Kultur

Swingerclubs und Rudolf Steiner

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 03.02.2010

Was die Anthroposophen am meisten brauchen, ist eine öffentliche und kritische Debatte. Der neue Dok-Film des Schweizer Regisseurs Christian Labhart machte sie möglich; in Basel fand sie jetzt statt.

1/5 «Sie teilen ein in Gut und Schlecht»: Christoph Homberger kritisiert die Anthroposophen.
PD

   

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«Zwischen Himmel und Erde – Anthropo- sophie heute», läuft ab morgen in diversen Schweizer Kinos und ab dem 11. Februar in Zürich.

Dann hält er es nicht mehr aus im vollen Kinosaal. Christoph Homberger springt auf, greift sich das Mikrofon und redet sich die Wut vom Leib. «Bei den Anthroposophen wird immer eingeteilt in Gut und Schlecht», sagt er. Politisch nehme die Bewegung nie Stellung, zugleich habe ein Holocaust-Leugner fünf Jahre lang in einer Steiner-Schule unterrichten können. In Stössen redet es aus ihm heraus, sein Puls rast, er atmet schwer. Dann sitzt er wuchtig ab.

Der 47-jährige Opernsänger ist einer der sieben, die der Schweizer Regisseur Christian Labhart in seinem neuen Dokumentarfilm porträtiert – und er ist der Einzige, der nicht mehr ein Anthroposoph sein will. Das Publikum im Basler Kino Movie hat den Zürnenden soeben bildfüllend erlebt. Jetzt stellt er sich mit anderen, die auch im Film vorkommen, der öffentlichen Debatte. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt; die allermeisten, die an diesem klaren, kalten Sonntagmorgen hierhergekommen sind, gehören der anthroposophischen Bewegung an – oder empfinden sich als Sympathisanten.

Die Angst vor dem Unterleib

So bezeichnet sich auch Regisseur Labhart, der seine Kinder in eine Steiner Schule schickte, zur anthroposophischen Weltanschauung aber ambivalente Gefühle hegt. Seinen Film mit dem umständlichen Titel «Zwischen Himmel und Erde – Anthroposophie heute» versteht er als Auseinandersetzung mit einer Bewegung, die sich mit Kritik immer schwertat.

Dabei besteht zur Kritik allen Grund. Wer Heilsversprechen misstraut, wer allergisch auf Pathos und dünnlippige Herablassung reagiert, hat keine Mühe, seine Vorurteile zu deklinieren. Die Anthroposophie kommen einem als alternativ auftretende, dabei tief konservative Bewegung vor, die bei jeder Gelegenheit ihren Meister vorzeigt, über seine Fehleinschätzungen und Ausfälligkeiten aber schweigt. Die eine Weichzeichner-Pädagogik für den ganzen Menschen verbreitet, ausmalt, vortanzt und durchphilosophiert, aber panische Angst hat vor dem Unterleib. Und deren Anhänger das Gute verehren, aber das Schlechte nicht vertragen – ausser es teile sich, wie Goethes Mephisto, in Reimen mit.

Es kommt dann einiges anders, als man es sich gedacht hatte. Das hat zunächst mit den sehr unterschiedlichen Typen zu tun, die in Labharts Film auftreten. Und die er ohne kommentierende Einmischungen durch den Alltag begleitet, in ruhigen, elegant geschnittenen Passagen. Die Auftritte bestätigen zuerst alle Vorurteile – und konfrontieren sie dann mit Überraschungen.

Kühe und Swingerclubs

Da ist zum Beispiel der Zürcher Bauer Martin Ott. Er spricht mit einer solchen Inbrunst über die biodynamische Landwirtschaft samt grosszügig eingestreuten Steiner-Zitaten, dass man am liebsten im nächsten McDonald’s um Asyl nachsuchen möchte. Wenn er dann aber über seine Kühe redet oder mit den behinderten Kindern, die er betreut, tut er das mit demselben leicht skurrilen Humor, den er mit seiner Mundartgruppe Baldrian seit langem verbreitet. Und was er zwar nicht im Film sagt, dafür in der Debatte: Ott selber hat als Jugendlicher gegen die Steiner-Schule rebelliert und sie im Zorn verlassen. Dennoch überzeugt ihn das Konzept einer schonend betriebenen Landwirtschaft.

