Kultur

Der grosse Verlierer applaudiert brav seiner Ex-Frau

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 08.03.2010 17 Kommentare

Unmotivierter Applaus, umwerfende Kleider und Blamagen auf dem roten Teppich: die Highlights und Tiefpunkte der Oscarnacht.

1/24 Historischer Moment: Kathryn Bigelow nimmt von Barbara Streisand als erste Frau einen Oscar für die beste Regie entgegen.
Video: Reuters

   

«Hurt Locker» top, «Avatar» Flop. So das Fazit der diesjährigen Oscars. Weil die News-Relevanz von Oscar-Gewinnern aber schneller schwindet, als das Make-up der aufmarschierten Diven, wollen wir uns hier den ungeklärten Fragen von Hollywoods grosser Nacht widmen. Zum Beispiel, ob die notorische Oscar-Poserin Heidi Klum wieder auflief. Tat sie zum Glück nicht, zumindest wurde sie nicht gefilmt. Stattdessen sahen wir die Deutsche in jeder Pause im Werbeblock auf Pro Sieben. Ein guter Grund, die Show auf dem ORF zu verfolgen.

Wie jedes Jahr erfüllte es einen mit Schadenfreude zu sehen, wie die Weltstars sichtlich nervös über den Teppich defilierten. Und wie sie auf ihrem Weg ins Kodak Theatre an den Wegelagerern der Fernsehstudios vorbei mussten, die ihnen dümmliche Komplimente an den Kopf warfen. Wobei die US-Journalisten den deutschen Teppich-Reporter Steven Gätjen von Pro Sieben direkt philosophisch aussehen liessen: «You’re so amazing» war das Einzige, das ihnen angesichts so viel Starpower einfiel. Auch Gätjen fiel zuweilen aus dem Konzept: Als James Cameron in der Nähe auftauchte, unterbrach er ein paar deutsche Nobodys nach einem halben Satz brutal und schickte sie weg. Auf den «Avatar»-Regisseur folgte Michael Haneke. Der Österreicher fand, dass die Oscars vor allem «sehr laut sind», der wichtigste künstlerische Preis für ihn aber jener von Cannes sei.

Die erste Überraschung

Zum Auftakt der Zeremonie feuerten die Moderatoren Steve Martin und Alex Baldwin ein paar einstudierte Witze über Anwesende ab. Zum Beispiel setzten sie sich 3D-Brillen auf, als sie James Cameron im Publikum entdeckten. Naja. Ähnlich unoriginell verlief die erste Entscheidung. Favorit Christoph Waltz gewann in der Kategorie «Bester Nebendarsteller», die von Penelope Cruz präsentiert wurde. Waltz auf der Bühne: «Oscar and Penelope. That's an über-bingo.»

Danach endlich eine kleine Überraschung: Quentin Tarantino ging beim Drehbuch-Oscar leer aus. Es gewann Marc Boal, der Autor von «The Hurt Locker». Leider fing die Loser-Cam den ehrgeizigen Tarantino im Augenblick der Niederlage nicht ein. Es folgten ein paar unbedeutende Kategorien, was auch jeweils am unmotivierten Applaus des Publikums zu erkennen war. Sowie den zittrigen Stimmen der Gewinner, die vor der versammelten Hollywood-Prominenz zu implodieren drohten.

Gelungen war der Auftritt von Ben Stiller, der als Na'vi verkleidet antrat und «Avatar» durch den Kakao zog. Und erst Charlize Theron! Die Südafrikanerin war zwar nicht witzig – dafür die grösste Augenweide des Abends. Ihr schwanenhaftes, lila Kleid gab die nötige Kraft, die gefühlten 500 Werbepausen zu überstehen. Auch ein Zusammenschnitt der besten Horrorfilme aller Zeiten diente wohl diesem Zweck.

