Kultur

TV-Kritik: Sexualstraftäter auf dem Präsentierteller

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 02.12.2010 20 Kommentare

Ein Sexualstraftäter kommt nach zwei Jahren Haft frei, trotz hoher Rückfallgefahr. Und er lässt sich ohne Anonymisierung porträtieren. Der SF-«Reporter» von gestern war in mehrfacher Hinsicht denkwürdig.

1/6 Kurz vor der Entlassung: Sexualstraftäter Martin U. Im Film wird er mit vollem Gesicht gezeigt, spricht offen in die Kamera.
Bild: SF/Reporter

   

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Er gehöre einer Hochrisikogruppe an, sagt die Psychologin Karen Fürstenau, die ein Gutachten über Martin U. erstellt hat. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls betrage über 50 Prozent. Trotzdem kommt er nach verbüsster Haft frei. Die Empfehlung der Gutachterin, dem Täter eine mindestens fünf Jahre dauernde stationäre therapeutische Massnahme anzuordnen, beurteilt das Gericht als «unverhältnismässig». Nach zwei Jahren in der Strafanstalt Witzwil ist Martin U. (24) ein freier Mann, der Direktor entlässt ihn mit «einem unguten Gefühl».

Ebenso denkwürdig wie diese Entlassungsgeschichte ist, dass sich Martin U. ohne Anonymisierung vom Fernsehen porträtieren lässt, sein Gesicht zeigt und in Kauf nimmt, dass die ganze Schweiz nun weiss: Das ist ein Sexualstraftäter. Hätte SF diesen Mann vor sich selbst schützen müssen, wenn man das Recht nach Wiedereingliederung nach verbüsster Straftat ernst nimmt? Oder will Martin U. mit diesem Gang an die Öffentlichkeit weitere Taten verhindern? Eher wahrscheinlich ist, dass er das Fernsehen als willkommene Möglichkeit sah, sich als unschuldiges Justizopfer zu präsentieren.

Delikt im Hafturlaub

Martin verlor im Alter von 15 Jahren seinen Vater, hernach begann er Frauenunterwäsche zu stehlen. Mit 16 sein erstes Sexualdelikt: Unter Alkoholeinfluss nötigte er ein Mädchen zu sexuellen Handlungen, hielt es eine halbe Stunde unter Gewahrsam. Er erzählt, diese Tat habe ein Stück weit seine Leere gefüllt, in jenem Augenblick habe er Macht und Befriedigung erfahren. Er kam in die Jugendvollzugsanstalt, die Gutachter stellten ihm ein gutes Zeugnis aus. Nach zwei Jahren, bei einem Hafturlaub, brach er in ein Haus ein, landete im Zimmer eines 17-jährigen Mädchens. Das Mädchen beschuldigte ihn, ein Kissen auf seinen Kopf gedrückt und es zu Analsex aufgefordert zu haben, er beteuert noch heute, dass er bloss Geld habe stehlen wollen. Das Gericht glaubte dem Mädchen, Martin U. wurde zu 24 Monaten Haft verurteilt.

Reporter Simon Christen hat Martin U. mehrere Tage begleitet, seine Mutter und seinen besten Freund besucht. Er zeigt einen Sexualstraftäter mit lieblichem Hundeblick, leicht naiv, schüchtern, freundlich, der in einem idyllischen Dorf in der Nähe von Interlaken aufgewachsen ist. Er sei immer sehr anständig gegenüber Frauen, sagt sein bester Freund, der Martin U. nach der Entlassung bei sich aufnehmen wird. Der Direktor der Strafanstalt Witzwil, Hans-Rudolf Schwarz, warnt: «Bei Sexualstraftätern handelt es sich um Leute, denen man die Gefährlichkeit nicht ansieht.» Man solle das Urteilen in diesen Fällen den Fachleuten überlassen, als Laie könne man nur scheitern.

Ungutes Gefühl

Der Film kommt Martin U. sehr nahe, Reporter Simon Christen gerät aber nie in die Gefahr, sich auf die Seite des Täters zu schlagen. Ihm gelingt, das Spannungsfeld zwischen Justiz, Opfer, Gesellschaft und Täter mit all seinen unterschiedlichen Sichtweisen und Ansprüchen hervorragend aufzuzeigen. Und so nebenbei wird einmal mehr offensichtlich, welch riesiger Aufwand hierzulande um solche Täter getrieben wird – mit unsicheren Erfolgsaussichten. Nicht nur Hans-Rudolf Schwarz bleibt ein ungutes Gefühl, wenn Martin U. am Schluss selbstbewusst sagt: «Es wird zu keinen weiteren Delikten kommen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2010, 10:36 Uhr

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20 Kommentare

lena sturm

02.12.2010, 11:01 Uhr
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unser strafrecht sollte nicht nur aufgrund dieses falles, schnellstens massiv zugunsten der bisherigen und neuen opfer, verschärft werden. richter sollten für ihre fehlurteile, belangt werden und es MUSS ENDLICH in jedem kanton eine rechtsgleichheit hergestellt werden. ich finde diese zustände unglaublich und verantwortungslos. es ist auf- gabe des staates, die bevölkerung zu schützen, egal wie!! Antworten


Franz Brunner

02.12.2010, 12:38 Uhr
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@ Züllig, von Bern---möchte mal hören wenn ihre frau oder ihr kind opfer wird und ich dann am krankenbett mit sprüchen wie "eine demokratische gesellschaft muss eben auch ein paar andersartige verkraften, dass sie nun darunter leiden, das ist wirklich pech“ komme--ein bisschen schuld tragen wir ja alle, diese andersartigen sind auch nur so weil wir sie nicht genug "in unsere mitte" genommen haben Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.