Überraschendes kommt auch vom Kölner Journalisten Sebastian Gronbach, der sich als Missionar der Bewegung bezeichnet und auch keinen Zweifel daran lässt, wie sehr er von sich selber begeistert ist. Immerhin hat er Originelles zu bieten. Gronbach organisiert Techno-Raves, boxt, bloggt und zieht Vergleiche zwischen der Anthroposophie und den «Matrix»-Filmen. Er besucht mit seiner Frau Swinger-Clubs und findet, der Herr Doktor Steiner habe zwischendurch auch Bullshit gesagt.

Eine Idylle der Mittelklasse

Noch mal ganz anders denkt Claudine Nierth, Eurythmistin aus Nordfriesen. Wer die Anthroposophie ernst nehme, sagt sie, müsse auch Ernst machen. Inspiriert von Joseph Beuys’ Forderung nach direkter Demokratie, fährt sie seit Jahren mit einem weissen Bus durch Deutschland und sammelt Unterschriften für Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild. Frohgemut sitzt sie am Steuer, neben ihr das von der Mahnung zur Aufforderung umkorrigierte Schild: «Bitte mit dem Fahrer sprechen.» Nierth arbeitet mit der globalisierungskritischen Attac-Bewegung zusammen. Und widerlegt die oft gehörte Behauptung, Anthroposophen seien entweder unpolitisch oder reaktionär.

Selbstverständlich muss in einem solchen Film auch die Lehrerin einer Steiner-Schule ihren zarten Auftritt haben, denn die Schule bleibt das Epizentrum für die Verbreitung der anthroposophischen Lehre. Der Regisseur hat ein Siebtel seines Budgets von der Anthroposophischen Gesellschaft bezogen; es kommt einem vor, als habe er es in die Auftritte der jungen Lehrerin investiert.

Susanne Wende präsentiert ihre Arbeit in der Steiner-Schule von Kreuzlingen nämlich als sonnendurchflutete Mittelklass-Idylle: morgendliches Singen, Heiterkeit im Klassenzimmer, Wandern in den Alpen. So hätten es die Lehrer in den überfüllten, von kulturellen Spannungen zerrissenen Staatsschulen der Vorstädte auch mal gern.

Diese Harmonie, die ohne massive Verdrängung nicht zu haben ist, stört Christoph Homberger am meisten, den Dissidenten in Labharts Film. Und der Mann weiss, wovon er redet. Zwanzig Jahre seines Lebens sei er «mit Anthroposophie zugekleistert worden», sagt er – als Kind eines Steiner-Lehrers und dann zwölf Jahre in der Zürcher Schule, an der sein Vater unterrichtete.

Später musste er «unheimlich wegbrechen» und hatte grosse Schwierigkeiten, sich in der Aussenwelt zurechtzufinden. Er habe der Anthroposophie viel zu verdanken, räumt der Sänger heute ein, bekomme von ihren Vertretern aber keine Antwort auf seine Fragen. Man sage ihm, er sei noch nicht so weit, man sage ihm, er könne es nicht verstehen. Oder man wechsle das Thema.

Immer droht das Dogma

Gerade das passiert dann im Basler Kino nicht; Hombergers Wutanfall löst keine Abwehr aus, sondern eine Debatte. Mehrere Leute aus dem Publikum bestätigen, auch sie seien an den SteinerSchulen nicht ernst genommen worden. Andere weisen darauf hin, seit Hombergers Abgang seien mehrere Zehntausend Schülerinnen und Schüler durch diese Schulen gegangen, ohne solchen Schaden genommen zu haben. Dazwischen wird auch viel gelacht. Zitternde Empörung ist nicht zu spüren.

Selbst Bodo von Plato, seit 2001 im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft aktiv, äussert sich differenziert, sowohl im Film wie in der Debatte. Er ist der einzige der sieben Porträtierten, der nicht in einer SteinerSchule eingeweckt wurde, und er gilt als Reformer innerhalb des Goetheanums. Dem Anthroposophischen hafte die Gefahr des Dogmatischen genauso an wie des Sektiererischen, sagt er. Wer aber eine bestimmte Auffassung zur Wahrheit erkläre, stehe dem Diskurs nicht mehr zur Verfügung. Auf Deutsch: reden bitte, nicht predigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2010, 13:44 Uhr


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