Kultur
In der Feuerwalze des Gutgemeinten
Von Simone Meier. Aktualisiert am 13.02.2012 4 Kommentare
Bosnienkrieg an der Berlinale (Video: Reuters )
Standing Ovations für Jolie
Angelina Jolie ist bei der Berlinale für ihr Regiedebüt vom Publikum gefeiert worden. Bei der Premiere des Films «In the Land of Blood and Honey» am Samstagabend applaudierten die Zuschauer minutenlang.
Nach der Gala-Vorstellung bei den Internationalen Filmfestspielen sprach Jolie bei einer Podiumsdiskussion mit der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic über den Balkankrieg, die Dreharbeiten und ihre Beweggründe für den Film.
Bei ihren Recherchen habe sie die Geschichte einer einzelnen Frau besonders bewegt, sagte Jolie. «Ich habe mich mit einer aussergewöhnlichen Frau getroffen, einer aussergewöhnlich verletzten Frau, die darüber sprach, wie sie als menschliches Schutzschild benutzt wurde und wie sie zusehen musste, als ältere Frauen sich vor Soldaten ausziehen mussten.»
(dapd)
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«In the Land of Blood and Honey»
«Les adieux à la reine»
«Extremely Loud & Incredibly Close»
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Es ist alles verkehrt an der diesjährigen Berlinale: Angelina Jolie ist jetzt Regisseurin, und die französische Königin Marie-Antoinette, das bisher zuverlässig Kuchen und Männer verschlingende Partygirl, ist plötzlich lesbisch. Aber es soll hier ja auch alles ein bisschen verkehrt und anders sein; denn der alles beherrschende Mainstream, so sagte Jurypräsident Mike Leigh zur Festivaleröffnung, der sei schliesslich Hollywood, und wahre Filmkunst würde nur im Kleinen wachsen. Zum Beispiel an der Berlinale. Blöd nur, dass der Festivaldirektor Dieter Kosslick öffentlich bedauerte, dass er nicht Scorsese mit «Hugo» für die Eröffnung bekommen hatte. Scorsese? Hallo Hollywood?
18 Weltpremieren hat Kosslick nach Berlin geholt. Das sei «eine Wucht», sagte Berlins stets leutseliger Bürgermeister Klaus Wowereit, und überhaupt mache die Berlinale «einfach Spass», aber man dürfe auch nicht «die Aids-Toten» vergessen, «die hungernden Kinder» und überhaupt alle Konfliktherde der Welt. Denn die Berlinale sei ein «Fest der Solidarität» mit irgendwie allen. Womit wir schon bei Angelina Jolie wären, dem Hollywood-Star schlechthin.
Schöne Frau, viele Explosionen
Ihr zweistündiges Regiedebüt «In the Land of Blood and Honey» soll Jolies grosse Solidaritätsaktion mit den Opfern des Völkermords in Bosnien, besonders den bosnischen Frauen, sein. Sie wurde dafür milde beklatscht und ebenso milde ausgebuht. Was soll man dazu sagen? Es ist offensichtlich, dass Angelina Jolie im Leben wie im Film eine gewisse Drastik bevorzugt. Dass Authentizität für sie gleichbedeutend ist mit totaler körperlicher Verausgabung. Und dass sie alles ernst und schonungslos anpackt wie all die Actionfiguren, die sie im Kino so toll wie keine Zweite verkörpert.
Jetzt amtet sie also als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin – und wirft alles zusammen, was in den letzten Jahren ihr eigenes Schaffen auf und neben der Leinwand ausmachte: eine starke, schöne Frau in der Hauptrolle, viele Explosionen, Erschiessungen, Vergewaltigungen, dazu humanitäres Engagement ohne Ende. «In the Land of Blood and Honey» kommt daher wie eine Feuerwalze des Gutmenschentums, wuchtig, laut, emotional, überwältigend. Zuerst jedenfalls. In der ersten Dreiviertelstunde.
Verschleppt und gedemütigt
Da wird erzählt. Packend. Wie sich die bosnische Malerin Ajla (Zana Marjanovic), zwanzig Jahre ist es her, in einem Club in den serbischen Militär Danijel (Goran Kostic) verliebt, wie eine Bombe das Fest und Ajlas Leben auseinanderreisst, wie sie verschleppt wird ins Vergewaltigungslager, gedemütigt, geschunden. Wie ihr die Flucht gelingt, bevor sie dann erneut in die erst zarten, dann immer härteren Fesseln der Liebe zu Danijel gerät, und wie aus der Liebe schliesslich Verrat wird. Bis zur Hälfte hat Angelina Jolie alles angelegt wie einen spannenden Actionfilm, das Tempo und die Schockmomente stimmen.
