Kultur

TV-Kritik: «Schweizer Männer machen mehr Probleme als Ausländer»

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 24.08.2011 155 Kommentare

Vergangene Woche erschoss ein Mann auf offener Strasse seine Ehefrau und eine Sozialarbeiterin. «Wo hat das System versagt?», fragte gestern der «Club» und kam zum Schluss: Der politische Wille zur Lösung fehlt.

1/5 Die Runde brauchte lange, um zum Kernthema vorzustossen: Diskussionsrunde mit Christine Maier und Carola Ernst (l.): «Wir haben öfter Probleme mit Schweizer Männern als mit Ausländern.»

   

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Gross war die Betroffenheit im «Club» gestern immer noch über den brutalen Doppelmord von Pfäffikon – und ebenso die Verlegenheit, was dabei eigentlich schiefgelaufen sei. «Ein Extremfall» sei das, der nicht als typisch gelten könne. Und tatsächlich waren die Voraussetzungen, wie Carola Ernst, Leiterin der Integrationsschule Fischental, sie zunächst schilderte, besonders tragisch: Sadete S. war während des Kriegs in Kosovo mit ihrem Mann in die Schweiz gekommen. Zunächst ging alles gut. Sie erzog die Kinder, er arbeitete und forderte sie sogar auf, ihr Kopftuch auszuziehen, damit sie sich besser integriere. Doch dann wurde er arbeitsunfähig und begann, sich immer mehr an die konservative Kultur seines Herkunftslandes zu klammern. Sie, die Analphabetin gewesen war, lernte lesen und schreiben, er zog sich immer mehr zurück – eine gegenläufige Entwicklung. Als sie sich zur Scheidung entschloss, eskalierte die Situation und gipfelte im Doppelmord.

Zivilcourage gefordert

So extrem dieser Fall im Ausmass der Eskalation sein mag, es kreuzen sich darin die wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen der Gegenwart: Immigration, Integration, das Schweizer Strafrecht, das hier korrigierend eingreifen sollte, und schliesslich das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern. Dass es im Falle häuslicher Gewalt vor allem um Letzteres geht, wurde bald klar – trotzdem lavierte der «Club» lange unentschlossen herum, bis man zum eigentlichen Kernthema vordrang.

Andreas Brunner, Leitender Oberstaatsanwalt Kanton Zürich, wies auf die Schwierigkeit im Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt hin. Zwar habe die Polizei gelernt, in Fällen häuslicher Gewalt nicht mehr vermitteln zu wollen, sondern das Paar zu trennen und dann zu ermitteln. Aufseiten des Opfers gebe es oft grosse Ambivalenzen, sodass die Anzeigen zurückgezogen würden, bevor man aktiv werden könne. Ohne die Unterstützung durch die Opfer, seien der Justiz aber die Hände gebunden, die Mittel seien beschränkt. Entscheidend sei, dass man die Zeichen innerhalb der Entwicklung richtig deute, kritische Momente wie Jobverlust oder einen Entschluss zu einer Scheidung nicht unbeachtet lasse. Jeder Einzelne sei gefordert, nicht wegzusehen, auch wenn das Zivilcourage erfordere.

Dagegen hielt Carlo Häfeli, Präsident Opferschutzorganisation Weisser Ring: Man mache es sich zu einfach, wenn bloss an die Zivilcourage bei der Bevölkerung appelliert werde. «Der Staat hat das Gewaltmonopol, deshalb liegt der Ball bei der Polizei», meinte Häfeli. Diese aber scheue sich oft, hart durchzugreifen. Täter liessen sich aber nur durch harsche Massnahmen beeindrucken. Nulltoleranz forderte Häfeli und wirkte als Präsident der Opfervereinigung überraschenderweise oft wie ein SVP-Hardliner.

