Kultur

Frühenglisch mit Godard und Iñárritu

Von Florian Keller, Cannes. Aktualisiert am 18.05.2010

Die 63. Filmfestspiele in Cannes hangeln sich durch die Krise, erzählen von Armut und Tristesse – und ein Schweizer macht der Wall Street den Prozess.

Die Krise als Krimi: «Cleveland vs. Wall Street» von Jean-Stéphane Bron.

PD

An der Croisette geht das Sennentuntschi um, und seine Waffe ist ein Killerpneu. Der Film von Michael Steiner läuft zwar nicht in Cannes, aber seine französische Hauptdarstellerin Roxane Mesquida geistert hier gleich doppelt herum. Im Film «Rubber» steuert sie mit telepathischen Kräften einen mörderischen Autoreifen, der einsam durch die Prärie rollt. Und in Gregg Arakis «Kaboom» schwirrt sie als lesbische Loreley über die Leinwand. Die Frau hat offenbar ein Abonnement für morbide Rollen gelöst.

Unterdessen greift in Cannes eine neue Unsitte um sich: gebrochenes Englisch. Vor einem Jahr fielen hier Tarantinos «Inglourious Basterds» ein, mit zwei vorsätzlichen Fehlern im Titel. Jetzt haben sich auch Jean-Luc Godard und Alejandro González Iñárritu anstecken lassen. «Biutiful» heisst der neue Film des Mexikaners, der bei seinem letzten Besuch in Cannes den Regiepreis für «Babel» holte. Danach trennte er sich von seinem langjährigen Drehbuchpartner Guillermo Arriaga, und ohne ihn erzählt Iñárritu so geradlinig wie noch nie. Das dramaturgische Reissbrett seiner letzten Filme hat er entsorgt, aber die Themen sind ganz die alten: «Biutiful» ist ein Drama um Schuld und Erlösung und den Überlebenskampf in der globalisierten Moderne.

Pathos des Schmerzensmannes

Diese Gegenwart bündelt sich hier in den tristeren Quartieren von Barcelona, wo Javier Bardem als alleinerziehender Vater das Leid der Welt auf den Schultern trägt. Die Mutter seiner Kinder ist psychisch krank, er selbst versorgt illegale Einwanderer mit Schwarzarbeit, und für ein kleines Handgeld lässt er sich an offene Särge rufen, um für die Trauerfamilien mit den Seelen der Toten zu sprechen. Vom Krebs im Endstadium, der ihn zerfrisst, erzählt er niemandem. Aber weil auch ein gutes Herz manchmal Verderben in die Welt bringt, liegen eines Tages alle seine chinesischen Schwarzarbeiter tot in dem Kellerloch, in dem sie hausten.

Man wittert schon das Pathos des Schmerzensmannes – und ist dann angenehm überrascht von der Zurückhaltung, die Iñárritu hier pflegt. «Biutiful» mag das schlichtere Werk sein als «Babel», aber in einem glanzlosen Wettbewerb gibt es bislang wenig, was die fiebrige Intensität des Alejandro González Iñárritu erreicht.

Und warum eigentlich «Biutiful»? Der sterbende Vater liest das schöne Wort auf einer Zeichnung seiner Tochter – er selbst hat es ihr falsch buchstabiert. So steckt in diesem Titel das ganze Credo für den lyrischen Realismus, den Iñárritu zu seinem Markenzeichen gemacht hat: die Schönheit im menschlichen Makel zu finden.

Godards Bilderstrom

Bei Godard sind die englischen Wörter immerhin richtig geschrieben. Aber die Untertitel in seinem «Film Socialisme» sind in einem rudimentären Englisch gehalten, das keine Grammatik und keine ganzen Sätze mehr kennt. Eine kritische Pointe oder doch auch eine gewisse Arroganz der alten Avantgarde? Wer kein Französisch versteht, muss sich im Staate Godard vorkommen wie ein ungebetener Flüchtling. Und wer politischen Kampfgeist erwartet, bloss weil hier «Sozialismus» im Titel steht, ist bei Godard buchstäblich auf dem falschen Dampfer.

