Wie krank ist das denn!

Ein Auto mit Sichtfenster im Boden wird im neuen Bremer «Tatort» zur Waffe. Noch abgefahrener ist nur das familiäre Szenario des Serientäters.

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Wie bei «Blue Velvet» stöhnt ein sexuell erregter Mann hinter einer Maske dem Orgasmus entgegen. Nur ist es im neuen «Tatort» keine Inhalationsmaske, sondern ein Nachtsichtgerät, das der Täter (Moritz Führmann) trägt, während er nachts und nackt in einem umgebauten schwarzen Auto auf Menschenjagd geht.

Sieht er ein mögliches Opfer, macht er die Scheinwerfer aus und treibt es in einen grausamen Tod: Mit hohem Tempo treibt das Auto den Hilfe schreienden jungen Mann vor sich her und bringt ihn zu Fall. Vorwärts und rückwärts bewegt sich dann der Wagen über den Körper. Man hört das Knacken der Knochen. Zurück bleibt ein Brei. Den Mörder befriedigt es, unbekannte und unbeteiligte Menschen unter dem Auto sterben zu sehen (ein Sichtfenster am Boden erlaubt es ihm, in voller Erregung den letzten Atemzug zu erleben).

Das Spiel zwischen Biederkeit und Bösheit ist brillant.

Da der Täter, der verängstigt und schüchtern auftritt, für den Zuschauer schon früh feststeht, muss die neue «Tatort»-Folge «Nachtsicht» Spannung anders erzeugen: Es geht um Beweise und den Vater des mordenden Malers und Lackierers, der – um seine Ehefrau zu schonen – zwanghaft auf gewöhnlich macht. Dass diese Psychokonstellation (kleinfamiliales Dreieck mit starkem Ödipuskomplex) nicht ins Banal-Seichte abdriftet, ist den starken Schauspielern zu verdanken. Ihr Spiel, das zwischen Normalität und Wahnsinn, Biederkeit und Bösheit balanciert, ist brillant.

Genauso abschreckend wie die Mordlust des Täters ist das familiäre Szenario: Wie krank ist das denn – das, was sich zwischen Vater (Rainer Bock) und Sohn, Ehemann und gehbehinderter Ehefrau (Angela Roy), Mutter und Sohn abspielt. So etwas gibt es doch gar nicht, will man einwenden – und denkt dann an reale Fälle von sadistischen Sexpraktiken (wie etwa jenen in Rupperswil), welche für das Denken und Fühlen der normalen Menschen unfassbar sind.

Auf einen unaufgeregten Montagmorgen im Büro

Nun: Dieser «Tatort» war wirklich nichts für empfindliche Gemüter – die Bilder, die Schnitte und schliesslich die fast machtlose Lage der Fahnder wirkten wenig erbaulich. Aber er war stark in seiner moralischen Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit. Wer ihn gesehen hat, weiss einen unaufgeregten Montagmorgen im Büro wieder zu schätzen. Wie beruhigend langweilige Normalität doch sein kann! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2017, 21:42 Uhr

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