa so spannend ist wie die Übertragung der Standwetterbilder, werden am unteren Bildschirmrand SMS-Nachrichten eingeblendet. Für 2,50 Franken, die natürlich in die Spendenaktion einfliessen, kann man der Welt etwas mitteilen. So wird man mit einer Poesie beglückt wie: «Mir liebe üsi 4 Grossching vo härzä», «Ich finde di action super» oder «Jg grüesse mi Ex Ma dr Alfred us Bollige».
Und was ist mit den drei Helden? Zwischen 10 und 11 moderierten vor allem Mario Torriani und Nik Hartmann, die beiden machten eine stolzen und zufriedenen Eindruck – wie auch alle ihre Gäste. Das Bewusstsein, etwas Gutes zu tun, macht sie erhaben, auch wenn sie dafür ordentlich bezahlt werden. Lovebugs-Sänger Adrian Sieber und Rapper Greis, beide beteiligt am «Jeder Rappen zählt»-Lied, durften je in einem Satz mit ernster Miene erzählen, dass sie jemanden kennen, der schon mal Malaria hatte. Damit sind sie in den Kreis der Malaria-Problematik-Kenner aufgenommen. Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass sie beim Live-Singen des Songs keinen einzigen Ton richtig trafen.
Das Konzept von «Jeder Rappen zählt» stammt aus den Niederlanden, wie schon «Big Brother», die erste weltweit erfolgreiche Container-Reality-Show. Die Spenden-Show könnte man durchaus als Wohlfühl-Abklatsch des ausgelutschten Originals bezeichnen. Das einzig Gute daran: Man kann auch spenden, ohne einzuschalten. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.12.2009, 13:17 Uhr
WRITE A COMMENT
48 Kommentare
Gott sei Dank, die diesjährige Tränendrüsenaktion ist vorüber. DRS3 hat Von mir aus ein paar Spenden mehr gesammelt, aber garantiert EINE Hörerin weniger. Ich habe von diesem heuchlerischen Gutmenschen-Schmus die Nase voll und würde es definitiv begrüssen, wenn stattdessen ein paar Franken mehr an unseren Steuergeldern abgezapft und nach Afrika transferiert würden. Antworten
Ich verstehe nicht ganz weshalb ich hier so viele neg. Komentare lesen darf. Es war und ist jedem selbst überlassen ob er spenden wil oder nicht. Es ist auch jedem selbst überlassen wo er spendet. Was soll das.. Neid???? Ich bin stolz auf jeden der gespendet hat, egal für welches Projekt. Danke Judith, Nik und Mario!!!!!! Und vergesst nicht liebe Schweizer uns geht es sehr gut in unserem Land! Antworten
tsssssss! war das eine malaria-mücke? nein, "nur" ein wenig miesmacher-mief. man muss nicht mit allem einverstanden sein, was andere leisten. doch besser ETWAS tun als gar nichts, oder? und nebst informationen und geld sammeln wird auch viel freude vermittelt. bravo! Antworten
Radio DRS 3 hat für mich nicht die Glaubwürdigkeit für eine solche Aktion. Tagein tagaus kommen die Moderatoren/innen dieses Senders locker-flapsig daher und wollen ewige Fröhlichkeit verbreiten. Und dann widmen sie sich plötzlich einem so ernsten Thema. Das geht nicht auf. Ich habe den Eindruck, dass es sich bloss um eine weitere narzisstische Inszenierung der Moderatoren/innen geht. Antworten
Diese penetranten Spendenaufrufe gehen mir auf die Nerven. Z. B. Roland Jeanneret am Sonntagmorgen: Stellt Fragen über Fragen - warum eigentlich? Wenn die Gelder die Richtigen erreichen ist jegliche Fragerei doch unnötig? Übrigens, dieser Herr ist pensioniert. Die Stimme bleibt der Glückskette erhalten - weil man sie kennt ... Antworten
warum haben solche Spendenaktionen kein Budget mit einem Ziel (soundsovile Franken am Schluss und nicht mehr). Hier werden einfach x- Franken an den anderen Hilfsorganisationen weg gespendet, denn ich spende- aber nicht an x-vielen und beliebigen Aktionen. somit könnte man den "Gewinn" auch weiter spenden an andere Organisationen. Antworten