Doch langsam franst der Film aus, die Dialoge werden wichtiger und schlechter, die pseudophilosophischen Banalitäten nehmen überhand, und schliesslich bleibt der Eindruck, zwei Stunden lang einem politisch höchst korrekten, extrem aufrichtig und gut gemeinten Unterrichtsfilm für künftige UNO-Sonderbotschafter – zu denen Angelina Jolie selbst seit über zehn Jahren gehört – gefolgt zu sein. In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt, sagt uns Angelina Jolie, und das ist nun keine neue Weisheit. Aber immerhin, das muss man ihr zugestehen, sagt sie dies ohne jede Eitelkeit und fast ohne jeden Kitschverdacht.
Neben Jolie sorgte auch Léa Seydoux für Aufsehen, die neue Allzweckwaffe und der Lieblingsschmollmund der Franzosen: Sie spielte in Tarantinos «Inglourious Basterds» eine tapfere Bäuerin, in Woody Allens «Midnight in Paris» eine sensible Antiquitätenhändlerin und gerade erst in «Mission: Impossible» eine stählerne Killerin. Jetzt, an der Berlinale, ist sie gleich in zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen: in «Les adieux à la reine» von Benoît Jacquot und in «L’enfant d’en haut» von der Schweizerin Ursula Meier.
In «Les adieux à la reine» ist Léa Seydoux eine vor Ergebenheit und Ehrgeiz blinde Hofdame der Marie-Antoinette, also selbst eine kleine Regentin der Hintertreppen von Versailles. Und dieses Versailles ist zum ersten Mal konsequent so, wie man es sich immer vorstellt, eine vergoldete und parfümierte Kloake voll von Fliegen, Flöhen, Stechmücken und toten Ratten. Und voll von Menschen, die sich gebärden, als wären sie an einer Castingshow. Es ist dies ein überraschender, zunächst überzeugender, aber vielleicht doch auch etwas übertriebener Naturalismus.
Marie-Antoinette (Diane Kruger, Deutschlands erfolgreichster Hollywood-Export) findet angesichts der albern bestrumpften Höflinge eine schöne Frau ganz einfach die schönere Lösung für all ihre Sehnsüchte, doch leider ist ihre Favoritin nicht das sowieso schon in sie verknallte junge Ding. So ergibt sich vor dem dramatischen Hintergrund der Französischen Revolution eine reizende Dreieckstragödie unter Grazien. Das ist alles sehr hübsch, und Versailles – gedreht wurde nachts und an den besucherfreien Montagen – ist einmal mehr eine Traumkulisse. Aber bringt ein überkonstruierter Kostümschinken die Kinokunst weiter?
Purer, zäher Kitsch
An ihr unterstes Ende gelangte diese in Stephen Daldrys «Extremely Loud & Incredibly Close». Daldry, der Mann, der «The Hours» gemacht hat und «The Reader», ist ja der gefühligen Schmonzette nicht abgeneigt, und das gilt auch für seine Verfilmung von Jonathan Safran Foers gleichnamigem Roman. Es stirbt da Tom Hanks im Inferno von 9/11, und seine Frau (Sandra Bullock, noch mehr Hollywood) wird zur vergrämten Witwe. Dies, während sein Sohn, der unter einem halben Asperger-Syndrom (einer Form von Autismus) leidet, zusammen mit seinem Grossvater (einst bei der Bombardierung von Dresden verstummt) das Angedenken des Vaters zu bewahren und zu erhöhen versucht.
Das ist herzig gemeint und soll im Original eine bekömmliche Art von Ironie besessen haben. Bei Daldry ist es purer, zähflüssiger Kitsch. Weshalb Max von Sydow und Daldrys Film für zwei Oscars nominiert sind, das weiss allein die Oscar-Academy. An der Berlinale läuft er unter dem Spitznamen «Extremely Loud & Incredibly Boring». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.02.2012, 09:48 Uhr
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4 Kommentare
Dann sollten wir auch das Haager Kriegsverbrecher Tribunal einstellen, denn das reisst ja schliesslich auch alte Wunden zu einem "ungünstigen Zeitpunkt" auf, oder etwa nicht? Einem Karadzic vor einem Kriegsverbrechergericht die Terrorisierung der Stadt Sarajewo vorzuwerfen ist auch "ungünstig" und "politisch inkorrekt"? Und Dodiks Völkermordleugnung fällt dann wohl unter "Meinungsfreiheit". Antworten
Von wegen politisch korrekt...wieder mal die üblichen Schuldzuweisungen, Serben als Schlächter und Vergewaltiger, alle anderen Unschuldslämmer. So einfach ist es dann doch nicht, Vergewaltigungen wurden von allen Kriegsparteien verübt. Vergewaltigungslager gab es nicht, das Gerücht war von einer US PR-Agentur in die Welt gesetzt worden. Der Film reisst alte Wunden auf, zu einem ungünstigen Zeitpkt Antworten
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