Kultur

Die Hackerin als Kultfigur

Von Tobias Moorstedt. Aktualisiert am 19.02.2010 1 Kommentar

Der Schwede Stieg Larsson hat die Hackerin Lisbeth Salander zur Heldin seiner Romane gemacht. Nun fesselt sie auch auf der Leinwand.

Feldzüge per Computer: Lisbeth Salander.

PD

Die Botschaft ist nicht besonders stark verschlüsselt: «Armageddon was yesterday. Today we have a serious problem», steht auf dem schwarzen Tanktop von Lisbeth Salander, der Hacker-Heldin von Stieg Larssons «Millennium»-Trilogie. Der Schriftsteller Larsson hat seine Hausaufgaben offenbar gemacht: Denn das bedruckte T-Shirt, das kann jeder bezeugen, der schon einmal ein Treffen eines Hacker-Vereins besucht hat, gehört tatsächlich zur Uniform der Computerexperten, ebenso wie der Laptop-Rucksack, die gefärbten Haare und das Koffeingetränk in der Dose.

Die Figur Lisbeth Salander ist mit ihrem Punker-Look, den Tätowierungen und Piercings natürlich zuallererst ein Klischee; die «Millennium»-Trilogie ist aber auch einer der allerersten Blockbuster-Texte, in dem der Hacker als zentrale Figur auftaucht. Die Actionhelden der Vergangenheit brauchten grosse Muskeln und wenige Worte, um das Böse in die Schranken zu weisen. Doch Salander, 1,50 Meter gross und nur 40 Kilogramm schwer, hat sich von ihrem biologischen Körper emanzipiert, besitzt, so erfahren wir im Buch, ein fotografisches Gedächtnis, enorme Computerkenntnisse und ein Interesse für «Frequenzkalibrierung von Radioteleskopen in der Schwerelosigkeit».

Keine Teenager-Mode

Der Computernerd ist nicht länger ein Aussenseiter, sondern eine potente Figur, die mit geheimnisvollen Befehlen und Klicks ihre Ziele erreicht. Im 21. Jahrhundert werden Briefverkehr, Banking und soziale Beziehungen über Glasfaserkabel und Wifi-Sphären abgewickelt, die Welt ist eine Anhäufung von Informationen, von denen manche verschlüsselt sind und viele chaotisch erscheinen, die aber allesamt Interpretation erfordern. Kurz: Es ist der ideale Spielplatz für den Hacker.

Das Stichwort «Hacker» ruft bei vielen Menschen immer noch das Bild eines pickeligen Teenagers hervor, der mit PC und Telefonleitung in die Netzwerke eindringt wie etwa im Film «War Games» (1983), in dem ein übermütiger 14-Jähriger versehentlich ein Atom-U-Boot übernimmt. Nun stimmt es natürlich, dass Hacker manchmal aussehen wie eine Kreuzung aus Telekommunikationstechniker und Heavy-Metall-Gitarrist. Die Szene weist signifikante Schnittmengen zu gegenkulturellen Strömungen wie Gothic oder Punk auf. Aber: Hacken ist keine Teenager-Mode. Hacken ist eine Lebenseinstellung und eine Kulturtechnik von enormer Potenz.

Zugang, nicht Zerstörung

Der Hacker hat viele Gestalten: Da gibt es die Hardwarebastler mit Schraubenzieher und Lötkolben, die Elektromotoren und Computergehirne verschalten, da gibt es sogenannte Viren-Autoren, die nach dem perfekten Schad-Programm suchen und in der mutierenden Machtfülle des Codes eine eigene Form der Schönheit entdecken, es gibt Security-Consultants, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Firewalls und Daten-Tresore von Behörden und Konzernen auf ihre Einbruchssicherheit zu überprüfen, oder politische Aktivisten und Cyber-Lobbyisten, die Parlamente mit Positionspapieren und Argumentarien für die Datenschutz-Debatten versorgen.

