Kultur

«Man muss dieser SVP-Initiative absolute Humorlosigkeit zusprechen»

Von Simone Meier. Aktualisiert am 26.11.2010 73 Kommentare

Hanspeter Müller-Drossaart gehört zu den beliebtesten Schauspielern der Schweiz. Und im Vorfeld der Abstimmung vom nächsten Sonntag wurde er auch zu einem der politisch engagiertesten.

Hanspeter Müller-Drossaart in der Zürcher Herman-Greulich-Strasse, benannt nach einem erfolgreichen Einwanderer.

Hanspeter Müller-Drossaart in der Zürcher Herman-Greulich-Strasse, benannt nach einem erfolgreichen Einwanderer.
Bild: Nicola Pitaro

Sie spielen gerade in drei Kurzfilmen von Micha Lewinsky einen bösen Lehrer, der ausländische Schüler härter bestraft als einheimische, und machen sich damit gegen die Ausschaffungsinitiative der SVP stark. Wie kam es zu diesem politischen Engagement?
Wie Micha und sein Vater Charles Lewinsky war auch ich nach der Minarettabstimmung schockiert. Ich hatte nie für möglich gehalten, dass diese Initiative angenommen würde; ich hatte wie viele meiner Bekannten geglaubt, dass ja niemand so blöd sein könne, dies anzunehmen. Ich sagte mir: So was darf nicht mehr passieren. Als Micha deshalb mit seiner Kurzfilmidee kann, sagte ich: Ja, wir müssen was machen. Wir haben zwar kein Geld, aber wir haben unsere Arbeitskraft. Es kann doch nicht sein, dass der Ueli bei uns anders behandelt wird als der Ali.

Seit diesem Sommer sind Sie der neue Dällebach Kari im Musical. Verbindet Sie und den Berner Coiffeur Kari eine Aufmüpfigkeit gegen starre Autoritäten?
Was interessant ist am Kari, ist auf jeden Fall die Ironiefähigkeit. Man muss dieser SVP-Initiative ja eine absolute Humorlosigkeit zusprechen. Sie hat etwas Moralisierendes und wahnsinnig Verlogenes. Was wir in den Kurzfilmen daraus machen, finde ich witzig und ironisch, das ist derart übersteigert, dass man es sofort als Fiktion erkennen kann. Und hier kann man den Bogen zum Kari spannen, der hat ja auch dauernd Anekdoten erfunden, um darin die Wirklichkeit zuzuspitzen. Dass man mit Fantasie, Geschichten, Ironie und Humor einen Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen kann, das ist gewiss eine Verbindung zwischen uns beiden.

Dass die SVP humorlos agiert, ist das eine. Aber ist dies beim Gegenvorschlag zur Ausschaffungsinitiative nicht auch der Fall?
Unser Problem ist ja nicht die Stärke der SVP, sondern die Schwäche der andern Parteien. Die sind enorm argumentationsschwach und argumentationsunlustig. Einfach zu denken: «Es kann ja nicht sein, dass eine derart deutlich populistische Vorlage eine Wirkung hat», ist zu wenig. Die anderen Parteien müssen sich auf die Socken machen und anfangen zu argumentieren, sie müssen Figuren finden, die diesen Volkstribunen mit Lust und Kraft und Sprache die Stirn bieten.

Das klingt, als möchten Sie sich auch nach der Abstimmung politisch engagieren. Vielleicht mit Ihrem Kabarettprogramm?
Das versuche ich dort und werde es auch weiterhin versuchen, aber ich finde es schwierig, in der Schweiz politisches Kabarett zu machen. Wer das hervorragend macht, ist Lorenz Keiser, der ist umfassend informiert, auch Giacobbo/Müller probieren es immer wieder erfolgreich. Die Schweizer sind allerdings noch etwas hüftsteif im ironisch-satirischen Umgang mit Obrigkeiten und politischen Zuständen. In der Folge davon ist es für die Kabarettisten schwierig, hier zu punkten. Im allzumenschlichen Alltags-Comedy-Bereich lässt sich der Eidgenosse dafür umso lieber zum Lachen verführen. Aber ich finde, dass man in meiner Position, mit meiner Bekanntheit, auch eine politische Verantwortung trägt. Trotzdem möchte ich nicht das künstlerische Parkett mit dem politischen tauschen.

