Zweifel verliert Machtkampf gegen Heidenreich

Er hat recht und muss doch gehen: Stefan Zweifel wurde als Moderator des «Literaturclubs» abgesetzt. Dies nach einem Streit mit Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Im Disput um ein Genozid-Zitat kommt auch das SRF nicht gut weg.

Als man sich noch mochte: Erster «Literaturclub» mit Stefan Zweifel als Moderator (links); Elke Heidenreich (rechts).

Als man sich noch mochte: Erster «Literaturclub» mit Stefan Zweifel als Moderator (links); Elke Heidenreich (rechts). Bild: SRF

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Stefan Zweifel wurde von der Sendeleitung des «Literaturclubs» degradiert. Schon in der nächsten Ausgabe im Juni soll er gemäss den Plänen von SRF nurmehr als Kritiker ohne leitende Aufgaben in der Runde sitzen. Damit solle Zweifel von der doppelten Belastung als Moderator und Kritiker befreit werden.Zweifel denkt aber nicht daran, unter diesen Umständen im «Literaturclub» überhaupt noch mitzudiskutieren.

In den letzten Sendungen blieb auch dem Zuschauer nicht verborgen, dass das Verhältnis zwischen ihm und Elke Heidenreich disharmonisch, zuweilen geradezu feindselig war. Die Brachial-Kritikerin und der feinsinnige Leser gerieten aneinander. Wobei Zweifel eher duldsam, Heidenreich eher aggressiv agierte.

Streit um Heidegger-Zitat

Der Konflikt gipfelt nun in einer Zitat-Frage, deren Abklärung Zweifel von der Sendeleitung forderte. Es geht um eine Heidegger-Frage und gleichzeitig um eine Machtfrage im «Literaturclub», die Heidenreich gewonnen hat. In der Sendung vom 22. April diskutierte die Runde Martin Heideggers «Schwarze Hefte», in denen sich der Philosoph passagenweise explizit antisemitisch äussert.

Elke Heidenreich las in diesem Kontext folgendes angebliches Heidegger-Zitat vor: «Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.»

«Doch!»

Zweifel entgegnet: «Dieser Satz steht aber nicht in dem Band, den wir lesen.» Heidenreich: «Doch.» Zweifel verneint erneut, bis Heidenreich enerviert, auf ihrer Meinung beharrend, ihr Buch auf den Tisch wirft: «Doch!» Die Redaktion um Sendeleiterin Esther Schneider prüfte das Zitat trotz Zweifels schriftlicher Bitte nicht, angeblich um sich nicht in die internen Querelen zweier Kritiker einzumischen. Zweifel sieht seine Autorität als Moderator und die Prinzipien der Zitattreue «in einem so ungeheuerlichen Fall» untergraben, wie er im Brief ans SRF schreibt.

Bedingung für sein Verbleiben im «Literaturclub» wäre, dass Esther Schneider die operative Leitung abgeben würde und dass SRF die Sachverhaltsabklärung durchführen würde. Von all dem ist nicht auszugehen. Und damit ist wahrscheinlich, dass man Zweifel in diesem Sendeformat nicht mehr sehen wird. Gerüchteweise steht zu seiner Ablösung als Moderator schon Mundart-Schriftsteller Pedro Lenz («Dr Goalie bin ig») bereit.

Heidenreich krebst zurück

Die internen Animositäten, die sich seit Januar zugespitzt haben, beiseite gelassen, bleibt dieses pikante Heidegger-Zitat von Heidenreich. Der Satz ist so in keiner Notiz von Heidegger verbürgt. Er ist auch rechtlich heikel, könnte angefochten werden. Julian Schütt, der selbst als Gast in der Ausgabe des «Literaturclubs» im April mitdiskutierte: «Der Satz ist eine Behauptung von Elke Heidenreich.» Dass Heidegger ein überzeugter Nationalsozialist war, sei unbestritten. Dass er die Vernichtung der Juden öffentlich propagierte, sei nicht bekannt. «Der Fehler ist unverzeihlich.»

Elke Heidenreich krebst nun zurück. Hatte sie in der Sendung noch darauf beharrt, den Satz so in den «Schwarzen Heften» gelesen zu haben, erklärt sie nun auf Anfrage der BaZ, nur die Wortfolge «verborgene Deutschheit» sei ein direktes Heidegger-Zitat. Beim Rest handle es sich um «eigene Gedanken zu Heidegger». Das Wort «entbergen» wiederum habe sie einem Artikel der Süddeutschen Zeitung entnommen, der im Dossier war, das ihr SRF für die Sendung zusammenstellte. Über den Ausgang der Diskussion sei sie «verblüfft».

Genozid und Bahnhof

Geirrt haben will sich die Kritikerin, die in der Sendung so vehement darauf beharrte, Heidegger zitiert zu haben, nicht. In ihren Augen handelt es sich allenfalls um ein Missverständnis. Doch selbst wenn Heidenreich nicht böswillig ein Heidegger-Zitat erfunden hat, bleibt ihre kühne Aussage in der Paraphrase eine grobe Unsorgfältigkeit und Unterstellung an Heidegger. Würde solcherlei ein Kritiker in einer Zeitung äussern, Presserat, womöglich Anwälte auch, wären schnell auf dem Plan.

Was auch immer für die Absetzung von Zweifel ausschlaggebend war, SRF hätte gut daran getan, nicht erst gestern, auf Anfrage der BaZ, diesem Zitat, das kein Heidegger-, sondern letztlich ein Heidenreich-Zitat ist, nachzugehen.

Wie heikel solche falschen Zitate auch im Kulturbetrieb sein können, zeigt das Beispiel des einstigen Feuilleton-Chefs der Zeit, Fritz J. Raddatz. In einem Artikel von 1985 zur Frankfurter Buchmesse zitierte er angeblich Wolfgang Goethe: «Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern.» Die erste deutsche Eisenbahn jedoch fuhr erst drei Jahre nach Goethes Tod. Einen Bahnhof hatte Goethe nie gesehen. Raddatz wurde abgesetzt.

Damals ging es um einen Bahnhof. Heute geht es um den Genozid an den Juden. Abgesetzt wurde Zweifel. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 22.05.2014, 13:19 Uhr)

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