Kultur
«Ich muss zurück in die Höhle des Löwen»
Charlotte Rampling: Das Orakel
Sie ist die Sphinx des europäischen Autorenfilms, und genau so spricht sie auch: wie ein Orakel, aufreizend unergründlich. Die unfassbare, unterkühlte Schönheit von einst mag verblichen sein. Aber in ihrem Blick, in ihrem Lächeln wohnt alles, was man in den geglätteten Gesichtern anderer Stars ihres Alters vermisst. Charlotte Rampling ist eine Frau mit Geheimnissen, ein Rätsel, dem man weniger denn je auf die Schliche kommt. Geboren wurde sie 1946 als Tochter eines britischen Offiziers und Olympiasiegers. Nach ersten Jobs als Model wechselt sie zum Film und wird zu einer Ikone von Swinging London. Mittendrin bricht eine Welt für sie zusammen, als ihre Schwester Sarah bei einer Frühgeburt ihr Kind verliert und Selbstmord begeht. Charlotte Rampling geht nach Italien und entdeckt das Kino nochmals neu in Luchino Viscontis «Die Verdammten» (1969). Es folgt der skandalträchtige Auftritt als KZ-Überlebende, die ihre sadomasochistische Liaison mit ihrem Peiniger wieder aufnimmt, in Liliana Cavanis «Il portiere di notte» (1974). Später dreht sie in Hollywood mit Woody Allen («Stardust Memories», 1980) und Sidney Lumet («The Verdict», 1982). Nach 20 Jahren geht 1997 ihre Ehe mit dem Musiker Jean-Michel Jarre in die Brüche. Im Kino ist es dann François Ozon, der ihr mit «Sous le sable» (2000) und «Swimming Pool» (2003) ein magistrales Comeback ermöglicht. Zuletzt war sie als Schwiegermutter in Lars von Triers «Melancholia» zu sehen. Ende November kehrt sie im Thriller «I, Anna» in die Schweizer Kinos zurück, unter der Regie von Barnaby Southcombe, ihrem Sohn aus erster Ehe. (flo)
Filme mit Charlotte Rampling in Locarno, heute Freitag: «Il portiere di notte», 18.30 Uhr, L’altra sala. «Sous le sable», 21 Uhr, La sala.
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Ihre ersten Erfolge feierten Sie im italienischen Kino, später drehten Sie in Hollywood und viel in Frankreich, und überall scheinen Sie gleichermassen aufgehoben. Gibt es etwas, das Sie Ihre kulturelle Heimat nennen würden?
Es geht wohl mehr um eine Form von kultureller Adoption. Ich bin gern an Orten, die mir das Gefühl geben, dass ich da nicht wirklich hingehöre. Ich habe ein stetes Unbehagen in mir, das diesem Gefühl entspricht. Mir ist immer ein wenig unwohl, ganz egal, wo ich bin. Aber so bin ich nun mal. (lacht) Ich würde auch nicht nach England zurückkehren wollen, weil mir dort genauso unbehaglich wäre und ich sofort lieber woanders wäre. Ich bin irgendwie, Sie wissen schon . . . ruhelos.
Gab es eine Ursache für diese Rastlosigkeit?
Ich schätze, das ist mein Temperament.
Sie sagten einmal, der Antrieb für Sie als Schauspielerin sei Ihr Bedürfnis, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Wenn ich den Überblick über Ihr Werk zu wahren versuche, frage ich mich allerdings: Wo wollen Sie da immer noch neue Grenzen finden?
Das ist sehr grosszügig von Ihnen. Ich glaube zwar nicht ganz, dass es stimmt. Aber wenn Sie das sagen, freut mich das. Ich glaube nämlich, dass meine eigene Einschätzung dessen, was ich mache, nicht besonders interessant ist. Was das Überschreiten von Grenzen betrifft: Ich weiss, dass es einfach das ist, was ich tun muss. Und dann laufen mir Dinge zu, die mir genau das ermöglichen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Aber eigentlich weiss ich gar nicht genau, was ich damit meine.
