Kultur

TV-Kritik: Schuld verjährt nicht

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 10.10.2011 23 Kommentare

Zuerst rechnete man im gestrigen «Tatort» mit einem Serienkiller. Dann entpuppte sich der Gegner als noch viel schlimmer.

1/10 Bauunternehmer Börner wurde in seinem Baucontainer ermordet. Nika Banovic (M.) hat erste Ergebnisse der Spurensicherung für Thorsten Lannert (l.) und Sebastian Bootz.

   

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Folge: «Das erste Opfer»

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Die Vergangenheit entflieht nicht, sie bleibt und verharrt bewegungslos: Was schon Marcel Proust wusste, haben gestern auch die Stuttgarter Polizisten Lannert und Bootz erfahren. Die beiden ermittelten in einem Mordfall, dessen Motiv weit zurücklag. Eine komplizierte Angelegenheit also. Dabei begann der Mordfall schön simpel, wenn auch brachial: Bauunternehmer Börner wurde nachts auf der Baustelle durch einen Bagger getötet. Seine Frau, mit der er sich nicht mehr verstanden hatte, war Alleinerbin.

Dummerweise hatte sie nicht nur Eheprobleme, sondern auch einen Liebhaber und somit ein Alibi. Darüber konnten die Kommissare allerdings gar nicht gross enttäuscht sein, denn bereits ereignete sich der zweite Mord. Eine Restaurantbetreiberin wurde mutwillig überfahren, mehrfach. Nicht nur die Todesursache wies Parallelen zum Bauunternehmer auf. An den Tatorten wurde jeweils ein Foto gefunden, das das gleiche Mädchen zeigte.

Dramatisches Finale

Da musste man kein Sherlock Holmes sein, um zu merken, dass die beiden Fälle zusammengehörten. Zumal Börner und die Wirtin früher offenbar ein Paar waren. Doch wer war das Mädchen? Und weshalb wurde Anwalt Joswig, den Börner kurz vor seinem Tod angerufen hatte, zunehmend nervöser? Und hatte der Killer noch weitere Fotos in der Rückhand? Diese Fragen zogen sich dann ein bisschen zu lange hin. Denn zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die drei vor langer Zeit etwas zusammen ausgefressen haben mussten, und als Zuschauer wollte man langsam wissen: was?

Die Antwort bekam man dann doch noch. Das Mädchen auf den Fotos starb vor 15 Jahren bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht. Börner, die Wirtin und Joswig sassen damals im Fluchtauto. Das erinnerte die Kinofans unter den Zuschauern natürlich an den Film «Ich weiss, was du letzten Sommer getan hast». Auch da zog ein heimlicher Zeuge eines Unfalls die Schuldigen per Selbstjustiz zur Rechenschaft. Im gestrigen «Tatort» aber gab es keinen Zeugen, niemand hat den Unfall gesehen – wer also war der Mörder? Die Frage liess nochmals ein bisschen Spannung aufkommen, gipfelte allerdings in einem unglaubwürdigen Finale: Der damalige Freund des Mädchens, der sich ins Ermittlungsteam der Polizisten eingeschlichen hatte, entpuppte sich als Mörder.

Unglaubwürdige Vendetta

Dass ein Teenager nach 15 Jahren eine solche Vendetta hinlegt, nahm man dem Film nicht ab. Schade, denn eigentlich hätte die Geschichte genügend hergegeben. Doch die Macher tappten in die klassische Rachefilm-Falle: Man stelle den Bösewicht – und alles ist wieder gut. Was dabei vergessen geht, ist das wirklich Interessante, nämlich wie die Fahrerflüchtigen damals reagierten, wie sie ihr Leben fortsetzten, wie sie mit ihrer Schuld lebten. Zwar deutete der Film ein paarmal in diese Richtung. Leider konnten sich die Drehbuchautoren nicht richtig zwischen Drama und Krimi entscheiden. So blieb die Folge weder besonders berührend noch spannend – und die Polizisten respektive die Zuschauer lernten eine weitere Lektion: Mittelmässigkeit ist von allen Gegnern der Schlimmste. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2011, 10:26 Uhr

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23 Kommentare

Holzwart Robert

10.10.2011, 10:42 Uhr
Melden 67 Empfehlung

unglaublich wie die tatorte hier immer zerpflückt werden. ich fand's vielschichtig, glaubwürdig mit guten schauspielern, die realistische polizisten verkörpern. würde man diese hohen standardas auf den üblichen krimischrott anwenden der über das tv flimmert (csi etc.) würde die alle sendeverbot erhalten. Antworten


Silvie Blake

10.10.2011, 11:10 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Mit dem CH-Tatort vor einigen Wochen verglichen, war gestern Abend ein Fernseh-Highlight. Antworten




Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.