Sammeln für die Not ist gut. Das Problem ist die Ueberbevölkerung, dort muss man ansetzen.Wenn immer mehr Leute dazukommen wird die Armut immer grösser. Auch bei uns in der Schwez werden diese Probleme immer grösser. Die Minaretinitiative wurde nur angenommen aus angst v or zu grosser Einwnderung .Es is nicht lage her,dass die Schweiz noch 6Mil. Einwohner zählte,heute sind es bereits 7,8Mil. Antworten
So leid es mir tut, die Freude zu stören. Mit der Bekämpfung der Malaria haben diese Leute nicht einem einzigen Menschen geholfen. Stirbt er nicht heute an Malaria, dann in drei Jahren an Cholera, in 9 Jahren im Bürgerkrieg, innert der nächsten 15 Jahren an Hunger. Mit Geld kann man Korruption und Misswirtschaft nicht beseititen in diese Ländern! Antworten
Herr Thomas Renggli:und wieso sollte man nicht spenden für ein projekt für die malariabekämpfung?ihre ansicht ist schon etwas egoistisch..es gibt viele, fast zuviele aktionen die unser land betreffen.da könne SIE ja spenden.zudem bezieht das halbe land irgendeine form von sozialhilfen, ist ja auch eine art "spende" Antworten
So, DRS3 läuft jetzt mindestens diese Woche nicht mehr bei uns im Büro, mal schauen, ob wir danach wieder zurück wechseln.... ist ja nicht mehr zum aushalten.... :-( schade, habe früher gerne DRS3 gehört.... und spenden kann man auch ganz still und unauffällig, so handhabe ich das zumindest. Antworten
die schweiz ist das einzige land der welt, in welchem es mehr VIPs gibt, als normalbürger. dadurch sind die plattformen für die selbstinszenierungen eher spärlich gesät. also nutzen alle diese wichtigen vorzeige-VIPs, von moderatoren über sonstige radiowanderer und weitere, jede möglichkeit, die sich ihnen bietet. SF spielt dabei die rolle des kreativen ermöglichers. wahnsinnig spannend und gut! Antworten
Wenn jeder Sozialarbeiter in der Schweiz als Einstieg in die Sammelaktion Fr. 100 beisteuert, jeder "Radiomann" Fr. 200, jede/r Politiker/in Fr. 1'000, jeder CEO Fr. 800, jeder CFO Fr. 500 - so kann die Sammelaktion bestimmt mit einem sehr guten Sammelergebnis abgeschlossen werden. Antworten
Torriani, Hartmann und Co. vertrage ich langsam nicht mehr! Bei jeder Ansage der Jingle "jRz", das NERVT unheimlich! Selbstverliebte Kommentatoren, nein danke!!! Wir wechselten die Station, es gibt ja genügend Alternativen! Besser für einen Staats-Sender wäre wenn, statt nach Afrika, das Geld für Projekte in der Schweiz gesammelt würde. Auch hier gibt es genügend unterstützungswürdige Projekte. Antworten
Genau dieses Fasten der JRZ-Helden kann ich gar nicht verstehen. Wem bitte soll das was nützen? Sie werden nicht hungern, dafür sorgt die Ernährungsberatung die ihnen Früchtedrinks und Suppen mixt, nicht frieren. Trotzdem wird immer wieder betont dass sie auf Nahrung und allen möglichen Luxus verzichten. Genau diese Haltung zeigt dass das alleinige Ziel dieser 3 ist sich selber zu beweihräuchern. Antworten
Im Grundsatz finde ich die Aktion gut - auch wenn man nach den letzten Wochen DRS3-Präsenz den Song nicht mehr hören mag. Interessant aber, dass ein solcher kritischer Artikel gerade von der Konkurenz, TA Media veröffentlich wird. Und an alle Lästerer: einfach umschalten. @Kurt Tanner: soviel ich weiss fasten die Moderatoren ebenfalls wie in Belgien. Antworten
