Kultur
Die Bucht des Todes für Tausende von Delfinen
Von Christian Schmidt. Aktualisiert am 26.01.2010 54 Kommentare
Ric O’Barry
Der heute 70-jährige Amerikaner hat sich vom Delfindresseur zum Delfinschützer
entwickelt. Er trainierte in den 60er-Jahren die Darsteller für die TV-Serie «Flipper».
«The Cove» ist kein Film über Delfine. Es ist ein Lehrstück über zeitgenössischen Umweltaktivismus, aufgezeigt am Massaker, das jedes Winterhalbjahr im japanischen Küstenort Taiji, rund 700 Kilometer südlich von Tokio, stattfindet. Alle paar Tage fahren die Fischer des Ortes hinaus, treiben Delfine zusammen und jagen sie in die hermetisch abgeschottete Bucht – «The Cove». Dort sortieren sie die schönsten Exemplare zum lukrativen Verkauf an Delfinarien aus. Den grossen Rest der Tiere stechen sie ab: Das mit Quecksilber verseuchte Fleisch kommt in Supermärkte. Am Ende der Jagdsaison sind 2000 Tiere tot.
Das Blutbad ist für Tierschutzorganisationen wie die schweizerische Ocean Care seit langem ein Reizthema, und es ist ewiger Streitpunkt innerhalb der internationalen Abkommen bezüglich Meeressäuger. Denn die japanische Regierung verteidigt die Delfinjagd als kulturelle Tradition: «Wir sind der Auffassung, dass diesbezüglich eine Haltung gegenseitigen Respekts herrschen sollte», schreibt die japanische Botschaft in Bern auf Anfrage und verbittet sich jede «Einmischung» in der Frage.
Kleiner Ort, grosses Geheimnis
Jetzt aber ist dieser Film da, und er mischt sich ganz entschieden ein: Protagonist Richard (Ric) O'Barry hat mit «The Cove» sein Lebensprotokoll geschrieben. Der Amerikaner kämpft seit den Siebzigerjahren leidenschaftlich sowohl gegen den lukrativen Verkauf der Delfine wie auch gegen das Abschlachten der Tiere. Regelmässig landet er im Gefängnis. «Bastards!», «Halunken!» hat er vor wenigen Tagen aus Taiji gemailt, wohin er mehrmals jährlich reist. Fischer hatten vor seinen Augen soeben 70 Delfine in die Bucht des Ortes getrieben.
Der Film ist O'Barrys ultimativer Aufschrei – und er ist wohl auch sein letzter Pfeil im Köcher. Denn ausser dass er zum meistgehassten Ausländer in Taiji geworden ist, hat O'Barry bis anhin wenig erreicht. Protegiert von der japanischen Regierung, gehen die nicht einmal 30 Fischer von Taiji der überholten – vor Jahrhunderten aufgekommenen – Jagd auf Delfine nach. Um keine Touristen anzuziehen, findet die Schlächterei in einer mit Stacheldraht abgesperrten Bucht statt, die nur über gesicherte Tunnels zu erreichen ist. Die Fischer machen Taiji damit zu einem kleinen Ort mit einem grossen Geheimnis.
Dieses Geheimnis deckt der Dokumentarfilm auf. Er ist ein veritabler Ökothriller, spannender als alle Inszenierungen aus den Hollywood-Studios. Die Realität, die er nachzeichnet, ist nur dank der Distanz zur Leinwand fürs Publikum erträglich.
Doch weshalb beschäftigt Ric O'Barry überhaupt, was sich 12'000 Kilometer von seiner Heimat in Florida entfernt abspielt? Woher dieses Engagement bis zum Letzten, das den inzwischen 70-Jährigen einmal fast das Leben gekostet hat? «Ich habe eine Schuld zu begleichen; diese arbeite ich nun ab», sagt er im Interview via Skype.
«Flipper» regte Delfinarien an
Ursprung dieser Schuld ist eine TV-Serie aus den Sechzigerjahren: «Flipper» rettete Ertrinkende und schnappte Verbrecher. Der Delfin war ein Vorbild, konnte Gut und Böse unterscheiden. Die Serie war nicht nur ein Fernseherfolg. In der Folge schossen Delfinarien und Ocean Parks nur so aus dem Boden: Das scheinbar ewige Lächeln der Tiere begründete ein Milliardengeschäft.
