«Clinton könnte zu einer echten Gefahr werden»

baz.ch/Newsnet-Autor Jean-Martin Büttner traf Oliver Stone in Zürich zum Interview. Warum sich der Starregisseur Sorgen macht, dass Hillary Clinton Präsidentin wird.

«Ich frohlocke nicht über ein Amerika, das verliert»: Regisseur Oliver Stone in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

«Ich frohlocke nicht über ein Amerika, das verliert»: Regisseur Oliver Stone in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

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Sie haben mit Edward Snowden etwas gemeinsam, der Hauptfigur Ihres neuen Films: Sie beide glauben an die amerikanische Verfassung.
Wie die meisten Amerikaner kannte ich sie bloss von der Schule her. Aber als all die unheimlichen Sachen über unseren Nachrichtendienst bekannt wurden, las ich sie nach. Edward Snowden ist ein Pfadfindertyp, im Gegensatz zu mir, und er kannte die Verfassung sehr wohl. Er kommt übrigens aus einer Soldatenfamilie. Sowieso sind wir beide sehr unterschiedlich. Er ist nicht der Typ, mit dem ich herumhängen würde. Doch ich war beeindruckt von seiner Offenheit und seinen Überzeugungen. Er sieht Amerika bedroht von der Willkür seiner Regierung. Und er hält auch die Redefreiheit für gefährdet, weil ein solcher Überwachungsstaat in die Tyrannei führt. Das Einzige, das dann noch in der Verfassung bleibt, ist das Recht auf Waffenbesitz. (lacht)

Nachdem Laura Poitras einen Dokumentarfilm über Edward Snowden und seine Enthüllungen gedreht hatte: Warum brauchte er noch einen Spielfilm?
Er brauchte ihn nicht, und ich hatte auch kein besonderes Interesse daran. Aber er nahm mich wunder, also traf ich mich mit ihm. Und je länger ich mit ihm redete, desto mehr erzählte er mir, wie sehr sich der amerikanische Nachrichtendienst hin zu einer totalen Überwachung entwickelt hat – inklusive der Überwachung unserer Bündnispartner. Das fand ich beängstigend.

Snowden ist introvertiert und scheu, keine typische Figur für Sie. War das eine Herausforderung?
Nein, denn ich bin an der Geschichte interessiert, nicht an einem Charakter. He’s a pure kid, er ist unverfälscht. In gewisser Weise erinnert er mich an Ron Kovic, dessen Buch «Born on the 4th of July» ich verfilmt habe. Er war ahnungslos, als er nach Vietnam ging, ein Candide.

Trailer zu «Born on the 4th of July». (Quelle: Youtube)

Sehen Sie etwas von sich selber in Edward Snowden?
Auch ich war gutgläubig, als ich nach Vietnam ging, ich wusste nicht, was die amerikanische Regierung plante, das wurde mir alles viel später bewusst. Richtig klar wurde es mir während der Reagan-Jahre, durch seine Politik in Mittelamerika. El Salvador, Nicaragua, Honduras.

In Ihrem Film schmuggelt Snowden die Daten in einem Rubik-Würfel aus dem Hochsicherheitsgebäude. Stimmt das Detail?
Edward wollte nicht sagen, wie er es getan hatte, um seine Kollegen zu schützen. Ich habe gehört, dass die NSA 17 Leute entlassen hat, nur weil sie Snowden gekannt haben. Er ist das moralische Gewissen einer ausgesprochen amoralischen Organisation.

Was geschieht mit Amerika, wenn Donald Trump Präsident wird?
(lacht) Ihr Europäer fragt immer nach Donald Trump. Und überseht dabei die wirkliche Story. Erstens wird Trump nicht gewählt, zweitens sollte Hillary Clinton euch weit mehr beschäftigen. Sie befürwortet Machtwechsel in allen Ländern, die den USA nicht passen. Sie hat schon die Contras in Nicaragua unterstützt und hat wiederholt Bombardierungen von Ländern gutgeheissen. Sie hat Putin mit Hitler verglichen. Sie will noch mehr Waffengeld nach Israel schicken. Und sie hat nie für irgendetwas die Verantwortung übernommen. Trump ist ein gefährlicher Irrer, aber Hillary Clinton könnte zu einer echten Gefahr werden. Passt auf, Europäer.