Heisst das, wir sollten besser nicht über Ihre Arbeit als Schauspielerin sprechen?
Ich werde Ihnen nicht viel Interessantes darüber erzählen können.
Dann versuchen wir es mit einer Frage, die Sie im Film «The Look» aufwerfen, als Sie mit dem Fotografen Juergen Teller sprechen: «Was ist überhaupt noch ein Tabu heute?» Da Sie in Ihren Filmen wiederholt an Tabus rührten: Wollen Sie sagen, dass heute keine mehr übrig sind?
Ich weiss nicht wirklich, was ich da genau sagen wollte. Im Film war das mehr eine Reihe von Fragen. Ein Tabu, was ist das eigentlich? Tabus waren Dinge, die wir nicht tun durften, die nicht gezeigt werden durften, die in der Gesellschaft nicht akzeptiert waren. Unstatthaftes Verhalten war ein Tabu. Und heute? Ich weiss nicht recht. Wenn ich daran denke, was die ganze Enttabuisierung angerichtet hat . . . Die Tatsache, dass sich heute schon Kinder problemlos pornografische Filme anschauen können, beelendet mich zutiefst. Das hat ja nichts mit dem wirklichen Leben zu tun. Pornografie ist nichts als eine bizarre sexuelle Fiktion. Aber da sind wir nun . . . (lacht) Geben Sie mir eine nächste Frage. Eine, die mich weniger verwirrt zurücklässt.
Vor allem in Hollywood herrscht doch immer noch dieses Tabu, dass weibliche Stars nicht altern dürfen. Jedenfalls nicht so, dass man es Ihnen ansieht.
Weibliche Stars nicht, das stimmt. Männliche Stars dürfen offenbar schon altern. Männer gelten auch im fortgeschrittenen Alter noch als begehrenswert. Frauen offenbar nicht. Wir sind nur bis 50 begehrenswert.
Das klingt erbarmungslos, wie Sie das sagen.
Es ist aber so. Ein älterer Mann kann durchaus sexy sein. Eine ältere Frau dagegen ist nicht sexy. Sie kann vieles sein: verführerisch, interessant oder auch schön. Aber nicht sexy. Wenn Sie einen Film über eine ältere Frau drehen wollen, wird ihnen niemand Geld geben dafür, wenn da nicht noch eine junge, sexy Gegenspielerin dabei ist. Filme brauchen das einfach, diese Anziehungskraft. Das ist jedenfalls das, was mir die Produzenten immer sagen. Ich selber habe natürlich keine Ahnung davon.
Das sagen Sie gerne, dass Sie angeblich nichts wissen.
Ich weiss. Ich glaube schon an das, was ich glaube. Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, wenn ich darüber sprechen muss. Es hat mir immer stark zugesetzt, wie sehr man sich als Schauspielerin ausliefert. Diese Selbstentblössung beim Film, darunter habe ich immer sehr gelitten.
Können Sie das genauer sagen?
Einfach die Tatsache, wie sehr man sich als Schauspielerin den Blicken ausliefert. Wie man seine Seele entblösst, seine ganze Intimität. Ganz am Anfang, da war das noch nicht so schwer. Aber je länger man dabei bleibt, desto brutaler wird es. Die Tatsache, dass Leute einem zusehen, wird immer schwieriger zu ertragen. Das liegt einerseits daran, dass man fürchtet, sich zu wiederholen. Aber auch daran, dass man mit wachsendem Bewusstsein die Fähigkeit verliert, sich mit jugendlichem Übermut ins Zeug zu legen. Es einfach zu tun! Und ich sage brutal, weil der Blick der Menschen etwas sehr Seltsames ist. Er kann sehr wohlwollend sein. Aber auch sehr verstörend. Das laugt mich aus, mehr und mehr.
Da Sie sich trotzdem noch nicht vom Film verabschiedet haben, muss das aber eine Art Hassliebe sein.
Ja. Und es ist etwas, von dem ich weiss, dass ich es nicht lassen kann. Ich brauche das. Zwar nicht die ganze Zeit, aber ich muss immer wieder zurück in die Höhle des Löwen. Es geht immer um die «rencontre», die Begegnung: mit anderen Menschen, mit Schönheit, mit verschiedenen Formen von Energie. Das ist die Drehscheibe des Lebens für mich. Ohne das alles würde ich zugrunde gehen.