Der Mann, der die Flipper-Darsteller trainierte, war Ric O'Barry. Er lehrte sie jene Tricks, die sie berühmt und begehrt machten, und trug zu einer falsch verstandenen Tierliebe rund um den Globus bei, die ihren Ausdruck darin findet, dass die Delfine eingesperrt werden. «Alles, was auf Flipper folgte, habe ich mitbegründet», sagt O'Barry. «Nun kämpfe ich dagegen an.»
Vom Trainer zum Schützer innert Sekunden
Der Wandel vom Delfintrainer zum Delfinschützer geschah innerhalb von Sekunden. Eines Tages – die Dreharbeiten zu «Flipper» waren abgeschlossen – stieg O'Barry wie üblich ins Bassin vor seinem Haus, wo noch ein einziges Tier verblieben war. Der Delfin schwamm auf O'Barry zu, legte sich auf die ausgebreiteten Arme des Trainers, schaute ihn an, atmete aus, aber nicht mehr ein. Minuten später war er tot.
Dieses Erlebnis hat O'Barry verändert. Gestorben sei das organisch gesunde Tier an einer durch die Gefangenschaft ausgelösten Depression, sagt er. Anstatt täglich mehrere Hundert Kilometer schwimmen und in Gruppen jagen zu können, habe es in einem kleinen Betonbecken dahinvegetieren müssen. Er sei schuld an dessen Tod.
Gefängnis nach missglücktem Befreiungsversuch
Nur Tage später wurde O'Barry aktiv und versuchte ein paar Tiere aus einem Delfinarium auf den Bahamas zu befreien. Er wurde erwischt und landete im Gefängnis. Nach der Freilassung machte er nur umso überzeugter weiter.
Ergebnis dieses Sinneswandels ist, 40 Jahre später, «The Cove». Der Film, der Anfang 2009 am renommierten Sundance-Filmfestival den Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm gewonnen hat und inzwischen als Anwärter für eine Oscar-Nomination gilt, kommt jetzt in unsere Kinos.
«The Cove» ist im Prinzip nichts anderes als ein Making-of der zentralen Filmszene, des Massakers an den Tieren. Regisseur Louie Psihoyos zeigt, wie das Team um O'Barry aus Amerika nach Japan reist und die Dreharbeiten in Taiji möglichst unbemerkt vorzubereiten versucht. Doch selbst mit Frauenperücke, Lippenstift und Sonnenbrille wird O'Barry erkannt. Von nun an wird er rund um die Uhr überwacht: Spitzel stehen vor dem Hotel, im Zimmer neben O'Barry schläft die Polizei, und auch die japanische Mafia mischt mit.
Grausiger Überlebenskampf
Die Stimmung ist ebenso aggressiv wie bedrohlich. Die Vorbereitungen zu den Dreharbeiten verkommen zu einem Katz-und-Maus-Spiel. Ausgerüstet mit Nachtsichtgeräten und Wärmekameras, gekleidet in schwarze Kampfanzüge, tricksen O'Barry und seine Mitstreiter in der Nacht vor dem Massaker die Verfolger aus und schicken sie in die Irre. Während ein Teil des Teams tauchend in die abgeschirmte Bucht vordringt und Unterwasserkameras positioniert, überwinden andere Teammitglieder die Zäune und stellen am Strand getarnte Kameras auf. Eine steht so nah am Geschehen, dass die Fischer am nächsten Morgen beinahe drauftreten.
Die zentrale Einstellung dauert nur kurz. Aber sie ist so lang, dass die Bilder der in ihrem Blut schwimmenden Tiere sich tief einbrennen. Es bleibt unvergesslich, wie die von den Lanzen der Fischer schwer verletzten Tiere über die Netze zu entkommen versuchen – und schliesslich, nach einem letzten Flukenschlag, im roten Schaum untergehen. Gleichzeitig werden die prachtvollsten Exemplare ausgeschieden, um – für über 100'000 Dollar pro Stück – an Delfinarien verkauft zu werden. Der Film macht klar: Für die Tiere gibt es in Taiji nur Tod oder Gefangenschaft.
