Schwarz gegen Weiss

In «Birth of a Nation» von Nate Parker geht es um offenen Rassismus.

Ein blutiger Aufstand. Nat Turner (Nate Parker) lehnt sich zusammen mit anderen Sklaven 1831 im Süden des Bundesstaates Virginia gegen die Weissen auf.

Ein blutiger Aufstand. Nat Turner (Nate Parker) lehnt sich zusammen mit anderen Sklaven 1831 im Süden des Bundesstaates Virginia gegen die Weissen auf. Bild: Keystone

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Betitelt ein schwarzer Regisseur seinen Film, für dessen Entstehung er sieben Jahre kämpfte, «The Birth of a Nation», dann ist das Provokation, Statement und Programm. Denn zumindest in Amerika und zumindest unter allen im Film­geschäft Tätigen ist ganz klar, worauf er sich bezieht: Auf den Film selben Titels von D. W. Griffith aus dem Jahr 1915. Ein Meisterwerk aus filmtechnischer Sicht. Ein Schandfleck aus politischer Sicht. Der Film hiess ursprünglich «The Clansman». Er basierte auf dem Buch selben Namens des weissen Rassisten Thomas Dixon Jr.

Clansman? Ja, um nichts anderes als den Ku-Klux-Klan geht es, was übrigens auch das Filmplakat von damals veranschaulicht. Im zweiten Teil des Originals von 1915 wird die Gründung und der Aufstieg des Klans, der in langen weissen Roben und Spitzhüten sein tödliches Unwesen gegen Schwarze trieb, liebevoll ausgebreitet.

Selbstverständlich sieht Nate Parker mit seinem «Birth of a Nation» 2016 bei der Geburt einer anderen Nation zu: jener der Schwarzen in Amerika. Erniedrigt, ausgebeutet, missbraucht, misshandelt, vergewaltigt, geschlagen, gepeitscht und gefoltert, stehen sie auf, die Sklaven im Süden des Landes, bewaffnen sich mit Hieb- und Stich­waffen und erdolchen, erschlagen, erstechen ihre Unterdrücker.

Nate Parker hat nichts erfunden. Er hat sich für seinen Film ganz einfach an die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gehalten. Im Jahr 1831, 30 Jahre also vor Ausbruch des Bürgerkrieges, kam es im Süden von Virginia, im Southampton County, zu einem Sklavenaufstand, angeführt von Nat Turner.

Blutvergiessen sondergleichen

Turner war als Jungem von einer ebenso wohlmeinenden wie herablassenden reichen weis­sen Frau das Lesen beigebracht worden. Er wurde in der Folge zum Prediger, der den Schwarzen aus der Bibel vorlas. Doch statt mit salbungsvollen Worten die Spannungen zwischen Schwarz und Weiss zu mildern, wie angedacht von seinen Förderern, nutzte er seinen ­Einfluss, seine Wortgewandtheit, seine Intelligenz, um ein Blutvergiessen ­sondergleichen auszulösen. 55 weisse Farmer, Gutsbesitzer, Sklavenhalter und ihre Frauen wurden vom Mob ermordet.

Die Rache war grässlich: Unschuldige Sklavinnen und Sklaven, Männer, Frauen und Kinder wurden nach der Niederschlagung des Aufstands gehängt, erschossen, verbrannt. Nat Turner selbst wurde, zur Abschreckung, nachdem er am Strang hingerichtet worden war, geköpft, gehäutet, gevierteilt. Sein Körperfett wurde zum Schmieren von Wagenlagern verwendet.

Der Film zeichnet chronologisch den Leidensweg des im Alter von 31 Jahren getöteten Nat Turner nach; als Jesus ans Kreuz genagelt wurde, war er ungefähr im selben Alter, auch in seinem Leben gibt es einen Judas, wie bei Nat Turner. In der ersten Hälfte des zweistündigen Films sehen wir sein Leben auf der Plantage seines Besitzers Samuel Turner, in der zweiten Hälfte den Rachefeldzug in einer formvollendeten Gewaltorgie.

Ein schwaches Echo

D. W. Griffith hat mit «Birth of a Nation» einen herausragenden Film geschaffen, weil er die Kunstform Film auf eine neue Ebene brachte. Innovationen in Schnitt, Kameraführung und Inszenierung waren aufsehenerregend. Davon ist das Echo 101 Jahre später weit entfernt. Parker hat einen soliden Film gedreht, in dem er selber die Hauptrolle spielt. Es ist ihm da und dort vorgeworfen worden, er dränge sich selber zu weit in den Vordergrund. Das ist absurd.

In einem Film, in dem es um das Leben von Nat Turner geht, geht es naturgemäss vor allem um Nat Turner. Der neue «The Birth of a Nation» war bei seiner Premiere am Sundance Film Festival Ende Januar 2016 mit stehenden Ovationen bedacht worden. Er galt als potenzieller Filmpreissammler erster Güte. Bis alte Vorwürfe gegen seinen Macher Nate Parker auftauchten, er sei zu Studentenzeiten an der Vergewaltigung einer Frau beteiligt gewesen. Er wurde zwar freigesprochen, die Uni aber zahlte der Frau ein Schmerzensgeld. Sie nahm sich 2012 das Leben.

Nat Turner im Film macht den entscheidenden Wandel zum Aufrührer durch, nachdem seine Frau Cherry von einer Gruppe Weisser vergewaltigt wurde. Der angebliche Vergewaltiger Nate Parker sah all seine Aussichten auf höchstes Lob und Anerkennung zerstört. Eine merkwürdige Verknüpfung der Schicksale.