Gemein ist all diesen Akteuren, dass sie keine passiven Konsumenten sind, sondern die Softwaresysteme, die wir tagtäglich benutzen, aktiv untersuchen und manipulieren. «Sie waren Hacker, keine Saboteure», heisst es in dem Buch über Lisbeth und die verbündeten Ego-Rooter der Hacker Republic, «was sie wollten, war der Zugang zu funktionierenden Netzwerken, nicht deren Zerstörung.» Hacker, meint auch Tim Pritlove vom Hacker-Verein Chaos Computer Club, müssen nicht einmal mit Computern arbeiten: «Beim Hacken geht es vielmehr darum, vorgegebene Lösungen nicht einfach zu akzeptieren, sondern nach neuen Wegen zu suchen – auf allen gesellschaftlichen Gebieten.» Auch Autotuner, Skateboarder und Multimedia-Künstler sind also Hacker, welche die vorhandenen Materialien und Inhalte mit einer Mischung aus Sachverstand, Spieltrieb und zivilem Ungehorsam für ihre Zwecke umdeuten.

Eine Welt erschaffen, wie sie ihnen gefällt

Stieg Larsson liess sich laut einer Aussage einer ehemaligen Kollegin bei dem Charakter-Design von Lisbeth Salander von der Vision einer erwachsenen Pippi Langstrumpf inspirieren. Die Hackerin ist eine aufdatierte Version dieser Kinder-Fantasie: Ebenso wie Pippi ignoriert sie gesellschaftliche und modische Konventionen (Gothic vs. Ringelsocken), sie lebt in einer luxuriösen Unterkunft (Loft vs. Villa Kunterbunt) und ist stinkreich (gehacktes Offshore-Konto vs. Goldtruhe). Die Hacker machen sich die Welt, «wie sie ihnen gefällt», schreiben Befehle und Programmschnipsel, die geltende Gesetze ausser Kraft setzen – der Code ist nichts weiter als ein moderner Zauberspruch, und der Hacker ist der Magier des Computerzeitalters.

Hacker bedienen den Computer nicht nur auf glatten und glänzenden Oberflächen der Betriebssysteme und widersetzen sich der konsumistischen Ideologie des Plug and Play. Die Hacker arbeiten in den tieferen Schichten der digitalen Organismen und greifen in den Kreislauf und die Nervenbahnen ein. In der «Matrix»-Trilogie haben wir gelernt, dass man sich, wenn man die grünen Buchstaben des Quellcodes sieht, in den Innereien der Computer bewegt, und dass auf dieser Ebene die wahrhaft entscheidenden Schlachten geschlagen werden. Die grellgrünen Lettern laufen da über die Leinwand wie früher das rote Blut.

Geist in den Kabeln des Netzes

Im Film sieht man die Hackerin Lisbeth Salander seltsamerweise nur selten am Computer sitzen. Noch hat die Traumfabrik keine Ikonografie des Informationskrieges geschaffen. Noch werden die meisten Konflikte in der analogen Welt gelöst, mit Axt, Tränengas und Colt. Nur äusserst selten filmt die Kamera den Bildschirm, die vielen Eingabefenster und Icons. Das blasse Gesicht von Lisbeth Salander spiegelt sich auf dem Screen, eine ätherisch-aktive Gestalt, ein Geist in den Kabeln des Netzes, und vielleicht ist diese Überblendung doch ein gutes Bild für das Hacker-Dasein, das Verschmelzen von Mensch und Maschine, von Ich und Information.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2010, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

ein user

19.02.2010, 13:19 Uhr
Melden

hacken hat seinen ursprung in der eingabe von daten/programmzeilen, später wurden daraus ausgeklügelte und elegante codes die mit weniger programmzeilen mehr erreichen können. der artikel greift einige interressante themen auf allerdings auf äusserst konvolute weise. im übrigen ist der text etwas reissereisch, der autor verfällt leider oft einem popkultur klischee. Antworten


Giovanni Baptista

19.02.2010, 14:30 Uhr
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Leserinnen und Leser mit etwas längerem Erinnerungsvermögen - und vielleicht kürzerem Verfalldatum - kennen den Kultautor Wiliam Gibson als Schöpfer des Begriffs "Cyberspace" oder finden den Background in der Wikipedia. Auf jeden Fall - es ist schön, wenn auch andere Autoren diese Schiene neu befahren und junge Journalisten sie faszinierend finden.... Antworten




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