Kultur
TV-Kritik: Die Miss-Wahl, ein Blondinenwitz
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 27.09.2009 22 Kommentare
Gut leben wir in der Schweiz! Wo sonst könnte man eine Miss-Wahl live am Staatsfernsehen verfolgen? Gestern war es wieder soweit. In die Vorfreude mischte sich indes ein Misston. Die Quoten der Show befinden sich seit Jahren im Sinkflug. Schuld daran sei die abgelutschte Dramaturgie des Abends: Defilées, eingespielte Porträts, Showblöcke. Doch man sollte das nicht zu eng sehen. Die Miss-Wahl ist immer auch eine Gelegenheit, allerlei Bizarres zu erleben. Vergleichbar mit dem European Song Contest.
In diesem Sinne war die gestrige Show ein guter Jahrgang. Schon das erste Defilée zum Thema «Engel und Teufel» überraschte mit endlosen Schwarz-Weiss-Einspielungen und deprimierender Musik, die wohl anmutig hätte sein sollen. Nach und nach erschienen alle 16 Teilnehmerinnen, die meisten noch ein wenig kühl lächelnd und reserviert ins Publikum schauend. Eine Überfliegerin war nicht in Sicht. Eine sah sogar aus wie DJ Tatana. Keine gute Voraussetzung für den Titelgewinn. Die Dame sollte später denn auch den Prix Amitié gewinnen, diesen Trostpreis, der bedeutet: Nettes Mädchen, leider weniger hübsch als die anderen.
Danach wurden die Kandidatinnen ein erstes Mal befragt: Was ist teuflisch an ihnen? «Ich kann manchmal gemein sein», hiess es dann. Oder der Bewerbungsklassiker: «Ich bin ungeduldig.» Auffallend viele Damen bezeichneten ihre engelhafte Seite als «hilfsbereit». Aus den schönen Augen blitzte dabei das Gewinnstreben.
Warum weinte Toyloy?
Das Bikini-Defilée. Plötzlich sahen alle gut aus. Auf welche Körperpartie die Jury hier wohl achtet? Moderator Sven Epiney wusste es offenbar auch nicht so genau. Jedenfalls kommentierte er während des ganzen Durchgangs die Ess- und Fitnessgewohnheiten der Kandidatinnen. Kurz darauf fielen die ersten Entscheidungen. Die Ausgeschiedenen traten ab, manche etwas geknickt, andere stolz erhobenen Hauptes.
Danach präsentierten sich die Damen im Cocktailkleid. Die Einlage fand an einer Miss-Wahl zum ersten Mal statt, von ihr versprachen sich die Veranstalter frischen Wind im Show-Ablauf. Doch Fehlanzeige. Es war einfach ein weiteres Defilée. Hier wäre mehr Mut, mehr Action, gefragt. Ein Stangentanz zum Beispiel. Oder Schlamm-Catchen. Doch egal. In diesem Moment trippelte Whitney Toyloy auf die Bühne. Während der Würdigung ihres Amtsjahrs brach sie in Tränen aus. Weil sie das Krönchen abgeben musste? Weil sie deutlich weniger verdient hatte, als ihre Vorgängerinnen?
Es folgte das Defilée im Abendkleid. Gemessen und gediegen schwebten die Damen über den Catwalk, wie es der Würde ihrer Berufung entspricht. Mit Rehaugen-Makeup sahen wieder andere toll aus als zuvor im Bikini, irgendwie wechselte das von Runde zu Runde. Keine leichte Aufgabe für die Jury!
Der IQ-Test
Nach einem weiteren grässlichen Playback-Block und ein paar Ausscheidungen kam man zum Höhepunkt des Abends: Dem Intelligenztest. Denn eine Miss Schweiz soll bekanntlich nicht bloss hübsch sein, sondern die Werte unseres Landes vertreten. Noch fünf Damen waren übrig, jede musste eine einstudierte Frage beantworten, mit der sie ihre Schlagfertigkeit beweisen sollte. Schon hier überraschte eine gewisse Linda Fäh mit zackigen Antworten. Was Männer von Frauen lernen können? Multitasking! Was Frauen von Männer lernen können? Einparkieren! Um unser Land, dachte man, ist es nicht gerade fortschrittlich bestellt.
Dann das Finale, wo die letzten drei Kandidatinnen eine unvorbereitete Frage beantworten mussten, die lautete: «Eine Frau wacht heute nach zwanzig Jahren im Koma auf. Was hat sich auf der Welt für sie verändert»? Tamina Schneider und Tabea Schulthess zählten Handys, die Multikultigesellschaft und sogar Umweltprobleme auf. Bankangestellte Linda hingegen schien die Frage nicht richtig verstanden zu haben. Jedenfalls ratterte sie strahlend einen spiessigen Lebenslauf der komatösen Frau hinunter: Heirat, ein Häuschen mit einem Gärtchen, Kinder, ein guter Job.
Damit, so war man sich als Zuschauer sicher, war die gute Linda weg vom Fenster. Doch schon wieder Fehlanzeige, es traf skandalöserweise die betörende Tamina Schneider. Der Showdown geriet so zur Formsache. Lindas letzte Konkurrentin, die gletscherblauäugige, aufgeweckte Tabea Schulthess, war für eine breite Masse zu speziell. Schade. Doch Moral ist immer die letzte Zuflucht von Leuten, die Schönheit nicht begreifen – und schön ist Linda Fäh: Blond, 177 Meter gross, Körpermasse 82-61-92. Wir gratulieren. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.09.2009, 22:58 Uhr
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22 Kommentare
Missen sind ja vor allem ein produkt der Medien um freien Platz in diversen Rubriken zu füllen. Bestes Beispiel Tele Züri: Zu jedem noch so blödem Thema wird einer Miss ein Mikrofon zur stellungsnahme hingehalten, dann fast tägliche Vorschauen zur Wahl, dann logischerweise im Talk Täglich, un zu guter letzt dann noch eine Homestory mit Frau Bossert. Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








