Der Todeshauch der Geschichte

Im neuen «Tatort» reichten die Ausläufer des Tschetschenien-Konflikts bis in die Luzerner Agglo. Ein Journalist fiel darum auf ein Auto, und Reto Flückiger ermittelte.

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Ein Mann, viele Verfolger. Dieser beliebten dramaturgischen Disziplin folgte der neue «Tatort» aus Luzern. Der Mann, hinter dem alle her waren: Das war Ruslan Abaew (Jewgeni Sitochin), von dem gerade ein einziges, 15 Jahre altes Foto existierte. Womöglich war er im Tschetschenienkrieg, im Massaker von Grosny im Jahr 2000, zum Kriegsverbrecher geworden; und wie sich bald herausstellte, lebte er unter falschem Namen in der Agglo von Luzern.

Die ihn suchten, das waren: ein Journalist, der ihn enttarnen wollte, ein tschetschenischer Auftragskiller sowie das russische Aussenministerium. Hinter Abaew und damit auch hinter ihrer eigenen Geschichte her waren aber auch seine Verwandten. Und, weil es mittlerweile den ersten Toten gegeben hatte, schon bald auch die Polizei. Denn wie das nun mal ist in so einem Ausscheidungsrennen: Es können nicht alle die Trophäe gewinnen.

Sag Hallo zur Geliebten

Der Erste, der die Jagd nach dem Kriegsveteranen nicht überlebte, war der investigative Journalist. Er stürzte aus dem fünften Stock eines Stundenhotels, wo praktischerweise zwei Stockwerke tiefer gerade Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) mit seiner heimlichen Geliebten zugange war – was dem Publikum wie auch der Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) die Gelegenheit gab, die Frau und die Kompliziertheit des Verhältnisses endlich kennen zu lernen. Der Zweite, der nicht über die Filmmitte hinauskam, war wenig überraschend der zwar schön boshaft gezeichnete, aber etwas unbeholfene Killer.

Erfolgreicher voran und weiter als die Profis kamen – weniger aus Gründen der Plausibilität als der Dramaturgie – die Angehörigen des Gesuchten. Das war Nura Achmadowa (Yelena Tronina), die in die Schweiz gekommen war, um ihren Onkel zu finden. Und das war ihr Zwillingsbruder Nurali Balsiger (Joel Basman), der schon als Kind nach Luzern und seither bauernnah zu einem Einfamilienhaus mit Kind gekommen war. Er wollte nichts hören von den alten Geschichten: «Das ist euer Scheisskrieg.» Dass man beide Positionen gut verstehen konnte, lag auch am prima Schauspiel der Beteiligten.

Ein unauffälliges Versteck

Der Gesuchte hatte sich derweil an betont unauffälliger Stelle versteckt, nämlich in der Luzerner Agglo, wo er sich tagsüber, wenn die Strassen fast leer waren und nur Hauskatzen und Rentnerinnen mit Gehhilfen durch die öde Stille huschten, sogar hinausgetraute. Schliesslich muss auch ein Kriegsverbrecher gelegentlich den Müll entsorgen.

In dieser Szenerie der faden Häuserfassaden, der Tiefgaragen und des Kreisverkehrs steigerte sich nun peu à peu die Spannung in dieser Menschenjagd, die mitten hineinführte in die Ausläufer eines weitgehend vergessenen Konflikts am Rande von Europa. Der Plot war aber nicht nur politisch relevant, sondern darin auch weniger gut gemeint als in vergangenen Episoden. Und er blieb offen und spannend bis zum Schluss.

«Kriegssplitter», das war einer der besten Krimis, die man aus dem Luzerner Fernsehstundenhotel gesehen hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 21:57 Uhr

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