«Dieses Biest ist eine fucking Beauty»

Regisseur Ridley Scott über das neue Alien, das Erbe von HR Giger und einen Diebstahl bei sich selbst.

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«Blade Runner», «Gladiator», «Thelma & Louise» – der britische Regisseur Ridley Scott hat moderne Kinoklassiker realisiert. Seit dem Tod seines Bruders und Produktionspartners Tony vor fünf Jahren ist Ridley noch aktiver geworden, er produziert, führt Regie und sitzt mit seinen 79 Jahren beim Interview im Berliner Hotel de Rome so unruhig auf dem Stuhl wie ein Jugendlicher: Gefühlte 200 Mal sagt er «fuck», gestikuliert wild, reisst zum Beispiel vorn auf der Brust an seinem T-Shirt, um zu schildern, wie damals 1979 das erste «Alien» in einer Schockszene zur Welt kam. Denn ja, Ridley Scott ist mit «Alien: Covenant» zu seiner alten Liebe, dem Weltraummonster, zurückgekehrt – und damit auch zu einem Schweizer Künstler.

Der vor drei Jahren ­verstorbene HR Giger steht prominent im Nachspann des neuen «Alien»-Films. Wie wichtig war er?
Unendlich wichtig, immer noch. Sein Erbe lebt weiter. Und ich mache mir nichts vor: Er war der eigentliche Grund für den Erfolg von «Alien».

Tatsächlich?
Ohne Frage. Klar, ich hatte wunderbare Schauspieler, Aber ich wusste: Ohne starkes Monster ist noch gar nichts da. HR Giger hat es geliefert.

Wie kamen Sie auf ihn?
Ich kannte seinen Bildband «Necronomicon» und wusste sofort, dass er der Richtige ist. Es gibt darin bereits ein Profil des Aliens. Ich sagte: «Wow, genau so musst du es machen.» Er erwiderte, er könne es noch besser, aber ich insistierte: «Nein, das ist es. Dieses Biest ist eine fucking Beauty.»

Wie war die Zusammenarbeit?
Das Schwierigste war, überhaupt mit ihm in Kontakt zu treten. Er weigerte sich ja zu fliegen. Ich reiste also nach Zürich und traf ihn in seinem verwunschenen Haus. Wir haben stundenlang miteinander gesprochen, und irgendwann hat er dann eingewilligt, nach London zu kommen.

«Er war der eigentliche Grund für den Erfolg» – HR Giger arbeitet am Alien.

Er ist doch geflogen?
Natürlich nicht, er hat den Zug genommen. Das dauerte damals noch einen Tag. Ich fragte ihn, wo er wohnen wolle, und dachte, er würde das Dorchester wählen oder sonst ein Hotel, wo die Stars absteigen. Aber nein. Er verlangte nur ein kleines Zimmer oberhalb eines Pubs in Shepperton, in der Nähe der Filmstudios. Dort blieb er zehn Monate lang. Grossartiger Mann. Seltsam, aber grossartig.

Damals gab es noch keine Computer für das Monster.
Das war mühsam. Das Alien wurde von einem Kerl im Plastikanzug gespielt, der sich darin praktisch nicht bewegen konnte. Das ist der wahre Grund, wieso man das Monster so selten sieht. Man sagt immer: Wie clever, die zeigen es fast nie, das macht alles noch gruseliger. Aber das war kein Schachzug, wir taten es aus purer Not.

Wird das Geschichtenerzählen also heute einfacher?
Nein. Das Beste, was ein Computer tun könnte, wäre, ein grossartiges Drehbuch zu schreiben. Aber so eine Maschine ist mir noch nie begegnet. Damals war man eben anders kreativ. Mit dem Schnitt zum Beispiel.

Was heisst das?
Schnell, schnell schneiden, damit es niemand merkt. Es gibt ja die berühmte Szene, in der John Hurt das Alien gebiert, durch die Brust. Ihretwegen hat mich sogar Stanley Kubrick angerufen und gefragt: «Wie hast du das gemacht?» Ich antwortete: «Well, ich habe eine Öffnung in einen Tisch geschnitten, ein Fiberglasding montiert mit einem Loch in der Mitte, ein T-Shirt darauf gelegt . . .» Da unterbrach er mich ungeduldig und sagte: «Schon klar, aber ich habe keine Schnitte gesehen.» Das war das grösste Kompliment, das er mir machen konnte.

Wieso zieht es Regisseure wie ­Stanley Kubrick und Sie ins All?
Oh, der Weltraum ist so leer, man kann ihn mit allem füllen. Das gibt die besten Geschichten. Ich selbst fühle mich immer schuldig, angesichts der Erhabenheit des Alls. Ich glaube ja nicht wirklich an Gott, aber diese Schuld kann ich nicht abschütteln, sie ist in meine DNA übergegangen, seit der Kindheit. Deshalb setzte ich wohl Monster ins All. Sind Sie katholisch?

Protestantisch.
Dann ist die Schuld vielleicht weniger ein Thema für Sie. Glauben Sie an Gott?

Hm.
Sie zögern. Dann sind Sie Agnostiker wie ich: Wir wissen einfach nichts Genaues. Aber ich denke schon, dass es irgendwo da draussen eine Macht gibt, die grösser ist. Um noch einmal meinen Lieblingsregisseur zu zitieren: Stanley Kubrick, der schwarze Monolith.

Aus seinem Weltraumfilm «2001»?
Jawohl. Ein Affe wacht eines Morgens auf, und vor ihm steht dieser polierte Stein, den er berührt. Plötzlich hat er die Idee, einen Knochen aufzulesen und ihn als Werkzeug und Waffe zu gebrauchen. Das ist die Evolution, eine grosse Idee. Aber von Stanley ­Kubrick auf einfachste Art präsentiert. So muss Film sein.

