Kultur

Eldorado der Filmregisseure

Von Roland Schäfli. Aktualisiert am 14.07.2012

Das Hinterland von Lone Pine diente als Kulisse für ungezählte Filme. Das Kaff zwischen Kalifornien und Nevada zehrt bis heute von diesen ruhmreichen Zeiten.

Die Anhöhe, die in unserem Kollektivbewusstsein eingeprägt ist als Bild des Wilden Westens: Die Alabama Hills.

Die Anhöhe, die in unserem Kollektivbewusstsein eingeprägt ist als Bild des Wilden Westens: Die Alabama Hills.
Bild: AFP

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Tipps für das 23. Film Festival in Lone Pine

Das 23. Lone Pine Film Festival wird pünktlich wie die 7. Kavallerie eintreffen: Am Columbus- Day-Wochenende vom 5., 6. und 7. Oktober 2012, wenn der Rest der USA der Landung von Amerikas Entdeckern gedenkt, feiert Lone Pine seine Entdeckung durch Hollywood. Im Filmmuseum werden Streifen gezeigt, die vor Ort gedreht wurden, und Westernaktivitäten wie das Rodeo runden das Festival ab.

Lone Pine ist auf dem US Highway 395 von Los Angeles aus in knapp vier Autostunden zu erreichen. Man nennt die Gegend auch das Land der 20-Meilen-Schatten, weil die Bergkette der Sierra Nevada im Westen während des Abendrots einen riesengrossen Schatten auf die östlichen Inyo Mountains wirft.

Welche Stars das Lone Pine Film Festival besuchen werden, wird demnächst bekannt gegeben. Buchen lassen sich auch Touren zu den ehemaligen Drehorten.
www.lonepinefilmfestival.org

Die Stars logierten einst im Dow Hotel. Bei dieser legendären Herberge ist aber eine frühzeitige Reservation angezeigt:
www.dowvillamotel.com

Die Inyo County Film Commission führt Filmemacher zu den telegensten Locations.
www.inyolocations.org

Im liebevoll gestalteten Museum of Lone Pine Film History sind Kostüme und Requisiten zu sehen, unter anderem das Auto, in dem Humphrey Bogart in «High Sierra» vor der Polizei flüchtete:
www.lonepinefilmhistorymuseum.org

Das Tourist Information Center gibt Karten ab, mit denen Drehorte zu Fuss zu finden sind.
www.lonepinechamber.org

«High-Sierra», Trailer

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Man hat das eigentümliche Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Egal, wohin man sich wendet, das Déjà-vu lässt sich ebenso wenig abschütteln wie der rote Staub, der sich bald auf den Schuhen festsetzt. Es sieht hier nämlich aus wie in den Anden. Oder wie in Arizona. Oder im All. Doch diese Felsenkugeln brüten in kalifornischer Sonne und sind keine Fata Morgana. Und man hat sie tatsächlich schon anderswo gesehen: im Kino. Die charakterstarke Gegend um Lone Pine hält seit der Erfindung von Hollywood als Hintergrundkulisse her. Und ist, was immer die Filmer wollen: die Abruzzen, die Rocky Mountains, eine Marslandschaft.

Noch heute machen Filme uns weis, dass andere Kontinente so auszusehen haben wie die Alabama Hills, der Landstrich oberhalb von Lone Pine. Als Russell Crowe als «Gladiator» in Italien unterwegs war, machte er über diese bizarren Hügel einen veritablen Umweg. Seit 90 Jahren kommen die Filmemacher hierher, seit einiger Zeit auch der Tourismus. Jedes Jahr zelebriert das sympathische Westernkaff seine Filmhistorie.

Den «Showdown» gab es in echt

Wie viele Hundert Fliessbandwestern hier abgedreht wurden, lässt sich nur schätzen. Die Regisseure fanden nicht nur eine saisonunabhängig bespielbare Kulisse vor, sondern auch eine hilfsbereite Dorfbevölkerung, die keine Verhinderungspolitik kannte. Doch die grosse Zeit des amerikanischen Heimatfilms ist vorbei, und damit ist für Lone Pine eine wichtige Geldquelle versiegt.

