Kultur

Im Herz der Finsternis

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 03.11.2011 3 Kommentare

Der neu aufgerollte Fall vom brutalen Söldner «Kongo-Müller» weckt Erinnerungen an den umstrittenen Dokfilm «Africa Addio» – und das bizarre Genre des Mondo-Films.

1/5 Von der Filmförderstelle abgesegneter Rassismus: Filmplakat von «Africa Addio».

   

Africa Addio

Kongo-Müller im Interview

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Gestern lief auf Arte eine neue Doku über den berüchtigten Söldner Siegfried «Kongo» Müller. Der Deutsche kämpfte in den 60er-Jahren im Kongo und wurde wegen seiner Brutalität weltbekannt («Man macht normalerweise keine Gefangenen. Und wenn es doch vorkommt, dann wird stückchenweise abgeschnitten. Zuerst das linke Bein, dann das rechte»).

Das Vorgehen der Söldner, die sich ausschliesslich auf ihre dem Gegner weit überlegene Feuerkraft verliessen, weckt Erinnerungen an «Africa Addio». Die Dokumentation ist einer der umstrittensten Filme der 60er-Jahre. In «Africa Addio» sind über zwei Stunden lang Impressionen aus dem dekolonialisierten Afrika zu sehen, darunter auch Gräueltaten, die Kongo-Müller und Konsorten begingen, massakrierte Nonnen, Moslems und Elefanten. Die These des Films: «Es gibt in Afrika nur ein grausames Tier – den Menschen.»

Blutrünstige Ekelschauen

Gedreht wurde die Doku vom berüchtigten italienischen Filmemacher Gualtiero Jacopetti, der als Gründer des «Mondo»-Genres gilt: «Dokumentationen» mit Aufnahmen aus allerlei Länder, die für den durchschnittlichen westlichen Zuschauer entweder faszinierend, abstossend, ekelerregend oder auch amüsant wirkten. Eine Art Zusammenstellung menschlichen Fehlverhaltens und zerstörerischer Zivilisationserscheinungen. Etwa Frauen, die Schweine säugen oder religiöse Fanatiker, die sich den Körper blutig schlagen. Aber auch unzähligen Gewalttaten gegen Tiere.

Die Szenen, die aus dem Zusammenhang gerissen daherkamen, wurden von einem zynischen Kommentar begleitet, der kritisch sein sollte – aber die voyeuristische Natur der Filme nur schlecht verhehlen konnte. Was bei Jacopettis erstem Mondo-Film «Mondo Cane» (daher der Name des Genres) noch einen anklagenden Duktus hatte, verflachte bei seinen Nachfolgern zunehmend zu blutrünstigen Ekelschauen.

Mit «Africa Addio» ging allerdings auch Jacopetti zu weit. Der Film behauptete zwar ein Zeitdokument zu sein, das die politische Instabilität Afrikas nach der Dekolonisation zeige. Und tatsächlich bekommt man Bilder zu sehen, die ausgebeutete Staaten zeigen, die sich selbst überlassen wurden und Nährboden boten für Korruption und menschenverachtende Diktatoren. Die Art und Weise wie Jacopetti dies zeigte, brachte ihm aber den Ruf eines Rassisten ein, der das Bild der Afrikaner in die Nähe von «Wilden» rückte, die ohne Kolonialmacht nicht auskommen. So werden die Weissen (Buren, Briten und Söldner wie Kongo-Müller), auch wenn sie wahllos Schwarze töten, zumeist als Vorbilder präsentiert – dazu erklingt Chorgesang und Cello-Spiel. Die Schwarzen hingegen erscheinen in drohenden, harten Grossaufnahmen, dazu tönen Trommeln.

Öffentliche Proteste

Nichtsdestotrotz verlieh die deutsche Filmbewertungsstelle dem Werk in den 60ern das Prädikat «wertvoll» – für «seltenes dokumentarisches Material», «ausgezeichnete Schnitte», «intensive Kameraarbeit» und einen «starken Spürsinn für wirkungsvolle Bildfolgen». Das sah dann so aus: Blonde Buren-Beautys – in Zeitlupe aufgenommen – treiben Gymnastik, während Zulu-Mädchen schnatternd weisse Slips übers schwarze Gesäss streifen. Zitat Jacopetti: «Der Kopf der Weissen steht für mich in einem grossartigen Verhältnis zum Hintern der Schwarzen.»

Solche Szenen führten nach der Film-Premiere in Berlin zu öffentlichen Protesten. Doch damit war das Ungemach für Jacopetti noch nicht vorbei. Aufgrund einer Szene, die eine Erschiessung eines schwarzen Jungen beinhaltet, wurde er wegen Beihilfe zu dreifacher vorsätzlicher Tötung vor Gericht gestellt. Ihm wurde zur Last gelegt, Kongo-Müller und seine afrikanischen Untergebenen gegen eine Alkoholspende veranlasst zu haben, einige Gefangene «kameragerecht» zu erschiessen. Beweisen konnte man es ihm allerdings nicht – wer den gestrigen Film über Kongo-Müller gesehen hat, darf aber ruhig seine Zweifel am Urteil haben. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2011, 14:54 Uhr

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3 Kommentare

Josef Bucher

03.11.2011, 17:23 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Der letzte unnötige Satz dieses Artikels ist nicht auf Tagesanzeiger (Print) Niveau. Ich habe beide Filme gesehen und habe keinen Grund den rechtmässigen Freispruch von Herrn Jacopetti zu bezweifeln. Nur weil man Jacopettis Filme "degoutant" findet heisst das noch nicht, dass man ohne Beweise andeuten darf, dass Zweifel an seiner Unschuld gerechtfertigt sind.. Antworten


Roger Furer

04.11.2011, 03:20 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Immer wenn es etwas den Kern der Wahrheit trifft, gilt es als "umstritten." Afrika Addio ist ein Meisterwerk, ein äusserst wichtiges Zeitdokument, das zeigt, wie es damals in Afrika aussah.
Rassismus? Für das Massaker an den Muslims in Sansibar und das Abschlachten von Wildtieren trifft die Weissen keine Schuld. Für die Barbarei der Mong Rebellen gibt es keine Entschuldigung.
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