Sie brauchen die Kamera.
Ja. Ich brauche die Kamera, ich brauche den Regisseur, ich brauche die Leute darum herum. Ich brauche alle diese Dinge, die mir sehr unangenehm sind. Aber das ist das, was ich brauche. Und ich würde es nicht wagen, aufzuhören. Ich habe es einmal versucht. Und ich wurde richtig krank damals. Ich habe mich in andere Dinge vertieft, die alle nicht funktioniert haben.
Das war vor «Sous le sable» und «Swimming Pool». Die Filme mit François Ozon fühlten sich also für Sie wirklich wie ein Comeback, eine Genesung an?
Ja. Auch wenn «Sous le sable» nicht der erste Film nach der Pause war. Es war Jonathan Nossiter, der mich mit «Signs and Wonders» zurück zum Film holte.
Sie haben mit Luchino Visconti und Woody Allen gedreht, mit Sidney Lumet und Lars von Trier, um nur ein paar wenige zu nennen. Welche dieser Begegnungen, wie Sie das nennen, war die beglückendste?
Diese Begegnungen sind die Säulen, auf denen mein Leben gebaut ist. Wie Sie vielleicht gemerkt haben, besitze ich nicht genug Selbstvertrauen, um etwas allein zu machen. Deshalb war die Arbeit mit diesen Leuten entscheidend.
Und Sie wollen keinen von ihnen besonders hervorheben?
Alles begann mit Visconti. Er war mein Meister. Es brachte mir so viel zu Bewusstsein. Er brachte mich zum Erblühen, er zeigte mir, worauf es ankommt bei dieser Art von Kino. Das war fantastisch, das in so jungen Jahren zu erfahren. Ich war 22, und ich betrat Viscontis Welt, ohne zu wissen, wer er war. Als ich diese Welt entdeckte, das war . . . schiere Magie. Ich hatte solche Filme schon gekannt, aber nicht auf diesem Niveau: opulent, sehr intellektuell, aber auch sehr emotional. Visconti nahm mich buchstäblich unter seine Fittiche. Er formte mich, er kleidete mich, er war immer da, und wenn ich Angst hatte vor einer Szene, sagte er einfach: «Du spielst nur für mich.» Er war wie ein liebevoller Vater für mich, und Väter sind gewöhnlich nicht besonders liebevoll. Meiner jedenfalls war es bestimmt nicht.
Sie haben im Film also eine Art Ersatzfamilie gefunden?
Ja, unbedingt. Meine Familie brach auseinander, als ich 20 Jahre alt war. Seither verbrachte ich meine Zeit damit, an verschiedenen Orten verschiedene Familien zu gründen. Und dieses Familiengefühl, das ist das Schöne beim Film. Es ist eine so kompakte Einheit.
Im Film «Il portiere di notte», der auch hier in Locarno gezeigt wird, singen Sie wie einst Marlene Dietrich: «Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm ich in Verlegenheit.» Und wenn Sie sich nun selber was wünschen dürften? Kämen Sie auch in Verlegenheit?
Wenn ich mir irgendwas wünschen dürfte oder wenn ich mir nur etwas wünschen dürfte?
Sie weichen aus.
Sie stellen sehr gute Fragen. Aber sie sind sehr gross, diese Fragen.
Die grossen sind nun mal die schönsten.
Natürlich. Aber deswegen sind sie auch so schwierig zu beantworten.
Und dabei sollen wir es bewenden lassen?
Ja. All We Need Is Love. (singt) Da da-da-da-dam. Solche Fragen sind in Songs oft besser aufgehoben. Weil Sie mich ja nach einem Lied gefragt haben, verstehen Sie? Einfach so gesprochen, klingen diese Dinge kitschig und abgedroschen. Also sagen Sie es besser mit einem Lied. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2012, 08:30 Uhr
















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