Dass sich andere Hilfswerke aufregen, finde ich unnötig. Denn diese verschleudern Spendengelder durch unnötige Gegenstände, die sie möglichen Spendern zukommen lassen, auch wenn seit Jahren kein Rappen gezahlt wurde. Und von der Aids Hilfe Schweiz bekomme ich jedes Jahr eine Spendenbescheinigung von Fr. 0.00... Dazu konkurrenzieren sich Hilfswerke gegenseitig, anstatt zusammenzuspannen. Antworten
Furchtbar das Ganze! Bei mir im Büro ist nur DRS3 zu empfangen und nun muss ich den ganzen lieben langen Tag Mario Torriani zuhören, während man sich ob seiner kindlichen Art ständig fragt, wieso dieser nicht 1,2 oder 3 oder dann halt das Guetnachtgschichtli moderiert. Aber dafür hat ja Superschwiegersohn Nik immer viel Verständniss in seiner Stimme, solange er nur selber im Mittelpunkt steht.. Antworten
Solidarität und Hilfe für die benachteiligten Menschen in der Schweiz „Entwicklungshilfe“ im eigenen Land, in der Schweiz, für die Menschen die es dringend nötig haben, für die Weihnachten kein Fest der „Freude“ sein wird, weil sie es sich einfach nicht Leisten können. Wieso unterstütz die SRG nicht auch diese Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, mit derselben Medienpräsenz? Antworten
Mir ist dieses unablässige Malaria-Geschwafel eigentlich schon vor heute Morgen verleidet! Ich bin mir nicht so sicher, ob es da nicht etwa um die Medienpräsenz gewisser Moderatoren/innen und andern selbsternannten Experten geht, oder wirklich um Malariaopfer in Afrika? Wie gut: Spenden kann man auch ohne einzuschalten. Antworten
Dann kaufen die naiven Europäer Moskitonetzte und wollen Afrika retten und die Schwarzen gehen fischen damit. Afrika muss lernen sich selber zu helfen. Ressourcen sind genügen vorhanden, nur müssten einmal die korruptenEliten und Regierungen verschwinden. Antworten
Lasst sie doch machen! Natürlich ist es peinlich und der Song grottenschlecht aber wenn dafür jemandem geholfen wird ist das doch okay. Wir sollten nicht immer über alles Maulen, wir müssen uns den Müll am TV ja nicht anschauen und den Radiosender können wir auch wechseln. Antworten
Malaria-Forschung wurde lange vernachlässigt. Hauptsächlich weil zuwenig Geld involviert war und die chemische Industrie lieber Medikamente für Zivilisationskrankheiten entwickelt hat. Aber unterdessen ist die Malariamücke aber wieder in Italien aufgetaucht und jetzt(!) sammeln wir Geld. Das wirkt auf mich nicht sehr menschenfreundlich. Antworten
Die Glaubwürdigkeit dieser Aktion steht und fällt mit der Glaubwüdigkeit der ModeratorInnen. Wahrscheinlich war auch den Schweizer Nachahmern bekannt, dass diese Aktion jährlich in Belgien stattfindet und die MorderatorInnen dort eine Woche lang fasten (keine feste Nahrung zu sich nehmen), aber das wäre für unsere radebrechenden DRS3ler wohl zu viel der Glaubwürdigkeit gewesen. Antworten
Yess! Danke für diesen Beitrag! Muss schön sein, sich so selbst zu beweihräuchern und sich selbst auf die Schultern zu klopfen; die anderen Hilfswerke zahlen die Zeche. Irgendwie erinnert es an frühere Jahrzehnte, wo es auf einmal Schick war für die armen Negerlein in Afrika zu spenden. Es gäbe bei uns viele Leute, die um eine solche nationale Hilfskampagne auch froh wären! Antworten




Samuel Bührer
Erst mal einen grossen Dank an den Tagesnanzeiger für die ehrliche Kritik. Ich gehöre seit Anfang an zu den Gegnern dieser ,,Medienshow,,.Warum muss ich nicht erklären. Mich macht das ganze sehr sauer. Traurig das wir quasi das ganze mit unseren Bilag Beiträgen mitfinanzieren. Googelt mal nach ,,JRZ Kritik,,, und macht nicht einen auf ,,ist doch ne gutes Sache,,. Danke Tagesanzeiger, weiter so. Antworten