Man zehrt noch davon, indem das Annual Film Festival jedes Jahr ein paar Hundert Interessierte anlockt, die wenigstens die Hotels und ihre Mägen füllen. An die Speisekarte des Mount-Whitney-Cafés erinnern sich selbst weit gereiste Filmstars. Der lokalen Legende nach liess sich John Wayne hier stets gern in derselben Nische nieder, wo er die echten Cowboys auf der Strasse betrachten konnte. Auf eben dieser Main Street wurde immerhin zweimal ein Sheriff niedergeschossen, 78 und 79. Gemeint sind 1878 und 1879, aber Nostalgiker benennen diese Jahre noch immer so, als habe es das 20. Jahrhundert nie gegeben. Noch heute wirkt diese Strasse mit ihren falschen Fassaden, die ein zweites Stockwerk vortäuschen, wie die klassische Western-Street. Mit dem Fassaden-trick liessen schon die Pioniere ihre ersten Bretterbuden grösser aussehen, als sie tatsächlich waren.

Alle kommen wieder

In Lone Pine sind Westernstar Gene Autry & Co. noch immer nicht in den letzten Sonnenuntergang geritten – sie haben die Pferde gesattelt und reiten die Main Street hinunter, eine Prozession des Glaubens an die alten Werte Amerikas. An diesem Defilee, dem Höhepunkt des Filmfestivals, werden die verstorbenen Stars von Imitatoren dargestellt.

Einmal im Jahr taucht Lone Pine aus dem Nebel der Erinnerung auf. An dieser Parade des Nachruhms winken auch Kinder von Stars – die Söhne der Haudegen Glenn Ford und Joel McCrea können ebenso stoisch schauen wie ihre Väter. Oder wenn die Stars selbst nicht mehr können – diesen Trick hat Lone Pine nach all den Jahren im Filmbusiness gelernt –, hol dir ihre Stuntmen.

Der McDonald's-Slogan klingt, als stamme er aus dem Mund eines Westernhelden

Der schlaksige Texaner namens Dean Smith war einst James Garners Double. Und sieht in Cowboystiefeln mit passendem Hut aus, als könne er trotz seiner 80 Lenze noch immer auf das Kommando «Action!» dramatisch vom Pferd fallen. Loren Janes, der für Steve McQueen die Knochen hinhielt, inszeniert sogar eine kleine Stuntshow mit jüngeren Kollegen, die vermeintlich tödlich getroffen von der Galerie stürzen.

An dieser Hauptstrasse heisst selbst die Bank El Dorado (Motto: «Safe, strong, secure»), das Motel Trails (Mikrowelle in jedem Zimmer) und das Café Totem. Im Drugstore bekommt man Red-Man-Kautabak, und bestellt man bei Carl’s Burgers einen 6-Dollar-Hackfleischfladen, kriegt man gratis einen dazu. McDonald’s ist so stolz auf sein Credo, dass man es auf die Aussenwand gepinselt hat: «We believe in doing what’s right, not what’s easy.» Klingt, als stamme es aus dem Mund eines Westernhelden.

Die Serviertochter warf Big Boy Williams' Steak zurück

Tom Mix war wohl der Erste, der hier drehte, 1925 in «Riders of the Purple Sage». Wie viele folgten, sieht man am anschaulichsten in der Indian Trading Post. Im ehemaligen Postbüro haben sich Stars auf der Wand verewigt. Gary Coopers Name steht über dem Türbalken. Um ihn anzubringen, musste er vermutlich nicht einmal auf die Zehenspitzen stehen.