Im Film «Cannabis» spielten Sie einen konservativen Bundesrat, der durchs Kiffen zum Glück findet. Machte es Ihnen Freude, das trockene Bundesbern so subversiv zu spiegeln?
Sehr grosse Freude. Ich werde auch noch immer viel darauf angesprochen, etwa von Jungen im Bahnhof, die den kiffenden Bundesrat mit dem Handy fotografieren wollen.

Christoph Mörgeli und Ueli Maurer wirken ja nicht besonders lebenslustig. Würden Sie der SVP das Kiffen empfehlen?
Bei Maurer bin ich mir nicht so sicher. Der wirkt auf mich recht lebensfreudig. Seit er im Bundesrat ist, hat er ja auch mehr an Wirklichkeit gewonnen und ist nicht mehr nur der Taktgeber, sondern der Realisator. Ich habe auch weniger Angst vor einem Mörgeli und einem Maurer als vor den Mitgliedern der Jung-SVP. Da gibt es junge Menschen, die in das Horn dieser gesteigerten rechtslastigen Konservativität blasen. Das macht mir Angst. Ich habe immer das Gefühl, Junge müssten doch an eine Öffnung glauben und sich nicht so verschliessen. Aber da wird das Potenzial einer Verunsicherung – Globalisierung, drohende Arbeitslosigkeit – in eine demagogische Richtung gelenkt.

Haben Sie Angst vor dem Sonntag?
Angst macht immer so immobil, aber ja, ich habe grosse Bedenken, dass es der SVP gelingt, entweder ihren Vorschlag oder den Gegenvorschlag zu erzwingen. Der Gegenvorschlag ist derart durchtränkt von Angeboten und Zugeständnissen an die SVP, dass auch er die europäischen Menschenrechte tangiert. Ich möchte beides nicht in der Verfassung eingeschrieben haben. Bis jetzt hat sich aber wohl noch kein Schweizer ernsthaft die Frage gestellt: Was sind eigentlich Menschenrechte bei uns, was heisst das genau? Was bedeutet Respekt? Es gibt zu wenig Dialog darüber, was wir eigentlich haben, und deshalb sind die Schweizer auch so schnell verführbar, an einen schwarzen Teufel zu glauben.

Was ist für Sie Demokratie?
Eine gleichzeitige Mischung zwischen werterhaltender Konservativität und der permanenten Hinterfragung dieser Werte. Es kann nicht sein, dass ein Wert stehen bleibt, der sich eigentlich überlebt hat. Viele Gesellschaften sind zusammengebrochen, weil man nicht mehr fragen durfte: Ist das nun ein Wert, der für alle gil,t oder nicht?

Ich sehe, Sie lesen gerade als Freizeitlektüre das Buch «Schweizer Geschichte» der welschen Journalistin Joëlle Kuntz. Ein Mittel zur politischen Weiterbildung?Ich will immer rausfinden, was eigentlich der Kern unserer Identität ist, was uns ausmacht, wie zum Beispiel der Zürcher Zwinglianismus auf die Schweiz ausgestrahlt hat oder was sich hinter gewissen Redewendungen verbirgt. Jetzt habe ich etwa gelernt, dass die Berner immer die gewieftesten Politiker waren und dass Bern nicht von ungefähr zur Bundeshauptstadt wurde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2010, 07:57 Uhr

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73 Kommentare

Markus Studer

26.11.2010, 11:44 Uhr
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Einmal mehr zeigt sich, dass viele Schweizer nicht damit klar kommen, wenn sich jemand mit einer Meinung exponiert und weiter denkt als sein Bauchgefühl. Mehrere Kommentaroren wollen ihre eigene Meinung allen Anderen vorschreiben. Denkanstösse wie sie Hanspeter Müller-Drossaart formuliert, werden von den selbsternannten Gralshütern der Eidgenossenunanständig niedergebrüllt. Diktatur der Ignoranz. Antworten


peter pfrunder

26.11.2010, 10:20 Uhr
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J.Mata muss ich beipflichten. Wie heisst ein altes Sprichwort: "Schuster bleib bei deinen Leisten". Als Schauspieler mag er ja ok sein, was ich nicht beurteilen kann.Aber er ist doch sehr arrogant in seinen polit. Aussagen, die typischerweise bei Künstlern im linksintelektuellen Mainstream verhaftet sind und genau das sind,was sie Andersdenkenden vorwerfen- stur, überheblich und pseudo elitär!. Antworten




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