Kultur
Der feministische Macho
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 16.01.2012 7 Kommentare
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Männer haben es vierzig Jahre nach der Frauenbewegung wahrlich nicht leicht. Zum Beispiel müssen sie sich Artikel gefallen lassen wie derjenige der Jungautorin Nina Pauer, welcher jüngst in der «Zeit» erschienen ist. Die Autorin diagnostizierte die Krise der jungen Männer, die in ihrer Rolle verunsichert und in ihrem Verhalten nicht mehr genehm seien: «Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich, melancholisch und ratlos», schreibt Pauer.
Eine Alternative sei nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Suche nach dem neuen Mann habe «inzwischen groteske Züge angenommen». Das eigene Leben «reflektierend und ständig bemüht, sein Handeln und Fühlen sensibel wahrzunehmen», verheddere sich der Mann «auf einer ewigen Metaebene». Kurz: Frau Pauer findet, der neue Mann sei irgendwo falsch abgebogen und ein bisschen mehr «Männlichkeit» würde ihm gut stehen.
Westernheld im Auto
Ja, wie jetzt? Machokultur ist verpönt, und trotzdem soll der Mann wieder Zuflucht im alten Klischee suchen? Oder gibt es einen dritten Weg? Vielleicht. Dies legt zumindest Nicolas Winding Refns Film «Drive» nahe, der den klassischen Westernheld als neuen Held der Innerlichkeit reinterpretiert. Im Zentrum der Geschichte steht ein namenloser Fahrer, der bei Tag Stunts hinter dem Steuer vollführt und nachts als Chauffeur für Einbrecher arbeitet. Auf den ersten Blick entspricht der von Ryan Gosling mit grandiosem mimischen Minimalismus gespielte Fahrer dem klassischen Westernheld, der konsequentesten Verkörperung des männlichen Klischees: kernig, kompromisslos und kugelsicher. Ein einsamer Wolf, wortkarg, verschlossen, ohne Herkunft und Geschichte. Nicht mal einen Namen hat er.
Er spricht nicht viel, unser Held. Doch wenn er es tut, dann zeigt er sich überraschend sensibel und gefühlsbetont – letztlich lässt er auch seine Handlungen von Gefühlen bestimmen. Der einsame Wolf freundet sich mit seiner Nachbarin Irene an, einer Mutter mit einem fünfjährigen Sohn. Ihr Mann steckt im Gefängnis, sie ist allein. Der Fahrer trägt ihr die Einkäufe hoch, sie bietet ihm ein Glas Wasser an. Sie blicken sich tief in die Augen. Ganz der Feminist, will er Irene nicht in Verlegenheit bringen und überlässt die Initiative der Frau. Mehr als Händchenhalten liegt dann leider nicht drin. Nina Pauer würde das bitterlich beklagen. «Flirten, umwerben, erobern ist nichts für die Metaebene», ruft sie den jungen Männern zu. Das Problem ist bloss, dass beim Erobern immer auch jemand erobert wird. Und im Sinne der Gleichstellung sollte derjenige auch bereit sein, erobert zu werden.
Der einsame Kämpfer
Der Westernheld war immer eine Figur des Übergangs, ein gewöhnlicher Mann, dem Übermenschliches aufgegeben ist, situiert an der Schnittstelle zweier einander widersprechender Prinzipien: Zivilisation und Wildnis. So auch der Fahrer. Für die Zivilisation steht Irene, von der er sich gerne domestizieren lassen möchte. Die Wildnis wird verkörpert durch das organisierte Verbrechen, mit dem unser Held wider Willen zu tun bekommt. Doch Gosling verkörpert noch einen anderen Übergang: den vom männlichen Klischee in eine neue männliche Rolle, in der Sensibilität und Durchsetzungskraft sich nicht ausschliessen. Ja, in der die Sensibilität der Durchsetzungskraft den Weg weist.
Doch Gosling hat den Typus weiterentwickelt. Zwar gibt er seine Gefühlswelt nicht mit Worten preis. Aber seine Handlungen zeigen, dass er, der Heimatlose, gern zivilisiert werden möchte. Allerdings stösst nicht mehr der Mann in die Wildnis vor, sondern diese sucht ihn, der eigentlich in Ruhe gelassen werden möchte, heim. Was ihn in die Rolle des Grenzgängers drängt. Das Bedürfnis nach Heimat, Frau und Kind ist im Film bezeichnenderweise ganz von romantischen Motiven losgelöst, ein reines Ideal. Denn als Irenes Gatte wieder auftaucht und seinen Platz in der Familie beansprucht, wird der Fahrer erst richtig in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. Da der Mann Kontakte mit der Mafia hat, geraten Irene und ihr Sohn in Gefahr, worauf der Fahrer sich einschaltet, um dem Mann zu helfen und die Familie zu beschützen. Was ihn letztlich ins Verderben stürzt.
Die Botschaft ist klar: Der Fahrer als Figur, vor allem aber Ryan Gosling als Schauspieler, vereinigt in sich die mythischen Widersprüche des neuen Mannes, der sowohl einfühlsam und sensibel ist, im Zweifelsfalle aber auch entschlossen, ja sogar brutal sein kann, wenn es die Umstände erzwingen. Nicht umsonst wird Gosling gern als Feminist porträtiert, am bekanntesten im «Hey Girl»-Blog, der ganz Goslings «feministischer Seite» gewidmet ist – ohne die männliche zu verleugnen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.01.2012, 12:34 Uhr
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7 Kommentare
Wieso ist das eigentlich so schwierig mit den Rollen, und weshalb schwieriger für den Mann? Wir alle spielen verschiedene Rollen in verschiedenen Kontexten. In der gesellschaftlichen Rolle braucht es Gleichstellung. Da geht es um Konstrukte und Konditionierungen. Das findet im Kopf statt.
Im und auf dem Weg zum Schlafzimmer geht es um Körper. Da will man Unterschiede.
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