Hintergrund

«Trailer müssen Leute vom Kino fernhalten»

Viele nerven sich über Kino-Trailer, die alles verraten. Dabei ist dies das Wichtigste, sagt der Film-Experte Vinzenz Hediger und erklärt, weshalb Trailer voll auf Männer ausgerichtet sind.

Sagt wenig aus, mehr muss er aber auch nicht: Teaser-Trailer zu «The Dark Knight Rises».


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Der Trailer zum neuen Batman-Film ist schon jetzt zu sehen, ein ganzes Jahr vor dem Kinostart. Dabei ist er überhaupt nicht aussagekräftig.
Das ist auch nicht der Sinn. Es geht zu einem so frühen Zeitpunkt der Werbekampagne nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern den Zuschauern mit ein paar starken Bildern einen ersten Eindruck vom Look des Films zu vermitteln. Ziel ist es, den potenziellen Kinogängern zu sagen, dass es demnächst einen neuen Batman-Film geben wird.

Aber so früh? Ist das nicht kontraproduktiv?
Nein. Der Batman-Trailer ist ein sogenannter Teaser-Trailer, der fast nur aus starken Bildern besteht. Der richtige Trailer, der auf einer Zusammenfassung der Story basiert, wird erst sechs bis acht Wochen vor dem eigentlichen Filmstart gezeigt. Neu ist die lange Vorlauffrist von rund einem Jahr. «Spartacus» von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1960, zu dem sechs Monate vor dem Kinostart ein Teaser in die Kinos kam, war hier ein Vorreiter. Über die Geschichte erfuhr man auch in diesem Teaser herzlich wenig.

Das wissen Sie als Experte. Der gemeine Kinogänger könnte sich denken: Nichtssagender Trailer gleich nichtssagender Film.
Unterschätzen Sie nicht die Expertise des Kinopublikums. Die Leute, die wirklich ins Kino gehen, wissen, wie das funktioniert. Als «Terminator 2» 1992 in die Kinos kam, hatte er die bis dato längste Werbekampagne hinter sich. Neun Monate vor dem Filmstart lief ein Teaser des Special-Effects-Spezialisten Stan Winston, der zeigte, wie der Schwarzenegger-Roboter gebaut wird. Die Botschaft war klar: Der Terminator kehrt zurück. Fünf Monate später enthüllte ein zweiter Trailer, dass es dieses Mal zwei Terminator gibt. Im dritten Trailer erfuhren wir, dass Schwarzenegger dieses Mal auf der Seite der Guten sein wird und fasste schon den ganzen Film zusammen. Überhaupt hat man heutzutage oft das Gefühl, man habe mit dem Trailer schon den ganzen Film gesehen.

Aber es nervt doch.
Dahinter steht eine Absicht. Andrew Kuehn, der wohl erfolgreichste Trailermacher des 20. Jahrhunderts, der unter anderem die Trailer zu «Dr. Schiwago», «Der Weisse Hai» und «Titanic» gemacht hat, erklärte mir das einmal so: Früher hatten Trailer einzig die Funktion, die Leute ins Kino zu bringen; heute haben sie überdies die Funktion, diejenigen vom Kino fernzuhalten, für die der Film nicht gemacht ist.

Wieso denn das?
Der Erfolg eines Filmes hängt von der Mundpropaganda ab. Das grösste Problem ist, dass negative Informationen als zuverlässiger gelten als positive und sie sich schneller verbreiten. Deshalb wird in den Trailern so viel verraten. Man will unbedingt verhindern, dass man die falschen Leute ins Kino holt, die mit dem Film nichts anfangen können und negative Informationen in Umlauf setzen. Diejenigen jedoch, die den Film gut finden, würden sich den Film sowieso zweimal anschauen. Also spielt es keine Rolle, wenn sie eine Kurzfassung des Films im Trailer schon gesehen haben.

Ist es Zufall, dass der Batman-Trailer genau vor «Harry Potter» läuft?
Nein, denn es handelt sich um dasselbe Publikum. Die Kernzielgruppe der Hollywoodblockbuster sind die 14- bis 28-Jährigen, und die schauen sich derzeit den «Harry Potter»-Film an. Die Trailerproduzenten richten sich übrigens in erster Linie an die jungen Männer. Man geht davon aus, dass sie die Filmauswahl treffen, wenn sie gemeinsam mit Frauen ins Kino gehen. Die Trailer müssen die Männer überzeugen und die Frauen glauben lassen, es habe für sie auch etwas dabei.

