Kultur
«3-D-Effekte sind oft sinnlos»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 27.10.2011 28 Kommentare
Markus Gross ist Professor am Departement Informatik der ETH Zürich und Direktor von Disney Research Zurich. Seit mehr als zwanzig Jahren ist er in der Grundlagenforschung in den Bereichen Computergrafik, Bilderzeugung und -anzeige, geometrische Modellierung und Computeranimation tätig. Vergangene Woche wurde er für seine erfolgreiche Forschungstätigkeit mit dem Swiss ICT Award ausgezeichnet, der vom Verband der Informations- und Kommunikationstechnologie vergeben wird.
Trailer von «Tim und Struppi»
Artikel zum Thema
- Quiz: «Schurken! Saufeulen! Süsswassermatrosen!»
- Spielberg tat sich schwer mit der Verfilmung von «Tim und Struppi»
- Disney: Aus Alt mach 3-D
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Markus Gross, Sie forschen am Disney
(
44.5
0.14%)
Research Center Zurich an den neusten Computertechnologien für die Unterhaltungsbranche. Woran arbeiten Sie zurzeit?
Momentan konzentrieren wir uns auf neue Kamera- und Display-Technologien, um die 3-D-Technik zu verbessern. Im Animationsbereich versuchen wir, die Animation menschlicher Gesichter zu verbessern und neue visuelle Stilrichtungen zu entwickeln. Das ist eines unserer Hauptziele. Momentan wirken animierte Gesichter noch wie ewig gleiche Gummipuppen statt wie Gemälde.
Was ist denn so schwierig an Gesichtern?
Unser visuelles System ist seit Hunderttausenden von Jahren darauf trainiert, menschliche Stimmungen von Gesichtern abzulesen. Deshalb sind wir sehr intolerant, was fehlerhafte Animationen beim Gesichtsausdruck angeht. Weil wir menschliche Bewegungen noch nicht exakt hinbekommen, wirken animierte Gesichter oft ausdruckslos, wie unter Botox.
Wie im neuen 3-D-Film «Tim und Struppi»?
Dort wurde die Performance-Capture-Technologie eingesetzt. Hierfür wird mit echten Schauspielern als Vorlage gearbeitet und versucht, deren reale Bewegungen am Computer zu simulieren. An der Produktion von «Tim und Struppi» waren wir zwar nicht direkt beteiligt, wir haben in Zürich jedoch eines der besten Performance-Capture-Technology-Systeme entwickelt, die es derzeit weltweit gibt. Damit können wir nicht nur Gesichter, sondern ganze Körperbewegungen simulieren – und das porengenau.
Warum sollte man sich denn überhaupt künstliche Figuren ansehen wollen, die wie Menschen aussehen?
Darüber wird sehr kontrovers diskutiert. Unglücklicherweise gibt es sehr viele Negativbeispiele, etwa «Polarexpress» mit Tom Hanks als Vorlage. Die Gesichter wirken starr und unlebendig. Sinn macht Performance Capture in Filmen, die einen grossen Zeitraum behandeln, wie etwa bei «Tron: The Next Day». In diesem Film ist der Schauspieler Jeff Bridges verjüngt worden, allerdings wirkt auch dieses Gesicht nicht perfekt. «Avatar» war der bisher beste Performance-Capture-Film. Da in diesem Film jedoch humanoide Aliens als Vorlage genommen wurden, ist die Akzeptanz grösser ist als bei menschlichen Animationen, wo die Toleranzschwelle sehr niedrig ist.
Wieso?
Wenn man die Performance Capture nicht nur auf Gesichter, sondern auch auf Körper anwendet, tritt irgendwann der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt ein. Wirkt die Bewegung eines synthetischen Charakters beinahe menschlich, findet man das anfangs toll. Irgendwann bricht die emotionale Verbindung zum Wesen jedoch ab. Um dann wieder Unterscheidungen zur Realität hinzubekommen, ist ein riesiger Aufwand nötig.
Auch bei der 3-D-Technologie gibt es mehrere Negativbeispiele, der seit langem angekündigte Boom hat sich ebenfalls noch nicht durchgesetzt. Die Akzeptanz von 3-D scheint nicht allzu gross zu sein.
Jeder schlechte 3-D-Film ist ein Rückschlag für die Industrie, und es ist in der Tat so, dass Zuschauer eher zu den 2-D-Versionen tendieren und die 3-D-Filme weniger erfolgreich sind, als man sich dies vielleicht erhofft hat. Allerdings wurde bisher schon sehr viel in die Technologie investiert, auch im Bereich Home Entertainment und bei der Consumer-Elektronik. Ich persönlich glaube, dass sich 3-D durchsetzen wird.
