Kultur

Di Caprio jagt den arabischen Bösewicht

Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 19.11.2008

«Body of Lies» ist Ridley Scotts Diskussionsbeitrag zum amerikanischen Krieg gegen den Terror. Ein konventioneller Geheimdienst-Thriller.

Leonardo DiCaprio muss als Frontsoldat des US–Geheimdienstes in der arabischen Welt ein Bin-Laden-artiges Geschöpf jagen.

Leonardo DiCaprio muss als Frontsoldat des US–Geheimdienstes in der arabischen Welt ein Bin-Laden-artiges Geschöpf jagen.

Der Film

Body of Lies (USA 2008). 128 Minuten.
Regie: Ridley Scott. Nach einem Roman von David Ignatius. Mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe u. a.

Wenn das Wünschen helfen würde, wäre «Body of Lies», der neue Spielfilm von Ridley Scott, bereits auf dem Weg, ein amerikanischer Historienfilm zu werden: Die Ära Bush, diese Hochzeit des Zynis­mus und der martialischen Kabinettspoli­tik, treibt ja auf ihr ruhmloses Ende zu. Ba­rack Obama, der neu gewählte Präsident, ist von den Geheimdienstkadern bereits in die grössten Geheimnisse eingeweiht wor­den. Und wenn die Heilserwartung nur ein bisschen etwas mit einer wirklichen Zu­kunft zu tun hat, wird sich die paranoide Parallelwelt der Geheimdienste mit ihren ungeheiligten Zwecken und Mitteln wie­der der realen Welt und ihrem Bedürfnis nach Anstand annähern. Aber das Wün­schen hilft halt selten. Darum kann (oder muss) «Body of Lies» vorläufig noch als sehr gegenwärtiges Abbild geheimdienst­licher Zustände, insbesondere des morali­schen «State of the Art» gelten.

Andererseits sind wir hier wahrschein­lich dabei, eine geahnte Realität mit Kino zu verwechseln, und vielleicht hat dieses mit jener dann wieder einmal gar nichts zu tun. Dass ein Film in terroristischen Zeiten vom Krieg gegen den Terrorismus handelt und vom Verlust aller Menschlichkeit und Rechtsordnung, garantiert noch nicht eine genaue realistische Dramatik. Es könnte auch nur die Pose einer Industrie sein, die ihre Nase im Wind hat, aber sich doch nicht besonders weit aus dem Fenster lehnt. Auf der Höhe der Zeit zu sein ist da weniger ein künstlerisches Engagement als gewissermassen eine tägliche Routine. Sie hat es zu einer Meisterschaft darin ge­bracht, alte Muster der moralischen Senti­mentalität fast wie neu aussehen zu lassen.

Fremdes Pulver verschossen

Schlecht müssen die Filme, die dank ihr entstehen, nicht sein. «Body of Lies» mischt das terroristische und antiterroris­tische Wirken sogar äusserst gekonnt zu einem Drama von der Hysterie heiliger Kriege. Aber es hat auch etwas von immer wieder gewendeten Kleidern: Irgendwann wird so ein Spannungstextil etwas faden­scheinig. Oder anders gesagt, man darf von Ridley Scotts Film nicht erwarten, dass er das Pulver, das er verschiesst, auch erfunden hat.

Womöglich ist von Scott das Pulverer­finden überhaupt nicht mehr zu erhoffen. Es gibt da Grund zum Pessimismus, weil dieser eminente und einst stilbildende Könner nun schon seit Jahren in der Rou­tine verharrt und mit einer Art seelenlosen Nostalgie grosse Filmmythen pflegt: die Gladiatoren («Gladiator», 2000), die Kreuzfahrer («Kingdom of Heaven», 2005), im letzten Jahr das amerikanische Gangstertum mit seinem kriminellen Sinn für Ehre («American Gangster») und in diesem jetzt die CIA im Wahnsinn einer legalen Ehrlosigkeit.

Wir haben es in «Body of Lies» mit dem bekannten Fall von antiheroischem He­roismus zu tun und mit der mechanischen Dialektik von guter Absicht und böser Tat: Da ist ein Frontsoldat des US-Geheim­dienstes, Roger Ferris (Leonardo DiCa­prio), eingetaucht in die arabischen Kultu­ren des Irak oder Jordaniens, ein Profi der Informationsbeschaffung (man traut ihm auch ein massvolles Foltern zu), aber in diesem verlogenen Drecksberuf zerrissen zwischen Pflichten und Loyalitäten und mit einer geheimdienstlich unbrauchba­ren Neigung, das Sterben von Freunden persönlich zu nehmen.

Da ist ein zweiter Agent, Ed Hoffman (Russell Crowe), Ferris’ Boss, hilfreicher Kollege, wenn es ihm passt, und Widersa­cher, wenn es für die nationale Sicherheit (ein Lieblingsbegriff der politischen Un­moral) sein muss; der betrachtet die Aktio­nen an der überseeischen Front dank haar­scharfer Satellitenbilder von zu Hause aus und buchstäblich von oben und hat des­halb kein Gefühl für solche Trivialitäten wie ein schlechtes Gewissen.

Und dazwischen sozusagen «der Ter­ror», verkörpert durch einen islamisti­schen Schemen namens al-Saleem, kaum noch Mensch, sondern nur fanatische Ei­genschaft. Die Legitimität der Jagd auf ihn ist nicht zu bestreiten und wird nicht be­stritten. Die für «Body of Lies» gültigen dramatischen Regeln sehen nicht vor, dass so einem Bin-Laden-artigen Konstrukt mehr zugestanden wird als ein pathologi- sches Wesen und ein Moment brutales Geschwätz, bevor es DiCaprio den Finger zertrümmert.

Originelle Umwege bei aller Routine

Scotts Film fehlt völlig eine risikofreu­dige Neugier, die probeweise ein wenig unsere Empathie irritierte. Konvention, wie gesagt, die ja darin besteht, dass Neues dem Alten ähnelt (zum Beispiel dem Film «Clear and Present Danger» von Philipp Noyce: Die CIA ist dort der gleiche Sumpf und der äussere Feind sogar etwas menschlicher; vierzehn Jahre ist das jetzt her).

Allerdings kommt es mit diesem al-Sa­leem zu einem erstaunlich höflichen, gera­dezu unamerikanischen Ende, und das heisst: Die Kunst der Routine macht doch auch ein paar originelle Umwege. Überra­schend gescheit wird über den Unter­schied zwischen amerikanischer und ara­bischer Geheimdienstkultur diskutiert und sehr sarkastisch über den zwischen Folter und Strafe. Schmerzhaft, selbst für abgehärtete Mägen, sind kleine Details der individuellen Qual. Wir reden also immer noch über einen grossen, vielleicht bloss etwas müde gewordenen Regisseur, dem die filmische Sensibilität für konkrete Lebendigkeit nicht ganz abhanden gekom­men ist. Und, nebenbei, reden wir von zwei exzellenten Hauptdarstellern in ihrer kaltheissen, vernünftigen Verrücktheit.

Was enttäuscht also? Kann sein, dass Kurt Tucholsky Recht hatte, und das ein­zige Kriterium für Kunst ist die Gänsehaut, die sie erzeugt. Eine schwer zu bewei­sende Qualität. Aber ein Film hat sie, oder er hat sie nicht. Lehnen wir uns ein wenig aus dem Fenster: «Body of Lies» hat sie nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2008, 08:21 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.