Da gondeln wir nämlich auf einem Kreuzfahrtschiff durchs Mittelmeer, auf einem Ozean der Zitate quer durch die europäische Kulturgeschichte zwischen Eisenstein und Patti Smith. Wie das Phantom einer verpassten Revolution wandelt die Rock-Ikone über Deck. «Quo Vadis Europa» lesen wir später auf der Leinwand. Eine andere Frage ist, wohin dieser assoziative Bilderstrom führt, der als Endlosschlaufe in einer Kunstgalerie besser aufgehoben wäre als im Kino. Dabei hallen immer wieder einzelne Sentenzen nach: «Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Schweinehunde heute ehrlich sind.»

Was damit gemeint sein könnte, zeigt ein anderer Schweizer in Cannes, der sich in seinem neuen Film die Bankenwelt vorknöpft. Es ist Jean-Stéphane Bron, der Regisseur von «Mais im Bundeshuus», der in der Quinzaine für seinen neuen Film «Cleveland vs. Wall Street» gefeiert wurde. Bron hat in amtlichen Räumen seine filmische Heimat gefunden. Nach dem Bundeshaus macht er nun ein Gericht in Cleveland zum Schauplatz eines dokumentarischen Krimis.

Die Stadt in Ohio, schon früh gebeutelt von der Immobilienkrise, hatte noch vor dem Kollaps von Lehman Brothers versucht, die Hochfinanz von der Wall Street gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Der Prozess gegen 21 Banken wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, und Bron sah seine Chance: Wenn die Frage nach der Verantwortung nicht vor einem realen Gericht verhandelt wird, muss eben das Kino einspringen, um der Wall Street zumindest symbolisch den Prozess zu machen.

Drogendealer als Immobilienhai

Für seinen Dokumentarfilm liess Bron die Gerichtsverhandlung in Eigenregie durchspielen – mit den realen Beteiligten und einem Verteidiger, der als Anwalt der Wall Street gecastet wurde. Der Prozess ist also Theater, aber die Akteure und ihre Aussagen sind authentisch. Der Film beginnt ganz unten, bei den einfachen Leuten, die in der Subprime-Krise ihre Häuser verloren haben, und folgt dann immer den Dollars entlang bis ganz hinauf zu den Masterminds der Immobilienblase. Mittendrin folgt das Paradestück der Verhandlung: Da sitzt ein Ex-Dealer im Zeugenstand und erklärt, wie er von den Drogen zum Geschäft mit den Hypotheken wechselte.

Was ist da passiert? Das ist die Frage, die diesen Prozess antreibt, und nicht ein Showdown zwischen Gut und Böse. Ein Michael Moore hätte daraus ein reisserisches Tribunal gemacht, voll auf Emotionen und Tränen getrimmt. Jean-Stéphane Bron dagegen spielt seinen Prozess nüchtern durch. Dabei ist ihm ein trockener Whodunit in der Tradition des amerikanischen Gerichtsdramas gelungen – aber ohne falsches Pathos und auch ohne Happy End. «Cleveland vs. Wall Street» ist ein Lehrstück im besten Sinne und damit auch das fällige Korrektiv zu Oliver Stones «Wall Street», der die Finanzkrise als Kulisse für ein Familiendrama bagatellisiert.

Im Übrigen war auch Woody Allen wieder da mit einer neuen Bagatelle. Sie heisst «You Will Meet A Tall Dark Stranger» und ist so inspirierend wie Däumchendrehen, und jedes weitere Wort darüber wäre eines zu viel.

Blutiger Bandenkrieg

Ein anderer alter Bekannter bemühte sich lautstark um den inoffiziellen Preis für den höchsten Bodycount. Das war Takeshi Kitano, der in «Outrage» wieder einmal einen blutigen Bandenkrieg unter den Yakuza anzettelt und dabei einem seiner Rivalen mit einem Zahnbohrer so rabiat im Mund herumfuhrwerkt, dass einem fortan jeder Besuch beim Zahnarzt wie Wellnessferien vorkommt. Die Leichen waren sonder Zahl, das Blut floss reichlich. Und alles ohne Killerpneu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2010, 21:33 Uhr

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