«Eine fucking Beauty» – das neue Monster aus «Alien: Covenant».

«Alien: Covenant» stellt in den Raum, dass die Menschheit es nicht verdient zu überleben. Ist das auch Ihre Meinung?
Nun gut, es ist vor allem mal ein Unterhaltungsfilm. Aber wenn wir unsere Geschichte ansehen, über die Jahrhunderte, dann wirkt es schon so, als ob wir nicht das Geringste gelernt hätten. Dabei stehen oft die verschiedenen Religionen – ich sage das bewusst in der Mehrzahl – im Zentrum. Darum geht es doch in den meisten Konflikten. Heute kommen noch Kriege um Erdöl dazu. Und bald vielleicht ums Wasser.

Sie glauben nicht an die ­Lernfähigkeit der Menschen?
Tja, ich habe Mühe damit, wenn ich zum Beispiel sehe, was in Aleppo geschieht. Das ist doch tiefstes Mittelalter. Ich bin jeden Tag schockiert.

Glauben Sie, es gibt irgendwo anderes Leben, im All?
Das denke ich schon seit 30 Jahren und hatte bisher das Gefühl, nur Tom Cruise und ich glaubten daran . . . Aber kürzlich hat eine der Weltraumbehörde Nasa verbundene Organisation wissenschaftlich herausgefunden, dass es – ich nenne absichtlich eine kleine Zahl – 200 Planeten gibt, auf denen es Leben geben könnte, allein in unserer Galaxie. Irgendwo wird schon etwas sein, da bin ich sicher. Ich hoffe einfach, dass die nicht zu uns kommen.

Wieso?
Weil wir dann verdammte Probleme bekommen. Denn wenn die so weit fliegen können, ist es eine Kleinigkeit für sie, uns allesamt auszulöschen.




Am Ende von «Alien: Covenant» sagt Michael Fassbender «That’s the spirit» – es ist dasselbe, was damals Rutger Hauer am Ende von «Blade Runner» Harrison Ford zurief.
Sehr aufmerksam beobachtet. Mir fehlte etwas im Drehbuch, ich musste improvisieren, und da kam mir nur ein Zitat aus dem eigenen Film in den Sinn. Ich klaute tatsächlich bei mir selbst.

Das ist wohl in Ordnung.
Um ehrlich zu sein: Eigentlich ist der Satz von Rutger Hauer. In der Nacht vor dem letzten «Blade Runner»-Drehtag rief er mich ins Zimmer und sagte stolz: «Ich habe für meine Figur eine Schlussrede geschrieben.» Bei mir schrillten alle Alarmglocken, «bitte, nicht!», aber ich musste zugeben, sie war gut. Es sind seine Worte.

Lassen Sie das oft zu?
Es gibt bei mir stets Raum für Improvisationen, aber nur, weil ich sehr gut vorbereitet bin. Auch im digitalen Zeitalter zeichne ich selbst das Storyboard des ganzen Films von Hand. Das hilft enorm.

Arbeiten Sie fürs Fernsehen auch so?
Vom Erzählen her sehe ich keinen Unterschied. Finanziell auch immer weniger. Nehmen wir «Game of Thrones». Mögen Sie die Serie? Ich nicht wirklich, da ist zu viel Brimborium drin. Die verpulvern 10 bis 12 Millionen Dollar, und zwar pro Folge. Damit haben wir früher ganze Filme gemacht.

Arbeiten Sie denn billiger?
Oh ja, eine Folge meiner aktuellen Serie «Taboo» mit Tom Hardy hat ein Budget von 2,7 Millionen. Und «Alien: Covenant» kostete auch nur ganz knapp über 100 Millionen, die grossen Filme heute dagegen oft das Doppelte. Das finde ich nur noch lächerlich.

Haben Sie eine Lieblingsszene im neuen «Alien»-Film?
Das erste Auftreten des Biests. Ich mag es, wenn es blutig wird. Das muss so sein.

Es gibt aber auch das pure Gegenteil, wenn Michael Fassbender plötzlich Blockflöte spielt.
Ja, eine sehr schöngeistige Szene. Sie gefiel nicht allen, ein Verantwortlicher sagte mir gar, das Publikum lehne dieses Gesäusel ganz bestimmt ab. Ich erwiderte: «Fuck the audience, das ist einfach wunderschön.»

Schönheit und Horror ­nebeneinander?
Richtig. Hat Ihnen der Anfang des Films gefallen?

«Viereinhalb Minuten sind lang, wenn man einen Horrorfilm verspricht» – die Eröffnungsszene im weissen Raum.

Diese Begegnung im weissen Raum? Ja.
Ich wusste nicht, ob ich sie im Film lassen sollte. Sie dauert viereinhalb Minuten, das ist ewig, wenn man einen Action-Horrorfilm verspricht. Und dann plaudern zwei Männer zu Beginn einfach nur über Kunst, spielen Wagner am Flügel und so weiter. Aber auch das wollte ich im Film haben. Wie gesagt, fuck . . .

Es kommt auch ein ­interessanter Stuhl vor.
Das ist ein Bugatti, von den Gleichen produziert, die die Autos machen. Wollen Sie ihn kaufen?

Er übersteigt wohl mein Budget.
30 000 Dollar. Wir durften ihn auch nicht behalten. Aber er sieht gut aus, nicht wahr?

«Alien: Covenant»: ab 18. Mai im Kino (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 08:48 Uhr

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