Doch all das Lob, all die Preise, all die Hymnen wären auch überrissen gewesen und in gewisser Weise ebenso unangebracht, wie bis heute vom Ku-Klux-Klan-Film «The Birth of a Nation» zu schwärmen, weil er den Film revolutionierte. Griffith gelang ein heraus­ragender Film, aber der Geist dahinter war verachtenswert. Bei Parker verhält es sich gerade umgekehrt. Er drehte einen herkömmlichen Film, aber er hätte wegen dessen Botschaft über den grünen Klee gelobt werden sollen.

Denn in Zeiten, in denen Schwarze auffallend häufig zum Opfer von Polizeigewalt werden und man zum Slogan erheben muss, was allen klar sein sollte – Black Lives Matter! –, in Zeiten, in denen auf einen schwarzen Präsidenten ein weis­ser folgt, von dem vermutet wird, er sei ein Rassist, ist das Thema Schwarz gegen Weiss plötzlich wieder so virulent wie zuletzt in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die (weisse) Schriftstellerin Jodi Picoult hat letztes Jahr mit «Small Great Things» einen Roman veröffentlicht, in dem es um die Rassenfrage geht. Ihr Buch wurde weitherum thematisiert. Es hat auf amazon.com bis jetzt zu ganz erstaunlichen 4742 Leserkommentaren Anstoss gegeben und wird mit Julia Roberts und Vioa Davis in den Hauptrollen verfilmt.

Nächste Woche läuft in unseren Kinos der Überraschungs­erfolg «Get Out» an. Der (schwarze) Regisseur Jordan Peele hat sich für seinen Horrorstreifen der etwas anderen Art eine herrlich perfide Ausgangslage ausgedacht: Ein junger Schwarzer, verliebt in eine junge Weisse, wird auf einem vornehmen Landsitz den Eltern seiner Freundin vorgestellt. Alle heucheln Toleranz, Offenheit, Unvoreingenommenheit, doch dahinter ist der latente Rassismus spürbar – und am Ende fallen die Masken.

Die Urschuld der Weissen

Egal welcher Hautfarbe man ist, eines steht unverrückbar fest: Das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiss ist ein Thema. War es wohl immer, nur nicht mehr so offensichtlich wie gerade jetzt. Die Urschuld der Weissen lässt sich dabei nicht leugnen: Zu Tausenden wurde Afrikanerinnen und Afrikaner nach Amerika verschifft. Erniedrigt, ausgebeutet, missbraucht, misshandelt, vergewaltigt, geschlagen, gepeitscht, gefoltert und getötet. Dann kam der Bürgerkrieg. Der Norden obsiegte.

Dann schien alles besser. Dann zeigten – vor allem im Süden – wieder die Weissen, wer das Sagen hatte. Neue Rassenkriege, mehr Hass, mehr vergossenes Blut. Der Traum von Martin Luther King ist ein Traum bis heute.

Dann «affirmative action» – «positive Diskriminierung» –, die staatlich verordnete Bevorzugung der Schwarzen. Und all dem gegenüber stehen Zahlen: viel mehr Schwarze in den Gefängnissen der USA. Viel mehr Drogendealer unter den Schwarzen. Viel mehr Armut. Viel mehr zerrüttete Familien, aber weniger soziale Mobilität.

Dann der Aufschrei nach der Oscar-­Verleihung 2016. Wo sind die Preise für die Schwarzen? Weshalb wurden sie nicht nominiert? Eine Forderung, die man von den Latinos, den Asiaten oder den Indianern so noch nie gehört hat.

Und jetzt? Was kurz nach der Wahl Obamas bei den Fernsehsendern in den USA begann, schlägt sich plötzlich in den Filmen nieder: Auf viel mehr schwarze Gesichter in Serien, Werbespots und in den Nachrichtenstudios folgen auffällig mehr schwarze Gesichter auch in Hollywood-Produktionen. Vor lauter Political Correctness stört sich dann auch niemand daran, wenn plötzlich in «The Beauty and the Beast» Schwarze auftauchen, wo Schwarze gar nie auftauchten. Als liesse sich auf diesem Weg diese Urschuld tilgen.

Der feine Unterschied

Zurück zu «Birth of a Nation». Es ist ein alter Trick, zur Objektivierung einfach quasi die Brille zu wechseln. Oder die Farbe zu vertauschen. So wie Nate Parker die Weis­sen in «Birth of a Nation» darstellt, handelt es sich ganz offen um Rassismus. Sie sind abgefeimt, brutal, überheblich. Sie sind fast ausnahmslos von Vorurteilen besessen, Pädophile, Sextäter, Sadisten. Am Ende, als Nat Turner zum Schafott geführt wird, zeigt Nate Parker die vom Hass verzerrten, weissen Gesichter.

Die Frage ist, was er mit seinem Film erreicht. Erreichen wollte.

Aufschlussreicher, erschütternder und vor allem gescheiter wäre es, sich «I Am Not Your Negro» anzuschauen, den Arte diese Woche zeigte, der in einigen Kinos der Schweiz derzeit läuft und der wohl auch nach Basel kommen wird. Ein halb dokumentarischer Film, der auf dem Leben, den Aufzeichnungen, den Werknotizen des grossen schwarzen, amerikanischen Schriftstellers James Baldwin (1924–1987) beruht. Raoul Peck ist damit ein Meisterwerk gelungen. Differenziert, klar und unmissverständlich zeigt er, wie es um den Ausgleich zwischen Schwarz und Weiss in den USA bestellt ist: lausig. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.04.2017, 11:11 Uhr

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