Manchmal scheint es, dass auf Biegen und Brechen eine 3-D-Version produziert wird, die dann jedoch unbefriedigend ist. Bei welchen Filmen macht 3-D überhaupt Sinn?
Die Technologie muss immer dazu beitragen, eine Geschichte besser erzählen zu können. Die klassischen 3-D-Filme von Pixar oder Dreamworks sind erfolgreich, weil sie gleichermassen von der Geschichte und den visuellen Umsetzungen leben. Hierbei wird übrigens absichtlich darauf geachtet, dass die Gesichter der Figuren nicht allzu menschlich wirken. Die Schöne in «Die Schöne und das Biest» hat etwa übergrosse Augen und keine humanoiden Züge. Das einzige Manko ist, dass die Bildsprache immer dieselbe bleibt. Daneben gibt es Filme, die von der Ausdrucksstärke der Schauspieler leben, wie etwa «The Kings Speech». Das wäre kein geeigneter Film für 3-D-Effekte. Auch bei «Conan the Barbarian» ist 3-D überflüssig. Selbst bei «Pirates of the Carribean» kann man sich fragen, ob die 3-D-Effekte Sinn machen, da der Film hauptsächlich von Johnny Depp lebt.
Was ist mit den 3-D-Neuauflagen von Disney-Klassikern?
Bei «Lion King» wirkt sich die zusätzliche visuelle Dimension sehr positiv aus, wie ich finde. Diese Konversion von 2-D auf 3-D ist jedoch nicht einfach zu bewerkstelligen, weil sich die 2-D-Künstler typischerweise nicht an die Regeln der perspektivischen Projektion halten und die Bilder oftmals verschiedene Fluchtpunkte haben. Das macht die Konversion enorm schwierig und teilweise unmöglich.
Wie sieht es auf der TV-Ebene aus?
Wir arbeiten daran, Sport lebendiger darzustellen. Unsere ETH-Spin-off-Firma Libero Vision, die inzwischen von einer norwegischen Firma aufgekauft worden ist, ermöglicht virtuelle Kameraflüge durch das Sportstadion. Damit kann man den Bullet-Time-Effekt erreichen, den wir von «The Matrix» kennen. Dadurch wird dem Zuschauer eine bessere Perspektive ermöglicht. Ausserdem wird dreidimensionales Fernsehen bald ohne spezielle Brille möglich sein. Ich glaube jedoch nicht, dass man in Zukunft alles auf 3-D anschauen wird, höchstens gezielte Sendungen wie Sportübertragungen oder ausgewählte Filme.
Eingangs haben Sie als positives Beispiel «Avatar» genannt. Womit kann das Kinopublikum als Nächstes rechnen?
Die Technologie, die bei «Avatar» verwendet wurde, ist gut, aber noch lange nicht die bestmöglichste. Ziel ist es, echte Gesichter statt Aliens als Vorlage zu nehmen und damit dasselbe zu erreichen wie bei «Avatar». Dazu sind jedoch noch ein paar Schritte nötig. Aber wir sind an dieser Entwicklung dran.
Konkret?
In etwa drei Jahren.
Ihre Faszination scheint ungebrochen zu sein.
Das ist sie. Zudem sind die Probleme sehr nachhaltig und nicht innerhalb von ein paar Monaten zu lösen. Es liegen noch viele Jahre mit spannender Arbeit vor mir.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.10.2011, 14:55 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
28 Kommentare
Was soll diese Reduktion auf das Technische?
Hollywood produziert so oder so fast nur intellektuell anspruchsloses Material. Hollywood macht Filme für die Masse, und nicht für die Klasse.
Ein Film wird auch durch die beste Animationstechnik und noch so gute Schauspieler nicht besser wenn der Inhalt nicht stimmt.
Ich betrachte den ganzen Hype um die Technik als reines Ablenkungsmanöver.
Antworten
Vor allem erfordert 3D eine völlig andere Bildsprache und Schnitttechnik. Schnelle Gegenschnitte, die heute in vielen Filmen für Rasanz sorgen, sind in der 3D-Darstellung kontraproduktiv, weil sie im "wirklichen Lleben" nie vorkommen und beim Zuschauer nicht für entzücken, sondern erbrechen sorgen.
Nicht umsonst kann man schon 3D-zu-2D-Brillen kaufen, die Kino trotz 3D wieder erträglich machen ...
Antworten
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


Bitte warten