Politisches Thema
«The Cove» thematisiert auch die politischen Hintergründe. So sehen wir Ric O'Barry, wie er sich – nach den Dreharbeiten in Taiji – einen Bildschirm umhängt und damit durch japanische Grossstädte läuft. Der Monitor über seinem Bauch zeigt, wie er Delfinfleisch in Supermärkten kauft und es zur Analyse in ein staatlich anerkanntes Labor nach Tokio bringt. Resultat: Einzelne Proben überschreiten die Richtwerte für Quecksilber massiv. O'Barry erklärt seinem Publikum, was das bedeutet: Die Belastung lässt sich mit dem Quecksilbergehalt jener Fische vergleichen, die Mitte des letzten Jahrhunderts bei der japanischen Stadt Minamata gefangen wurden. Das Quecksilber stammte aus industriellen Abwässern, reicherte sich in den Fischen an und tötete mehrere Tausend Menschen, die sich davon ernährten. Ein erzürnter O'Barry fragt: «Wie kann eine Regierung ihre Bevölkerung nach dieser Erfahrung erneut so gefährden?»
In der Tat vertritt Japan eine schwer verständliche Meinung in der Frage. Die Aufnahme von Quecksilber durch Delfine sei ein «natürliches Phänomen,» schreibt die Botschaft in Bern dem TA. Nur Schwangere seien gehalten, die Richtlinien zu befolgen.
Für O'Barry jedoch ist das Quecksilber der zwingende Grund, warum die Jagd in Taiji sofort verboten werden muss – ein Grund, der weit über das Thema Tierschutz hinausreicht und sämtliche Diskussionen über Tradition und Ethik überflüssig macht.
Erfolgsrezept für Aktivisten
Insgesamt ist «The Cove» ein grandios gemachter Film. Aber nicht nur das. Er zeigt auch auf, wie zeitgenössischer Umweltaktivismus daherkommen muss, damit er weite Kreise bewegt, Partei zu ergreifen: eine packende Mischung aus Thriller, Politik und Emotionen – mit einem Helden im Zentrum, der nicht an Verhandlungen und Politik glaubt, sondern getrieben von persönlicher Schuld und unbeugsamer Leidenschaft die Welt (der Delfine) zu retten versucht.
Dieser Held im Alleingang macht klar, dass Opposition jahrelange pausenlose Fronarbeit erfordert, dass der Kampf einsam macht, stets in Verzweiflung aufzugehen droht und der Ausgang entsprechend ungewiss bleibt, sich aber immer lohnt – und sei es auch nur, um dem eigenen Leben einen Sinn zu geben.
Nach dem Verhandlungsdesaster von Kopenhagen ist das eine Botschaft, die zu denken gibt.
«Die Bucht – The Cove», die 92-minütige Dokumentation von Louie Psihoyos, läuft am Donnerstag, 28. Januar, in den Schweizer Kinos an. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2010, 10:05 Uhr
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54 Kommentare
Tradition- eine Ausrede primitiver Menschen. Heute verhungert niemand mehr wenn er nicht Delfine abschlachen kann. Die Norweger schlachten ebenfalls Delfine, - wieso hört man do nichts? Der span. Stierkampf ist ebenso primitiv- Tierquälerei muss einmal offen diskutiert werden- die Länder müssen sich entscheiden: Turismus, Handel- oder mutwilliges Morden- und konsequent handeln. Antworten
Ich finde es gut, dass mal ein Film über dieses traurige Thema gemacht wurde. Es sollte verboten werden und viel mehr gekämpft für die Rechte der Tiere. Ich hoffe nur das es wenigstens ein paar Menschen dazu anregen wird dagegen anzukämpfen, courage zu zeigen und nicht einfach nur zusehen und denken "ach wie schlimm" und wieder vergessen! Tiere können sich nicht wehren! Animal Liberation !!!!!! Antworten
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