Kultur
US-Soldaten schiessen gegen Oscar-Gewinner
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 09.03.2010 3 Kommentare
«The Hurt Locker» war von Anfang an ein Erfolg bei Filmkritikern. Viele bezeichneten ihn als den besten Film, der bislang über den Irak-Krieg gedreht wurde, nicht zuletzt, weil er völlig unpolitisch ist und sich stattdessen auf den Kriegsalltag konzentrierte. Es geht (nach einem Drehbuch des Kriegsreporters Mark Boal) um drei Männer einer Einheit, deren Aufgabe es ist, Sprengkörper zu entschärfen. Tenor: Der Film zeigt ungeschönt die grausame Realität des Kriegs.
Oder nicht? Paul Rieckhoff, Irak-Veteran und Gründer der kritischen Organisation «Iraq and Afghanistan Veterans of America», empörte sich bereits im Vorfeld der Oscars, dass «The Hurt Locker» ein verzerrtes Bild der Bombenentschärfer zeige: «Diese treten keine Türen ein, um nach Böswichten und verstecktem Sprengstoff zu suchen.» Auch der englische Bombenexperte Guy Marot äusserte sich enttäuscht über den Film. Er sei extrem ungenau, vor allem was taktische Entscheidungen, Ausrüstung und Kommandostrukturen angehe.
Und obwohl das Drehbuch zum Film von einem Embedded Journalist stammt, kommt ausgerechnet auch aus dieser Ecke Kritik: «Einige Szenen sind so weit von der Realität entfernt, dass man fast schon von einer Parodie sprechen muss», schreibt US-Kriegsreporter Christian Lowe. Auch Soldaten im Irak, die die Oscar-Verleihung live am TV verfolgt hatten, bliesen ins gleiche Horn.
Die Schlüsselszene
Was nun: Ist «The Hurt Locker» genau so Fantasy wie «Avatar», jenen Film, den er bei den Oscars haushoch geschlagen hat? Nein. Zwar sind die Einwände der Veteranen verständlich (wer will schon seinen lebensgefährlichen Einsatz verfremdet dargestellt sehen?), doch «The Hurt Locker» erhebt nie den Anspruch, die Realität abzubilden. Vielmehr wird die Situation einer Bombenentschärfung benutzt, um auf einer psychologischen Ebene aufzuzeigen, wie Soldaten funktionieren.
Freilich hat Regisseurin Bigelow die Szenen auch zugespitzt, um Spannung zu erzeugen – schliesslich ist «The Hurt Locker» ein Actionfilm, keine Dokumentation. Doch nicht Spannung ist Bigelows oberstes Gebot, sondern die Klärung der Frage, warum Männer eine solche Herausforderung annehmen. «Krieg ist eine Droge» heisst es im Vorspann des Films. Diese Prämisse wird vor allem durch den draufgängerischen Soldaten James veranschaulicht. Als er aus dem Irak in die USA heimkehrt, steht er hilflos in einem Supermarkt – und kehrt wenige Tage später freiwillig ins Kriegsgebiet zurück.
Diese Schlüsselszene des Films anerkennt auch Irak-Veteran Paul Rieckhoff als «sehr gelungen»: «Heute führst du eine Einheit aus einem Hinterhalt, am nächsten Tag schlenderst du durch einen Wäschesalon in New York. Keine einfache Umstellung.» Es sind solche Szenen, und nicht die tickenden Bomben, die den beklemmenden Realismus von «The Hurt Locker» ausmachen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.03.2010, 13:17 Uhr
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3 Kommentare
@ «Krieg ist eine Droge» +++++ Vielleicht doch eher eine seelische Selbstfindung, durch die man sich in der scheinbar "realen zivilen Welt" nicht mehr zurechtfindet. Nach einem multimedialen Scherz habe ich bei Youtube A-Bomben-Versuche angesehen: 1 sek lang haben diese mehr beeindruckt als das Seenachtsfest am Bodensee. Antworten
"Glaub nur einem Soldaten, der selber an der Front war!" So lautet ein Sprichwort unter einsatzerfahrenen Soldaten aller Grade und Funktionen. The Hurt Locker (auf deutsch "Tödliches Kommando") ist in sehr vielen Aufnahmen überspitzt und eben ein Spiel- und nicht Dokumentarfilm. Wer als Soldat den Eigenschutz (Force Protection) vernachlässigt, (-wie James im Film-) der muss ein "Psychopath" sein! Antworten
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