Kultur
TV-Kritik: Unverdankte Zivilcourage
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 28.10.2010 22 Kommentare
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Ein todeswilliger Mann legt sich in einem Bahnhof kurz vor der Einfahrt eines Zuges auf das Gleis, in letzter Sekunde springt ihm ein Passant nach, zerrt ihn weg, nur mit Glück wird der Retter nicht selbst vom Zug erfasst. Dies ist die erste von drei Heldengeschichten aus der SF-Sendung «Reporter». Muhammed Öztürk, der Retter, ist ein junger, unauffälliger Mann. Viel überlegt habe er nicht, sondern einfach gehandelt. Im Gegensatz zu den vielen anderen Leuten am Bahnsteig, die einfach stehen blieben oder den potenziellen Selbstmörder danach gar beschimpften. Genau dasselbe werden später im Film auch die anderen Lebensretter erzählen.
Was unterscheidet jemand wie Öztürk von den anderen Menschen? Ist er tatsächlich ein Held? Oder war das, was er machte, gar fahrlässig? Ist eine solche Rettung überhaupt im Sinn des Geretteten? Und weshalb bleiben viele Menschen in ähnlichen Situationen wie versteinert stehen, anstatt zu handeln? Filmemacherin Belinda Sallin beschränkt sich darauf, die Helden und ihr Handeln zu würdigen. Viel mehr ist in den knapp 30 Minuten wohl auch nicht möglich, zumal im Film die Rettungssituationen nachgestellt werden, unter anderem mit einem brennenden Auto, aus dem zwei mutige Anwohner zwei Unfallopfer herauszerrten und ihnen das Leben retteten.
Der Retter und der Gerettete
Auf die Lebensretter ist die Filmemacherin über die Carnegie-Stiftung gestossen, die Leute auszeichnet, die sich selbst in Gefahr brachten, um Leben zu retten. Bei zwei der drei Beispiele handelte es sich um Rettungen nach einem Suizidversuch. Bei beiden hat sich der Gerettete nie beim Retter gemeldet, was der Regel entspreche. Dass es Sallin nicht schaffte, einen Geretteten vor die Kamera zu bringen, ist eine grosse Schwäche des Films. Schwer nachvollziehbar ist, weshalb sie nicht wenigsten eine Fachperson zu Wort kommen lässt, die erklärt, was der Gerettete gegenüber seinem Retter fühlt, weshalb er sich in der Regel nicht bei ihm meldet, ob er ihm überhaupt dankbar ist, wie man damit umgeht, einem Fremden gegenüber dermassen in der Schuld zu stehen.
Werden die Retter auf ihre Heldentat angesprochen, reagieren sie leicht verlegen, wenn doch auch ein wenig Stolz mitklingt. Ein typischer Dialog aus dem Film: «Ich fühle mich nicht als Held.» – «Aber Sie haben doch etwas heldenhaftes getan.» – «Ja, im Nachhinein kann man das so sagen. In dem Augenblick habe ich aber einfach funktioniert wie eine Maschine.» Keiner der Lebensretter zelebriert seine Heldentat, keiner nimmt es den Geretteten übel, wenn sie sich nicht bedanken, zumindest würden sie das nie vor der Kamera sagen. Als «wahre Helden» bezeichnet die Filmemacherin diese Menschen, die sich selbst nicht als Helden sehen. Ein weiteres Paradoxon in dem Themenbereich, der mit diesem Film längst nicht ausgereizt ist. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.10.2010, 09:55 Uhr
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