Clooneys Flirt

Letztes Jahr versuchte man anhand einer wenig glamourösen Show die Wirtschaftskrise zu reflektieren. Auch heuer entschied sich das OK für einen Abend ohne nennenswerte Showeinlagen. Eigentlich ein weiser Entscheid. Bloss: Wie die Laudatoren und Gewinner auf und von der Bühne hetzten, war irgendwie auch nicht das Gelbe vom Ei. Gut also, gewann irgendwann die Öko-Doku «The Cove». Ex-Flipper-Trainer Ric O'Barry nutzte die Gelegenheit, auf der Bühne eine Botschaft zu entrollen: «Sende Dolphin an 44144» stand darauf. Es sollte der Gipfel an Spontaneität bleiben.

Vera Farmiga («Up In The Air») machte in ihrer Ansage Filmpartner George Clooney schöne Augen: «Mr. Foxy Fox». Hm, das knisterte ziemlich – lief da etwa was während der Dreharbeiten? Doch der Dämpfer folgte für Clooney umgehend, der Oscar für den besten Schauspieler ging an Jeff Bridges. Dieser überzog seine Dankesrede, aber das ging in Ordnung. Sein Auftritt, eine Mischung aus The Dude und Balu der Bär, war sehr sympathisch. Ebenso Sandra Bullock, die es beinahe schaffte, als erste Oscar-prämierte Darstellerin nicht zu weinen. Aber eben nur fast. Action-Regisseurin Kathryn Bigelow hingegen blieb trocken, als sie (als erste Frau überhaupt) für die beste Regie ausgezeichnet wurde – der inzwischen fünfte Oscar für «The Hurt Locker» (Bigelow hätte übrigens auch eine weitere Auszeichnung verdient: Die am besten aussehende 60-Jährige).

Die Entscheidung

Dann stand die Entscheidung der Entscheidungen an. Würde man «Avatar» auszeichnen – den Film, der Hollywood als technisch innovativ und finanziell robust aussehen lassen würde? Oder «The Hurt Locker» – dieses deprimierende Kriegsdrama, lediglich knapp profitabel, aber mit viel Kritiker-Lorbeeren bedacht? Doch für solche Überlegungen blieb keine Zeit. Nachdem sich die Show über Stunden dahingeschleppt hatte, ging plötzlich alles sehr schnell. Tom Hanks kam auf die Bühne, murmelte was von «Casablanca», öffnete ein Couvert und verkündete «The Hurt Locker» zum besten Film. «Diese Show war so lang, dass Avatar nun in der Vergangenheit stattfindet», witzelte Steve Martin noch.

Der Megablockbuster, der angeblich die Zukunft des Kinos vorwegnimmt, wurde von einem Low-Budget-Kriegsfilm in die Schranken verwiesen. Die harte Realität hat der virtuellen eins ausgewischt. Obwohl Publikumsmagnete wie «Avatar» besser für die serbelnde TV-Zuschauerquote der Oscarnacht sind, hat sich die Academy gegen den Film entschieden. Stattdessen setzte man den Trend, kleinere Produktionen auszuzeichnen, fort. Wohl auch weil «Avatar» nach seinem fulminanten Start Federn lassen musste: Sogar Fans bezeichneten Story und Botschaft des Films zuletzt als naiv. Regisseur James Cameron nahm die Niederlage scheinbar gelassen, brav applaudierte er seiner Ex-Frau Kathryn Bigelow. Wer weiss, vielleicht ärgerte er sich zuhause - grün und blau.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2010, 15:22 Uhr

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17 Kommentare

Eric Zeller

08.03.2010, 09:57 Uhr
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Ein bissiger und gerade darum so treffender Kommentar. Besten Dank! Antworten


Andre Wymann

08.03.2010, 10:04 Uhr
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Auch wenn Avatar als der grosse Verlierer "gefeiert" wird, James Cameron hat wieder einmal Pionierarbeit geleistet (u.a Abyss, Terminator 2) und das Genre auf eine neue Ebene gehievt. Antworten




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