Aber es gibt wohl noch andere Filmtrailer, die gerne vor dem Sommerblockbuster «Harry Potter» platziert werden möchten.
Ja. Seit Jahrzehnten herrscht ein kriegsähnlicher Kampf um die Trailer-Plätze im Vorprogramm der mutmasslichen Sommerblockbuster. «Batman» und «Harry Potter» sind beides Filme von Warner Bros., und der Batman-Teaser wird sicher zusammen mit dem Potter-Film geliefert. Der Kinobetreiber müsste einen Aufwand betreiben, um den Trailer wegzuschneiden. Ohne die Dokumente zu kennen, gehe ich auch davon aus, dass es im Engagement-Vertrag von «Harry Potter» eine Klausel gibt, die besagt, dass mindestens ein Warner-Bros.-Teaser gezeigt werden muss. Früher war es noch so, dass die Kinobetreiber die Trailer mieten mussten. Mittlerweile zahlen die Verleiher sogar dafür, dass die Trailer an richtiger Stelle gezeigt werden.

Wie viel Geld ist da im Spiel?
In amerikanischen Branchenzeitungen wird hie und da darüber spekuliert. Man vermutet, dass die Platzierung mehrere Zehntausend Franken kostet. Aber es lohnt sich. Schliesslich ist der Trailer das mit Abstand effizienteste Kinowerbemittel.

Heutzutage laden sich viele ihre Filme aus dem Internet herunter, ohne Trailer. Werden Trailer mit der Zeit verschwinden?
Der Trailer ist ein unzerstörbares Format. Es gibt keine effizientere Möglichkeit, sich über einen Film zu informieren, weil der Trailer Kinogänger erreicht und mit dem Film selbst wirbt. Das haben die Hollywoodstudios schon 1916 herausgefunden, und in den Jahren darauf wurden Trailer selbst zum Geschäft. Im klassischen Hollywood gab es nur eine Firma, National Screen Service, die alle Trailer produzierte und sicherstellte, dass alle Kinos Trailer zu allen Filmen erhielten, die sie spielten.

Und heute? Produzieren die Regisseure ihre Trailer selber?
Absolut gar nie. Regisseure scheitern immer, wenn sie den Trailer für ihren Film zu machen versuchen. Eine Hauptaufgabe der Trailercutter ist es, den Film schneller und knapper zu machen. Das setzt eine gewisse Härte im Umgang mit dem Material voraus. Regisseure hängen oft aus sentimentalen Gründen an bestimmten Szenen und wählen immer das Material aus, das für Werbezwecke völlig untauglich ist. Für Trailer ist übrigens ein ganz besonderes Talent nötig, und viele Spezialisten tun 40, 50 Jahre lang nichts anderes, als Trailer zu produzieren. Andrew Kuehn hat zweimal versucht, eine Regisseuren-Karriere zu starten – und ist gescheitert. Dafür war er ein genial begabter Trailerproduzent. Joe Dante ist einer der wenigen Trailer-Cutter mit einer Regisseuren-Karriere.

Wie viel kostet so ein Hollywood-Trailer?
Der Basispreis für die allererste Version beläuft sich auf etwa auf 80 bis 100'000 Franken. Danach wird diese zwischen Dutzenden von Leuten hin und her geschoben, deren Karriere und Wohlstand davon abhängt, ob der Film erfolgreich wird. Mit allen Überarbeitungen kann ein Trailer am Ende eine halbe Million Franken oder mehr kosten. Gemessen an der Wirkung des Trailers und den Gesamtkosten einer Filmwerbekampagne, die sich heute auf mehrere Dutzend Millionen Franken belaufen können, ist das allerdings nicht viel Geld.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.07.2011, 11:15 Uhr

Vinzenz Hediger ist Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Publikationen zählen «Verführung zum Film. Der amerikanische Kinotrailer seit 1912» (PDF) und «Demnächst in Ihrem Kino. Grundlagen von Filmwerbung und Filmvermarktung» (Marburg: Schüren 2009).

Die Erfindung des Trailers

Mit dem Ende der klassischen Hollywood-Ära in den 1950er-Jahren fingen die Leute an, sich gezielt Filme anzuschauen, statt einfach ins Kino zu gehen. Die Filme mussten also gezielt als Einzelangebote beworben werden, und zu diesem Zweck hat Hollywood den Teaser erfunden.

Trailer zu «Spartacus»

Trailer zu Terminator 2

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