Nulltoleranz als probates Mittel

Das Stichwort Nulltoleranz fiel immer wieder. So berichtete etwa Lucie Rehsche, Leiterin Sozialzentrum Dorflinde Zürich, davon, dass sie bei Drohungen sofort mit Anzeigen reagieren. «Es sind nur wenige, die gewalttätig sind, aber die machen sehr viele Probleme und sehr viel Arbeit.» Dezidiertes Auftreten nütze jedoch. Auch mit der Polizei zeigt sie sich zufrieden, man werde normalerweise sehr ernst genommen. «Aber wenn jemand seine Frau umbringen will, nützt das natürlich nichts.»

Wenn alle so gut wissen, was zu tun ist, bleibt die Frage, warum es trotzdem immer wieder zu angekündigten Katastrophen kommt: Ist es vielleicht also doch ein kulturelles Problem? Riza Demaj, Übersetzer, Präsident Albanischer Lehrer- und Elternverein, stemmt sich tapfer gegen den xenophoben Reflex: «Es gehört nicht zu unserer Kultur, seine Frau umzubringen», sagt er. Und: «Die albanische Gemeinde ist entsetzt über diese Tat.» Aufgabe seiner Gemeinde sei es nun, auf Integration zu setzen. «Wir müssen als Ausländer bereit sein, mehr Verantwortung für das Wohlergehen dieses Landes zu übernehmen. Denn wenn es der Schweiz gut geht, geht es auch uns gut. Wir müssen zusammenarbeiten.»

«Es geht um Macht und Kontrolle»

Löblich, aber damit ist es nicht getan. Denn der springende Punkt liegt woanders, so bringt es Susan A. Peter, Geschäftsleiterin Stiftung Frauenhaus Zürich, auf den Punkt. Häusliche Gewalt sei mitnichten ein Integrationsproblem, sagt sie, auch kein kulturspezifisches oder Schichtproblem. «Es geht darum, Kontrolle und Macht auszuüben, und das wollen Schweizer auch.»

Das bestätigt Carola Ernst: Am meisten Probleme gebe es an ihrer Schule mit Schweizer Männern mit ausländischen Frauen, die die Integration ihrer Frau nicht verkraften. Einmal mehr also steht hier die Männerrolle in unserer Gesellschaft zur Diskussion. Aber das ist ein heikles und intimes Thema, besonders, wenn es in Gewalt ausartet. Mehr Prävention brauche es, mehr politischen Willen für eine gesamtschweizerische Strategie gegen häusliche Gewalt. Denn erst, wenn Betroffene, wie etwa die Polizei, auf das Thema sensibilisiert seien, wüssten sie auch eher, richtig zu reagieren. «Häusliche Gewalt ist ein intimes Thema, löst Schrecken und Ohnmacht aus. Da nimmt man gerne lieber einen Sündenbock – wie jetzt zum Beispiel eine bestimmte Kultur.»

Sollen solche Fälle künftig verhindert werden, braucht es den Willen, genau hinzuschauen. Und wer bloss mit Sündenböcken operiert, verschliesst die Augen vor den Realitäten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2011, 09:58 Uhr

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155 Kommentare

Marianne Gort

24.08.2011, 11:37 Uhr
Melden 213 Empfehlung

Demagogie vom Feinsten:
Gegeben: Ausländer bringt Frau + Sozialamtarbeiterin um.
Darausgemacht: "Schweizer Männer machen mehr Probleme als Ausländer" (Das ist zwar nachweislich kreuzfalsch, doch wen juckts?)
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Tobi Frohler

24.08.2011, 10:42 Uhr
Melden 205 Empfehlung

Am lustigsten war, als fast alle behaupteten, dass die natüüürlich kein importiertes Problem sei. Kurz danach zitierte der Opfervertretter eine Statistik, welche zeigt, dass Ausländer mehr als 5x häufiger häusliche Gewalt anwenden (ohne Dunkelziffer!).
Interessant, dass der Tagi im Titel diese Falschaussage zwar zitiert und im Text in etwas anderer Form wiederholt, sie aber nicht korrigiert.
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.