Die Passion einer Sexpuppe

Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 18.03.2010

Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda, ein Meister existenzieller Filmmagie, schickt in «Air Doll» eine aufblasbare Sex-Gespielin unter die Menschen.

1/6 Diese Geliebte wartet immer geduldig: Die Gummipuppe des Kellners Hideo.
pd

   

Der Film

«Air Doll», ab heute im Kino.

Luftig sind die Filme von Hirokazu Kore-eda, bei aller existenziellen Schwere ihrer Themen. Ob der 48-jährige Japaner von der Trauer einer jungen Witwe erzählt, wie in seinem phänomenalen Erstling «Maboroshi no hikari» (1995), oder von Kindern, die sich in Tokio alleine eine Gegenwelt schaffen, wie in «Nobody Knows» (2004): Immer stehen neben dunkler Verzweiflung auch poetische Momente von betörender Leichtigkeit. Das ist in seinem neuen Film, den Kore-eda im Gespräch als seinen «bisher heitersten» bezeichnet und als «philosophisches Märchen» charakterisiert, noch ausgeprägter. Kein Zufall, dass er das Luftige bereits in seinem Titel trägt: «Air Doll».

Universeller Atem

Der Film handelt von einer aufblasbaren Sexpuppe, die eines Tages – wachgeküsst von einem Wassertropfen – die enge Wohnung ihres Besitzers verlässt, auf die Strassen Tokios tritt, das Menschsein entdeckt und damit die zentralen Themen von Kore-eda: die Liebe, die Vergänglichkeit, die Erinnerung. Liess sich Kore-eda, der als Dokumentarist begann, bisher von realen Ereignissen zu seinen Spielfilmen inspirieren, so stand am Anfang von «Air Doll» ein Manga von Yoshiie Gouda. Dass er diese Bildergeschichte verfilmen wollte, lag vor allem an einer Szene: «Mich faszinierte jener Moment, in dem sich die Puppe vom Mann, in den sie sich verliebt hat, wieder aufblasen lässt», erzählt er.

Kore-eda kaufte in Tokio selber einige Sexpuppen, verstand zunächst aber nicht, wie diese einen erotisch ansprechen können. «Als ich aber bei einer Puppe die Luft entweichen liess, sie langsam schrumpfte, kraftlos wurde und in gewissem Sinne starb, hat mich diese Bewegung erotisch berührt.» Es gehe da weniger um das innige Verhältnis von Tod und Erotik als um männliche Schöpferphantasien: «Wenn die Puppe stirbt, kann man Schöpfer sein und sie wiederbeleben.» Für den Film liess Kore-eda eine eigene Puppe herstellen, weil ihn die Kaufmodelle nicht befriedigten. «Wir haben lange mit verschiedenen Materialien experimentiert, damit ihr Schrumpfen tatsächlich einen erotischen Touch erhält.»

Alles lebt

Die Existenz von Sexpuppen wird gemeinhin als Zeichen für die grassierende Einsamkeit in den modernen Gesellschaften interpretiert. Kore-eda hat mit Menschen – vor allem Männern – gesprochen, die mit Puppen leben, weil sie die Berührung mit einem anderen Menschen fürchten. In «Air Doll» entwirft er denn auch ein Panoptikum urbaner Leere und Einsamkeit: Die Puppe (in der Lebendform gespielt von der Südkoreanerin Duna Bae) wandelt durch eine Welt voller Menschen, die ihrer inneren Leere ausgeliefert sind. Wichtiger aber als zeit- oder sozialkritische Aspekte sind ihm die philosophischen und spirituellen Dimensionen. «Ein Herz zu haben, ist herzzerreissend», bilanziert einmal die Puppe. «Das Leben beinhaltet seine eigene Leere, die nur ein anderer füllen kann», lautet einer der Schlüsselsätze im Film. Er stammt aus einem Gedicht von Hiroshi Yoshino, das Kore-eda beim Schreiben des Drehbuchs zufällig gelesen hat.

Wie stets in Kore-edas kreisförmigen Filmen berühren sich auch in «Air Doll» Leben und Tod, sind Leid und Glück, das Helle und das Dunkle untrennbar miteinander verbunden. «Schön» ist das erste Wort, das die Puppe spricht, «schön» ist auch das letzte Wort im Film, der alles Düstere in beseelte, lyrische Ästhetik transformiert. «Nein, ich bin nicht gläubig, ich bin Atheist wie meine Eltern», sagt Kore-eda, «wobei dieses Wort im Westen wohl eine andere Bedeutung hat als bei uns. Ich meine damit: Ich glaube nicht an einen einzelnen Schöpfergott, sondern daran, dass alles belebt ist, dieser Tisch genauso wie diese Tasse. Alles lebt mit uns, auch die Toten.» Er habe keinen Esel benutzt wie der Franzose Robert Bresson in «Au hasard Balthazar» (1965), um von menschlichem Leiden zu erzählen, sondern eine Puppe. Tatsächlich lässt sich «Air Doll» wie Bressons Klassiker als gleichnishafte Passionsgeschichte lesen: Uns wurde eine Sexpuppe geboren.

Im Reich der Sinne

Wie im Manga findet die Puppe auch im Film einen Job in einem DVD-Laden, für Kore-eda eine faszinierende Konstellation: «Die Puppe ist kein Mensch, die DVD nicht das Leben, aber die Puppe lernt über die DVDs das Menschsein.» Selbstverständlich nutzt Kore-eda diesen Schauplatz auch zum Spiel mit zahlreichen filmischen Verweisen. Dabei zitiert er mit Abel Ferraras Höllenritt «Bad Lieutenant» ein Werk, das in krassem Kontrast zu seinem eigenen Schaffen zu stehen scheint: «Ferrara geht viel weiter in die menschlichen Abgründe, als ich das könnte. Gerade deswegen finde ich diesen Film wunderbar», sagt er dazu.

Als sich die Puppe bei einem Sturz im DVD-Laden an der Hand verletzt und ihr die Luft entströmt, ist es um ihren jungen Arbeitskollegen geschehen: Er verliebt sich in sie. Die Leidenschaft führt die beiden an den Punkt, der an Nagisa Oshimas «Im Reich der Sinne» erinnert. «Ich habe auch an diesen Film gedacht», sagt Kore-eda. «Sein Thema war die leidenschaftliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Die heutige Gesellschaft aber erlaubt es nicht mehr, eine solche Beziehung auszuleben. Dies reflektiert mein Film.» Trotzdem mündet «Air Doll» in ein luftiges, lichtes Ende und löst sich sozusagen im Atem der Puppe auf. Kore-eda: «Wenn die Zuschauer ihren letzten Atemzug spüren wie den Wind, der die Haut berührt, dann habe ich erreicht, was ich wollte.»

Der Film läuft ab heute in Bern im Kellerkino. (Der Bund)

Erstellt: 18.03.2010, 13:23 Uhr

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