Welcher amerikanische Präsident wollte je den Frieden ausser vielleicht Jimmy Carter.
Ich behaupte, dass John F. Kennedy sich in diese Richtung hin entwickelte. Er wollte kein stärkeres Engagement in Vietnam, er nahm die atomare Abrüstung ernst. Carter versuchte es immerhin, da haben Sie recht.

Barack Obama wird Edward Snowden nicht begnadigen, sowieso hat er sich immer scharf gegen Whistleblower ausgesprochen. Was denken Sie, warum er so denkt?
Er versprach ja eine transparente Regierung und redete davon, dass es keine illegale Abhöraktionen geben dürfe. Präsidenten lügen, Regierungen lügen. Nur so können sie ihre Absichten umsetzen.

Wie sehen Sie Edward Snowdens Zukunft?
Düster. Armer Kerl. Obwohl er von sich sagt, er sei befriedigt. Denn er kam viel weiter, als er je gedacht hatte. Ed hatte befürchtet, der «Guardian» würde die Geschichte gar nicht erst bringen können. Er sagte auch voraus, dass die Amerikaner über die Vorgänge beim Nachrichtendienst informiert sein würden, aber nichts dagegen unternähmen. Er hatte recht. Die Amerikaner tauschen bereitwillig Freiheiten gegen das Versprechen von Sicherheit ein. Das hatte schon Adolf Hitler den Deutschen versprochen.

Aldous Huxley hat geschrieben, der Kapitalismus funktioniere auch deshalb so gut, weil er die Leute für ihre Apathie belohne.
Er hatte recht, das amerikanische Fernsehen ist das beste Beispiel dafür. Im französischen Fernsehen zum Beispiel wird der Krieg in Syrien drastisch gezeigt, bei uns wird alles herausgefiltert. Ich registriere eine Disneyisierung unserer Kultur. Auch bei den Zeitungen stelle ich fest, dass der Recherchejournalismus immer weniger gefördert wird.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien? Vulgarisieren sie nicht die Demokratie?
Nein, im Gegenteil: Man bekommt über diese Kanäle viel mehr mit. Ich weiss nicht, wie es um die Fakten bestellt ist, aber ich bekomme sehr viele andere Meinungen zu lesen dank der Artikel, welche die Leute mir über Facebook zuschicken.

Kein amerikanisches Studio war bereit, Ihren Film zu finanzieren. Wovor hatten die Angst?
Sie sagen es einem natürlich nicht, also erfährt man den wahren Grund nie. Dabei waren die ersten Reaktionen gut. Man mochte das Drehbuch, die Besetzung, fand das Budget vernünftig. Aber als unsere Anfrage die Etagen erreichte, wurden die Anwälte zugeschaltet. Immerhin hat sich noch Open Road engagiert, eine kleine, aber gute Firma. Sie hat den Film «Spotlight» mitfinanziert.

«Snowden»-Trailer. (Quelle: Youtube)

Sie scheinen sehr an amerikanischen Niederlagen interessiert zu sein. Davon jedenfalls handeln viele Ihrer Filme. Warum?
Weil es halt so ist. Vietnam war ein Desaster, ein Gemetzel mit dreieinhalb Millionen toten Vietnamesen. Dazu kamen Laos und Kambodscha. Ich frohlocke nicht über ein Amerika, das verliert, ich wünsche mir ein sicheres Land, das gegen Terroristen vorgeht, anderen Ländern beim Aufbau hilft und der eigenen Bevölkerung ein gutes Gesundheitswesen bietet, eine gute Erziehung. Denn die ist ja zum Verzweifeln.

Wie wird man wohl in zwanzig Jahren über Barack Obama urteilen?
Schlecht. Er hat die globale Überwachung ausgeweitet. Und er war kein friedliebender Präsident. Allerdings wird Hillary Clinton noch schlimmer sein.

Joseph Gordon-Levitt und Oliver Stone auf dem grünen Teppich. (Video: Lea Blum und Vanessa Simon)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2016, 21:32 Uhr

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