Sündige Nonnen

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 09.09.2010

Lindsay Lohan spielt im viel gelobten Film «Machete» eine frivole Nonne. In Literatur, Musik und Kino beflügeln Ordensschwestern die (männliche) Fantasie immer wieder.

1/8 Wütende Schwester: Lindsay Lohan in «Machete».

   

Lindsay Lohan hats geschafft, man spricht wieder über sie. Zu verdanken hat sie das dem Film «Machete», der eben an den Filmfestspielen Venedig vorgestellt wurde. Darin spielt das schauspielernde Partygirl eine Nonne. Eine attraktive Nonne notabene, die mit einer Riesenknarre unterwegs ist.

Die abartige Nonne ist ein viel bemühtes Bild in der Popkultur – sorgt aber zuverlässig für Aufmerksamkeit. So stülpte sich Lady Gaga kürzlich für ihren Clip «Alejandro» ein rotes Nonnen-Kostüm aus Lack über und schluckte einen Rosenkranz. Wobei man davon ausgehen muss, dass Gaga einmal mehr bei Madonna abgekupfert hat. Die kokettierte bereits im Clip zu «Like a Prayer» mit katholischen Symbolen. «Blasphemie, um andere Menschen zu unterhalten? Das ist so billig, wie ein Komiker, der Witze über einen Furz macht», polterte Sängerin Katy Perry, nachdem sie Gagas Clip gesehen hatte. Wobei ihr entging, dass der Erfolg ihres eigenen grossen Hits «I kissed a Girl» ähnlich zustande kam: Der Bewirtschaftung von (männlichen) Lesbenfantasien.

Nunsploitation-Filme

Solche gabs übrigens schon im frühen Mittelalter. Etwa beim Schriftsteller Giovanni Boccaccio: Im «Decamerone» aus dem Jahr 1351 lesen wir von einer Äbtissin, die nachts eine ihrer Nonnen mit ihrem Liebhaber im Bett überraschen will. Da sie aber selbst einen Priester bei sich hat, bindet sie statt des Schleiers dessen Hosen um. Als die Angeklagte diese erblickt und die Äbtissin darauf aufmerksam macht, wird sie freigelassen und darf ungestört mit ihrem Geliebten verweilen. Weitere frivole Nonnen finden sich bei Pietro Aretino («Ragionamenti», 1600) oder Denis Diderot («La religieuse», 1762). Mit «Schwarze Narzisse», einem Film aus den 30er-Jahren, der eine wahnsinnige Nonne zeigt, fassten die bösen Nonnen auch im Film Fuss.

Als zölibatäre, hinter Klostermauern lebende Frauen, sind Nonnen für Männer sexuell komplett unerreichbar – und damit umso begehrenswerter. Es war deshalb bloss eine Frage der Zeit, bis auch ein eigenes Erotik-Genre entstand, das sich fehlgeleiteten oder geschändeten Ordensschwestern widmete: Die sogenannten «Nunsploitation»-Filme der 70er, unter anderem auch vom Schweizer Schmuddelpapst Erwin C. Dietrich produziert. In den Filmen geht es normalerweise um eine Frau, die gegen ihren Willen zur Nonne gemacht wird, weil sie sich zuvor sexuell versündigt hat. Im Kloster gehts dann freilich erst richtig zur Sache.

Heute wirken die Übergänge zwischen religiöser und sexueller Ekstase in Filmen wie «Die lüsternen Nonnen des Boccaccio» oder «Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne» in erster Linie unfreiwillig komisch. Vielleicht ist das der Grund, weshalb man Schwester Lindsay eine Knarre in die Hand gedrückt hat: damit man sie Ernst nehmen kann. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.09.2010, 14:28 Uhr

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