Starrummel kannte man in den «good old days» noch nicht. Hier konnten die Verrückten aus Hollywood so normal wie möglich sein, die Ansässigen machten kein Aufheben. Randolph Scott soll gar nicht erst aus seinem Kostüm gestiegen sein, bevor er zum Essen ging. Tyrone Power bediente einmal die Gäste, weil er sich einen Spass daraus machte, nicht erkannt zu werden, und Roy Rogers brachte abends die Gitarre mit und gab ein Lied zum Besten. Als der streitbare Westerndarsteller Big Boy Williams der Serviererin ein Steak hinterherwarf, weil es für seinen Geschmack zu zäh war, warf sie es prompt zurück, und das Dow Hotel scheute sich nicht, ihn auf die Strasse zu setzen (Big Boy musste die Nacht im Bus verbringen). Andererseits drückte das Management beide Augen zu, wenn Glenn Ford und Rita Hayworth nachts über knarrende Dielen zueinanderschlichen.

Das Erdbeben, das die Alabama Hills durcheinanderwürfelte

Auf die Frage, ob im Dow noch ein Zimmer verfügbar sei, hat der Angestellte freilich nur ein bedauerndes Kopfschütteln übrig – seit Monaten ist alles ausgebucht. Immer genug Platz, um sich einsam zu fühlen, hat man dagegen in den Alabama Hills. Abbiegen am einzigen Lichtsignal in Lone Pine, dann führt die Strasse in ebendiese Anhöhe, die in unserem Kollektivbewusstsein eingeprägt ist als Bild des Wilden Westens. Dabei ist die Weite der Prärie, von Karl May bis Zane Grey so oft beschrieben, kleiner als man denkt. In nur einer Viertelstunde durchquert man im Auto die Hills, auf einer von der Sonne beschienenen Piste, die sinnigerweise Movie Road genannt wird. Tausende roter Granitkugeln liegen da, als hätten Riesen hier gekegelt. Tatsächlich war es ein Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala, «The Big One» vom 26. März 1872, das San Francisco verwüstete und die Alabama Hills durcheinanderwürfelte.

Unten rotes Vulkangestein, oben die weissen Spitzen der Sierra Nevada

Heute wacht das Büro für Land Management darüber, dass die Alabama Hills so bleiben wie seit 150 Millionen Jahren. Davon ausgenommen sind die Spuren der Filmleute. Wo die Postkutschenstation in «Rawhide» stand, finden sich auch 60 Jahre später noch weisse Gipsbrocken. Und das Wasserloch, wo Gregory Peck als «Der Scharfschütze» einen Hinterhalt plante, war eine für diesen Zweck betonierte Lache. Auch sie ist geblieben, wo sie rein geologisch nicht hingehört.

Das Vulkangestein kontrastiert hier scharf mit den schneebedeckten Spitzen der Bergkette der Sierra Nevada. Diese Kombination von zwei aussergewöhnlichen geologischen Merkmalen macht den fotografischen Reiz aus. Unten die zerfurchten roten Canyons, oben der ewige Schnee des höchsten Bergs der USA, wenn man Alaska nicht mit einrechnet: der 4421 Meter hohe Mount Whitney.

Die steingewordene Filmgeschichte

Von den Alabama Hills aus erreicht man nach sechs Meilen im Auto den Campingplatz für Bergsteiger. An derselben Stelle hielt einst Humphrey Bogart als Gangster in «High Sierra» die Cops in Schach, und darum ist die schärfste Kurve auf den Karten als Bogart Curve verzeichnet. Irgendwie hat hier alles seine filmhistorische Bewandtnis. Hinter jedem Stein sass schon ein skalphungriger Indianer, und unter jedem könnte die giftige Gila-Echse lauern.

Die Amerikaner, die das Kino als ihre Kulturform betrachten, haben diesen Felsen Namen gegeben: Gary Cooper Rock, Audie Murphy Rock, Lone Ranger Canyon und der Hopalong Cassidy Ambush Rock. Man könnte sie auch Meilensteine der Filmgeschichte nennen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2012, 10:30 Uhr

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