Kultur
Auf den Spuren des Pizzamanns
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 21.12.2011 1 Kommentar
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Die Affiche zu «Hotel Desire» war aufregend, wurde einem doch der Heilige Gral des Filmschaffens in Aussicht gestellt: Ein Pornofilm mit Handlung. Der zwar «echten Sex» zeigt, aber nicht ordinär ist. Als «PorNeo» war der 40-Minüter denn auch beworben worden, die Medien berichteten entsprechend ausgiebig (siehe Linkbox).
Allerdings gibt sich «Hotel Desire» nun ziemlich brav. Zwar ist zu sehen, wie Finger zwischen Schamlippen rutschen und wie sich ein Penis zwischen Pobacken senkt. Wo Pornos sich auf die Penetration konzentrieren, schneidet der Film schnell und oft auf andere Details, Gänsehaut auf Schenkeln etwa oder den Lichteinfall im Hotelzimmer.
Der gute alte Pizzamann
Zuvor wird die Geschichte der alleinerziehenden Antonia erzählt, die seit der Geburt ihres Sohnes vor sieben Jahren keinen Sex mehr hatte. Nun jobbt sie als Zimmermädchen in einem Hotel, wo es zum Sex mit einem blinden Gast kommt, der nackt aus der Dusche tritt. Ejakuliert wird nicht, zumindest nicht sichtbar, nach dem Höhepunkt wird auf die Zigarette danach geschnitten.
Ist das dramaturgisch nun origineller als der gute alte Pizzamann, der an der Tür klingelt, um eine einsame Hausfrau zu beglücken? Kaum. Ist die Inszenierung neu? Nein, feministische Pornos nehmen sich ähnlich aus. Und Studiofilme wie «Romance» oder «Baise-moi» zeigten schon vor Jahren verschämt gefilmte Penetrationen. Etwa Michael Winterbottom mit «9 Songs», der den Spagat zwischen Porno und Arthouse hinlegen sollte. Ausserdem hob der deutsche Film «Bedways» die Angelegenheit kürzlich auf die Metaebene, indem er von einem Filmdreh erzählte, bei dem die Grenzen zwischen gespieltem und echtem Sex verwischen.
Allerweltsbedürfnis nach Sex
Auch Skandalregisseur Lars von Trier kündigt für seinen nächsten Film explizite Sexszenen an. In «Nymphomaniac» werde er die sexuelle Entwicklung einer Frau von der Geburt bis zu ihrem 50. Lebensjahr darstellen. Es werde ein Film mit viel Sex und ebenso mit viel Philosophie und Handlung. Klingt spannend – doch nicht immer sind Versuchsanordnungen von künstlerisch wertvollen Sexfilmen so intelligent, wie sie im Beschrieb klingen. Oft gilt gerade bei expliziten Arthousefilmen: Wenn kein Geld und Publikum vorhanden ist, dann probiere man es mit Provokation. Die Regisseure streiten das freilich ab und verweisen auf die Literatur, wo Liebesgeschichten durchaus mit expliziten Sexszenen daherkommen dürften.
Auch der «Hotel Desire»-Regisseur sagt, er habe für das Allerweltsbedürfnis nach Sex endlich einen adäquaten Ausdruck im Film finden wollen. Zumindest die Statistik gibt ihm Recht: Offenbar denken Frauen über den Tag verteilt im Schnitt alle 60 Sekunden an Sex, Männer alle 52 Sekunden. Bloss gehen dann zumindest Letztere zur Triebbefriedigung ins Internet auf Sex-Sites. Denn die Pornos, die sie dort sehen, sind zweckgebunden, sie zeigen, was die Konsumenten sehen wollen. Wozu also ein Kunstporno? Und wer soll sich das anschauen? Es ist doch so: Wie will man einen künstlerisch wertvollen «Pornofilm mit Handlung» hinkriegen, wenn es im klassischen Porno darum geht, Settings zu erfinden und Fantasien zu bedienen, die möglichst nicht mit der Realität zu tun haben dürfen?
«Los, hol die Butter!»
Was aber ist mit jenen Filmen, die eine Geschichte erzählen und dabei pornografische Elemente verwenden? Etwa Lars von Triers «Antichrist», wo der Akt samt Genitalien gezeigt wird? Ist das Kunst? Oder sind das letztlich gar keine Porno-, sondern Sexszenen? Will heissen: Geht es im Porno gar nicht um Sex – und damit nicht um eine erfahrbare und darstellbare Sache?
Das wären natürlich schlechte Nachrichten für ambitionierte Filmemacher, die den ersten künstlerisch wertvollen Pornofilm drehen wollen. Aber vielleicht sind solche Filmemacher sowieso zu versessen darauf, gnadenlos realistisch zu beschreiben, was wohin gehört. Dabei geht vergessen, dass sich Sex vor allem im Kopf abspielt. Das wusste schon Bernardo Bertolucci. In seinem Skandalfilm «Der letzte Tango in Paris» liess er Marlon Brando vor dem Analsex mit Maria Schneider sagen: «Los, hol die Butter!»
Dem wiederum würden Sabine Fischer und Sandra Lichtenstern wohl nicht zustimmen. Die Basler Designerinnen wagen sich auf kreative Art und Weise ans Thema Pornofilm: Unter dem Label «Glory Hazel» haben sie Szenen aus 70er-Jahre-Pornos gesammelt und zu einer Collage zusammengefügt. Die beiden Frauen sehen in Pornofilmen ein riesiges Potenzial für ästhetische Darstellungsweisen. Allerdings räumen auch sie in Interviews ein, dass sie keine Künstlerinnen seien - sonst müssten sie ihr Publikum zum Nachdenken anregen. Das Ziel sei aber dasselbe wie beim klassischen Porno: Die Leute zum Masturbieren bringen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.12.2011, 11:06 Uhr
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1 Kommentar
Es braucht nicht unbedingt echte Porno-Szenen um den Zuschauer "spitz" zu machen, Basic Instinct ist doch da ein gutes Beispiel. Früher hatten die Filme sowieso viel mehr Sex-Szenen, heute gibt es einen Kuss und Schnitt... nächste Szene.
Aber ein Film mit echten Sex, wo auch alles gezeigt wird, aber auch mit guter Handlung, würde bestimmt gut ankommen. Leider aber nicht Familientauglich!
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